Klara Vith – „[No Subject]“, Videoinstallation (Foto: Patricia Keckeis)
Michael Löbl · 03. Mär 2026 · Musik

Ein musikalisches Biotop

Der Landeswettbewerb „prima la musica“ in Feldkirch

Wenn sich das Feldkircher Reichenfeldareal für vier Tage in ein musikalisches Biotop verwandelt, findet dort der Landeswettbewerb „prima la musica“ statt. Über 300 junge Musikerinnen und Musiker aus Vorarlberg im Alter von fünf bis zwanzig Jahren zeigen, was sie bereits können und wohin ihre Reise gehen könnte.

Nirgendwo sonst können Musikfreunde aus einem vielfältigeren Angebot an Solostücken und Kammermusik wählen, dargeboten von jungen Talenten aller Altersstufen. Von Schlagzeugensembles in der Musikschule über Klavier solo im Festsaal der Stella Hochschule bis zu Blechbläserquintetten im Pförtnerhaus gibt es wirklich viel zu entdecken. Manche vertreten ja die Meinung, Musik und Wettbewerb sind zwei Paar Stiefel, Kunst ist nicht messbar und Wettkämpfe sollten dem Sport vorbehalten sein. Zugegeben, das klingt gut, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als realitätsfremd. Wie haben denn alle 145 Mitglieder der Wiener Philharmoniker ihren Job bekommen? Durch ein gewonnenes Probespiel. Wie kommt eine junge Sängerin auf die Bühne der Mailänder Scala? Durch ein Vorsingen. Die Wettbewerbssituation begleitet Musiker:innen durch viele Jahre ihres Lebens, von der Aufnahmeprüfung an einer Ausbildungsstätte bis zur eigenen Bewerbung als Pädagog:in an einem Musikinstitut. Darum ist es sicher keine falsche Entscheidung, sich früh diesem Thema zu stellen, die eigene nervliche Belastung zu beobachten, zu trainieren und irgendwann Klarheit darüber zu erlangen, ob der stressige Musikerberuf überhaupt die richtige Wahl ist. „prima la musica“ bietet gerade dafür das perfekte Umfeld. Die Jurys sind wohlwollend, die Punktewertung ist aufbauend bis ermutigend und das Hinarbeiten auf ein Ziel ist mit Sicherheit weitaus motivierender, als im stillen Kämmerlein allein vor sich hinzuüben.     

Verblüffende Leistungen

Interessierte Zuhörer:innen können ihren Besuch entweder genau planen oder sich von den diversen musikalischen Aktivitäten in den verschiedenen Locations überraschen lassen. Neben Streichern, Bläsern, Schlagwerk und Klavier gibt es auch Gitarre, Orgel, Akkordeon, Hackbrett und Volksmusikensembles und daher ist für jeden Geschmack etwas dabei. Im Zweijahresrhythmus wechseln Solowertungen und Kammermusik, 2026 waren beispielsweise die Streicher solistisch gefordert, während bei den Bläsern Ensembles im Mittelpunkt standen. Und gerade in dieser Kategorie konnte man wirklich außergewöhnliche Leistungen bestaunen, auf einem Niveau, das man von Musiker:innen in diesen Altersgruppen noch gar nicht erwarten würde. Das rein weiblich besetzte „Stellina Bläserquintett“ zum Beispiel. Kammermusikalisch betreut wird das Ensemble von Nolwenn Bargin an der Stella Musikhochschule und das Ergebnis ist verblüffend professionell, makellos in Zusammenspiel und Intonation. Wer ein anspruchsvolles Programm mit Werken von Paul Taffanel, Thierry Escaich und Ferenc Farkas bereits um 8.30 Uhr morgens so perfekt abliefern kann, hat uneingeschränkten Respekt verdient. 
Ortswechsel ins Pförtnerhaus zu den Blechbläsern. Auch hier dominieren zunächst weibliche Musikerinnen das Geschehen. Beim Hornquartett „4tone“ rettet zumindest ein Kollege die männliche Ehre. Dass Hörner grundsätzlich erst als Gruppe ihr volles Potenzial ausschöpfen, wurde an diesem Vormittag wieder eindrücklich bestätigt. Es ist einfach ein Genuss, wenn vier gut aufeinander eingespielte Hornist:innen ein Crescendo vom piano bis ins fortissimo aufbauen und es dann so richtig krachen lassen. Nach der Anzahl der Teilnehmer:innen zu urteilen, scheint die Hornklasse von Michael Pescolderung an der Stella gerade in Topform zu sein. Dass Musik auch von Showelementen lebt, ist auch den „Brass Divas“ nicht verborgen geblieben. Ihr originelles Intermezzo mit den drei Alphörnern wird allen Zuhörer:innen noch länger im Gedächtnis bleiben.

