Bregenzer Meisterkonzerte: Das Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Radoslaw Szulc. (Foto: Udo Mittelberger)
Ingrid Bertel · 03. Mär 2026 · Aktuell

Steiles Tal

Ein UNESCO-Talk im Theater am Saumarkt bringt eine Fülle von Ideen, wie Kultur den sozialen und ökologischen Nährboden stärken kann.

„Regeneration ist das zentrale Narrativ des 21. Jahrhunderts“, behauptet der Kunstmanager Christoph Thun-Hohenstein, künstlerischer Leiter der Zukunftsplattform „ReGenerativa“. Was meint er damit? Die Natur ist erschöpft von unserem grenzenlosen Ressourcenverbrauch. Wir geben zu wenig zurück, als dass sie sich erholen kann. Und auch wir Menschen sind angesichts multipler Krisen zunehmend erschöpft. Thun-Hohenstein setzt auf eine Verknüpfung von prosperierender Wirtschaft mit Klimaschutz und dem Erhalt der Biodiversität. Was kann Kultur dazu beitragen?
Mirjam Steinbock, Leiterin der IG Kultur Vorarlberg, ist begeistert von Thun-Hohensteins Gedanken. Gemeinsam mit Klara Koštal von der österreichischen UNESCO-Kommission zum Schutz und der Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen lud sie zum Gespräch ins Feldkircher Theater am Saumarkt. Der Saal war voll besetzt. Kulturschaffende aller Sparten waren gekommen, um an einem Gespräch mit dem recht sperrigen Titel „Regenerative Kulturarbeit zwischen Krise und Transformation“ teilzunehmen. Worum es dabei geht, machte Matthias Merta, Manager des Biosphärenparks Großes Walsertal, schnell klar.

Im Einklang mit der Natur

Ein so steiles Tal nämlich fordert besondere Achtsamkeit von den Menschen, die dort leben, und den Walser:innen ist es über Jahrhunderte hinweg gelungen, mit ihrer Arbeit ein labiles ökologisches Gleichgewicht in ein stabiles umzuwandeln. Der Natur wäre sowas nämlich egal, so Merta. Was also müssen wir der Natur zurückgeben? Ist es möglich, Natur und Kultur nicht gegeneinander auszuspielen?
Ja, sagt die Geigerin und Klimabotschafterin Lea Brückner und nennt ein Beispiel: Hochwertige Streicherbögen werden seit 200 Jahren aus Fernambuk hergestellt. Dieses Holz wächst nur in Brasilien. Viel gibt es nicht mehr davon, weshalb Brasilien Fernambukholz jetzt auf einen strengen Artenschutzindex stellt. Die Qualität des Bogens ist allerdings entscheidend für den Klang eines Instruments. Lea Brückner verweist auf das „Orchester des Wandels“, das versucht, diese Wälder wieder aufzuforsten. Sie fragt aber auch: Was kann man aus lokalen Hölzern machen? Muss man sich damit zufriedengeben, wenn einem gesagt wird, das habe man immer schon so gemacht?
Muss man nicht. Die IG Kultur Vorarlberg will das beweisen. Es gibt sie seit 35 Jahren, und zum Jubiläum hat man sich für 2026 Forschung vorgenommen. Gibt es regenerative Kulturarbeit auf regionaler Ebene? Und wie sieht sie aus? Es gibt zum Beispiel das „Museum auf Rezept“ beim vorarlberg museum. Das hätten die Mediziner:innen zunächst skeptisch beäugt, erzählt dessen Direktor Michael Kasper. Aber dann hätten sie ihn zunehmend bestärkt und die Relevanz von Kultur im Gesundheitsbereich erkannt. Anschaulich wird das in Sarah Kuratles Roman „Chimäre“, aus dem die Autorin ein Kapitel liest. Oder bei Andreas Paragioudakis, der die Menschen im Saal dazu animiert, zu seinem Lied eine Klangfläche aus gluckerndem Wasser mit Lippen und Gaumen zu erzeugen. Das öffnet geistige Räume, und die Ideen sprudeln nur so.

Steiles Tal

Sie wünsche sich strategische Partnerschaften mit anderen Politikbereichen, sagt Karin Kneissl, Leiterin der Abteilung für europäische und internationale Kulturpolitik im Bundesministerium. Der Kulturbetrieb, das zeigen die Daten, hat eine Vorreiterrolle in ökologischen Themen. In anderen Bereichen allerdings bleibt der Befund niederschmetternd: nirgendwo sonst werden Frauen so schlecht bezahlt wie im Kulturbereich. Der Gender Pay Gap sei größer als in der Gesamtwirtschaft. Er liegt bei 33%, präzisiert Daniela Koweindl von der IG Bildende Kunst und greift einen Gedanken von Matthias Merta auf: Wo wenig ist, hat es gravierende Folgen, wenn man vom wenigen wegnimmt. Das gelte etwa für die Zuverdienstgrenze. Es braucht also andere Rahmenbedingungen, damit Kulturarbeit regenerativ sein kann. Welche? Das konkret herauszufinden, hat sich die IG Kultur für 2026 vorgenommen.
Aufbruchstimmung herrscht im Saal, und Martin Fritz, Generalsekretär der österreichischen UNESCO-Kommission, zieht Bilanz. Von einem „steilen Tal“ habe Matthias Merta gesprochen – nicht von einem „engen Tal“. Dennoch gebe er zu bedenken: „Mehr und mehr von uns leben in einem steilen Tal.“