Neu in den Kinos: „Die Gleichung ihres Lebens“
Eine hochbegabte Mathematikerin muss erkennen, dass das wirkliche Leben als Außenseiterin die größeren Schwierigkeiten bereithält. Genies sind nämlich nicht nur oft an der Grenze zum Wahnsinn, sondern immer auch Menschen.
„Was gefällt dir an der Mathematik so gut?“ – „Ich könnte ohne sie nicht leben“, beendet Marguerite (Ella Rumpf) das Interview mit der Studentenzeitung. Auch die vorigen Fragen hat sie knapp und präzise beantwortet, sogar jene nach den Hausschuhen, mit denen sie auf dem Gelände der französischen Spitzenuniversität ENS herumläuft. Sie trägt eine kreisrunde Brille und dunkle Kleidung, die streng gescheitelten Haare hat sie nach hinten gebunden. Sie ist ein unauffälliges Genie, wird von ihrem Professor (Jean-Pierre Darroussin) auch als solches protegiert und steht kurz davor, in ihrer Doktorarbeit ein legendäres mathematisches Problem zu lösen. Dass der eben aufgetauchte Student Lucas (Julien Frison) sich ebenfalls um die Lösung des berühmten Goldbach-Problems bemüht, macht Marguerite noch ehrgeiziger. Selbstverständlich hat sie weder eine Beziehung noch Freundin, sondern telefoniert manchmal mit ihrer auf dem Land lebenden Mutter. Auf die demnächst anstehende öffentliche Präsentation ihrer Arbeit ist sie bestens vorbereitet, wenngleich sie ihren Doktorvater noch auf ein etwaiges Problem hinweist. Der winkt ab – und der Vortrag gerät zum Fiasko: Ausgerechnet Lucas hat einen gravierenden Fehler entdeckt.
„Die Gleichung ihres Lebens“ („Le théorème de Marguerite“) ist ein in jeder Hinsicht vorhersehbarer Film, der davon erzählt, dass eine hochtalentierte junge Mathematikerin sich entschließt, ihr Studium hinzuwerfen und ihren Elfenbeinturm gegen das wahre Leben einzutauschen. Denn genau das macht Marguerite, als sie erkennt, dass ihr Professor, der ihr eine „verspätete Adoleszenzkrise“ attestiert, sie fallen lässt und der nicht minder geniale Kontrahent sie scheinbar überflügelt. Doch wie es im wirklichen Leben so ist, erweist sich auch dieses für Marguerite als Herausforderung, wenngleich ihr die Jobsuche wenigstens ein Zimmer und eine lebensfrohe Tänzerin als Mitbewohnerin beschert. Was ihr dennoch selbst auf kleinstem Raum bleibt, ist die große Leidenschaft für die Mathematik, ohne die sie bekanntlich nicht leben kann.
Schwarze Wände, weiße Kreide
Die französische Regisseurin Anna Novion geht also kein Risiko ein, wenn sie in ihrem dritten Spielfilm das im Kino wiederkehrende Motiv des Mathegenies aufgreift, das als Außenseiter seinen Weg in die Gesellschaft finden soll. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen in „Pi“ (Darren Aronofsky) und „A Beautiful Mind“ (Ron Howard) kämpft Marguerite jedoch nicht mit einer Persönlichkeitsstörung und muss sich auch nicht wie in „Good Will Hunting“ (Gus Van Sant) in Therapiesitzungen beweisen. Vielmehr löst der Sprung ins kalte Wasser des wirklichen Lebens bei Marguerite einen Reinigungsprozess aus, der ihr die Augen öffnet. Was aufgrund mancher Schwächen im Drehbuch nicht immer nachvollziehbar ist, wenn es sich um eine erste sexuelle Erfahrung oder illegales Mahjong-Spiel handelt.
Weil Marguerite die Mathematik aber natürlich nicht sein lassen kann, während der Professor die Lorbeeren einheimst, erfährt auch das Verhältnis zu Lucas eine Neuausrichtung. Wenn die Zimmerwände schwarz ausgemalt und mit weißer Kreide vollgekritzelt werden – unverständliche mathematische Formeln sind im Kino für diesen Zweck besonders geeignet –, schrammt das Genie schließlich doch nur knapp am Wahnsinn vorbei.
Am Ende nimmt Novion natürlich eine barmherzige Perspektive auf ihre Protagonistin ein, die zwar nicht immer sympathisch wirkt und sich in unseren Augen nicht immer verhältnismäßig verhält, aber durch Willenskraft und Hartnäckigkeit überzeugt. Um am Ende zu behaupten, dass man das im Vergleich zur Mathematik größere Problem des Lebens jedenfalls immer zu lösen imstande ist.
ab 28.6., Cinema Dornbirn, Metro Kinocenter Bregenz