Überraschende Entdeckungen

Aber dann gibt es Musiker:innen, die nicht am Wettbewerb teilnehmen und dennoch auf der Bühne anzutreffen sind, nämlich die Korrepetitor:innen und Begleiter:innen. So war es in der Kategorie Gesang der Pianist, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Mykola Myroshnychenko, Gewinner des Stella Musikpreises 2022, hat ganz kurzfristig die Begleitung zweier Sängerinnen übernommen und trug die Kandidatinnen musikalisch auf Händen. Der äußerst zurückhaltende Musiker aus der Ukraine gestaltete seinen Klavierpart so ausdrucksvoll, dass man sich immer wieder zwingen musste, auch auf den Gesang zu hören. Ob Händel, Mozart, Schubert, Kurt Weill oder Ligeti – Mykola Myroshnychenko spielte alles absolut souverän und traf stets den richtigen Ton. Wer ihn als Solist hören möchte, hätte am 12. April im Theater am Kirchplatz in Schaan Gelegenheit dazu.
Bei einem Kaffee in der Kantine hatte man Zeit, das vorbildlich gestaltete, umfangreiche Programmheft genauer zu studieren. Zunächst einmal verdient die perfekte Organisation des Wettbewerbs ein Sonderlob. Das doch sehr komplexe Räderwerk läuft wie eine gut geölte Maschine. Trotz der vielen Akteur:innen und Locations ist keinerlei Hektik zu spüren, alle handelnden Personen sind pünktlich dort, wo sie sein sollen und die gesamte Atmosphäre ist entspannt und herzlich. Dahinter steckt eine personalintensive Organisationsstruktur, wobei alle Fäden am Ende bei zwei Personen zusammenlaufen: Petra Hopfner, Mitarbeiterin der Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung der Landesregierung und Mathias Lang, Geschäftsführer des Vorarlberger Musikschulwerks. Das Programmheft mit allen Namen der jungen Musiker:innen verrät einige interessante Details: Die musikalische Zukunft ist vorwiegend weiblich. Namen bekannter Vorarlberger Musiker:innen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Teilnehmerlisten. Es gibt einige Familien mit mehreren Teilnehmenden in unterschiedlichen Kategorien. Bis zu einem Geschwisterpaar, das in insgesamt vier Kategorien angetreten ist und davon dreimal als Landessieger in der Kategorie IIIplus ausgezeichnet wurde. Wie machen die das?

Coole Schlagzeuger

Zum Schluss noch einmal zurück in die Musikschule, Kammermusik für Schlagzeug, Altersgruppe I, 10 bis 12 Jahre. Volltreffer! Das Trio „Stix Mix“ zog eine Show ab, die ungläubiges Kopfschütteln hervorrief. In der 15-minütigen Performance der drei Schützlinge ihres Lehrers Stefan Greussing wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt: Vertrackte Rhythmen, höllisch schnelle Tempi, alles an Instrumentarium was so auf der Bühne herumstand, Marimbaphon, Vibraphon, Bongos, Kongas, Kuhglocken und das Ganze natürlich auswendig. Ein Wahnsinn.
Ende Mai findet dann der Bundeswettbewerb statt, diesmal in Eisenstadt. Wer sich für den musikalischen Nachwuchs interessiert, sollte ins Burgenland fahren und den Vorarlberger Teilnehmer:innen vor Ort die Daumen drücken. 

www.musikderjugend.at