Das PulsArt Ensemble der Stella Privathochschule in Feldkirch (Foto: Victor Marin)
Ingrid Bertel · 19. Jun 2024 · Ausstellung

Starker Stoff

Das Textilmuseum St. Gallen unterzieht seine Dauerausstellung in Museumsgesprächen mit Expert:innen einer kritischen Überprüfung – und stößt auf verdrängte Aspekte in der Geschichte der Textilindustrie.

„Klaffende Lücken in der Sammlung von Objekten“ ortet der Historiker und Aktivist Hans Fässler, vor allem aber „klaffende Lücken in der Betrachtungsweise“. Roman Wild, Kurator am Textilmuseum St. Gallen hat ihn zum Gespräch gebeten, und der Besucherandrang beweist: Hier wird ein brisantes Thema verhandelt. Mit seinem mittlerweile zum Klassiker avancierten Buch „Reise in Schwarz-Weiß. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei“ hat Fässler als erster die Tuchent gelüftet, und in der Schweiz wird das Thema seither von Historiker:innen im Detail untersucht.

Roman Wild hat ein dreiteiliges Gemälde für sein Gespräch mit Fässler ausgesucht. Es trägt den Titel „Von der mittelalterlichen Leinwandindustrie zum Stickerei-Welthandel“ und wurde 1881 von Gottlieb Emil Rittmeyer im Auftrag des Kaufmännischen Direktoriums (heute Industrie- und Handelskammer) gemalt. Rittmeyer war als Sohn eines wohlhabenden Stickereiunternehmers quasi vom Fach. Er malte eine Weberin und eine Leinwandschau, ziemlich viele Kaufleute, einen Globus (um die Dimension der St. Galler Handelstätigkeit zu verdeutlichen), eine Karte der Bodenseeregion, eine Telegrafenleitung, Fabriken, eine Lokomotive und Käufer aus allen Teilen der Welt. Nur eines malte er nicht: die Baumwollfelder in den amerikanischen Südstaaten und die Sklav:innen, die die Baumwolle anbauten, ernteten, entkörnten, verpackten und verschifften. Warum stellte er sie nicht dar? Wusste er nichts von ihnen? Oder hat er sie bewusst ignoriert?

Ein Menschheitsverbrechen

„Er hatte wohl ein schlechtes Gewissen“, vermutet ein Herr aus dem Publikum. 1881, als Rittmeyer das Bild malte, war die Sklaverei abgeschafft, und man begann sich dieses Menschheitsverbrechens zu schämen. Das lässt Hans Fässler nur bedingt gelten. Zum einen, weil die Sklaverei in vielen Gebieten nur nominell abgeschafft war und in Form von rassistischen Gesetzen weiter bestand. So wurden etwa Schwarze, die einen „unsteten Lebenswandel“ hatten, in den amerikanischen Südstaaten gefangen genommen und zur Baumwollernte zwangsverpflichtet. Zum anderen aber geht es Fässler – und mit ihm dem Kurator Roman Wild - darum, die Spuren der Kolonialgeschichte an den tausenden Objekten des Museums nachzuweisen.
„Ein anderes Selbstbild der Schweiz“ wünscht sich Hans Fässler, denn obwohl kein Kolonialland, habe die Schweiz – wie im Übrigen auch Vorarlberg – vom Dreieckshandel mit Sklaven über mehr als ein Jahrhundert profitiert. Am Beginn dieser kolonialen Geschichte steht die Leinwandproduktion, die seit dem späten Mittelalter in der Ostschweiz und auch in Vorarlberg dominierte. Leinwand ging, ebenso wie die „Indiennes“ (ursprünglich in Indien, später auch in der Ostschweiz hergestellte bedruckte Stoffe) in den Export nach Afrika – und wurde zu jenem Handelsgut, mit dem man Sklavinnen und Sklaven erwarb. In der Gegenrichtung kamen in der Schweiz und in Vorarlberg sogenannte „Kolonialwaren“ an, mit denen etwa auch Johann Josef Ganahl in Feldkirch handelte.

Baumwollindustrie

Die so entstehenden Handelsrouten sind der Wegbereiter für die Baumwollindustrie. Um deren ökonomische Bedeutung deutlich zu machen, zitiert Hans Fässler aus dem 1847 veröffentlichten Buch „Das Elend der Philosophie“ von Karl Marx: „Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie.“
Der Appenzeller Baumwollhändler Johann Caspar Zellweger war ganz gewiss kein Marxist, aber inhaltlich hätte er wohl zugestimmt. 1835 schrieb er: „Schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts spürte man auch bei uns die Folgen der Entdeckung von America. Von Zeit zu Zeit stiegen die Preise der Leinwandtücher.“ Immerhin verdienten zehntausende Menschen in der Region ihren Lebensunterhalt mit Produktion und Handel mit Baumwollgeweben. Hans Fässler nennt auch die Namen derer, die nicht in Heimarbeit auf kleinen Schweizer Bauernhöfen schufteten: den Sklavenhändler Hironymus Sailer zum Beispiel; die Sklavenbesitzer Schobinger, Gsell, Zollikofer; die Plantagenbesitzer Vonwiller, Kunckler, Rietmann, Schlumpf, Högger, Scherer, Züblin. Die Geschichte der Ostschweizer Textilindustrie wird auch in diesem düsteren Aspekt erforscht – in Vorarlberg kann von ähnlich kritischer Rückschau keine Rede sein.

Geschichte einer Globalisierung

Ein letzter Blick auf das Rittmeyer-Gemälde: Ganz rechts sieht man einen Afrikaner inmitten einer Gruppe von Asiaten, Arabern, Indern – als Käufer, der die Wohltaten der Schweizer Textilindustrie genießt. „Um das Jahr 1860 gab es vier Millionen Sklavinnen und Sklaven in den USA“, berichtet Hans Fässler, „von denen 60 % in der Baumwollproduktion arbeiteten. Ein Versklavter auf einer Baumwollpantage in den US-Südstaaten arbeitete sechs Tage in der Woche „from day clean to first dark“, was ungefähr einen Zehn-Stunden-Tag bedeutete.“  Die Besucherinnen und Besucher sehen sich die Dauerausstellung an. Fässler deutet auf einen Wandtext: „So wurden im Textilhandel immer wieder geographische, manchmal aber auch moralische Grenzen überschritten.“  Ach so? Und das ist alles. Es gibt im ganzen Saal kein einziges Bild eines versklavten Menschen.
„Wie soll das Textilmuseum dieses belastete und belastende Thema in Zukunft ausstellen?“, fragt Kurator Roman Wild. „Etwa indem Wertschöpfungsketten sichtbar gemacht werden“, sagt Hans Fässler und hat schon wieder Grund, sich über eine Formulierung der reichlich angestaubt wirkenden Schau zu ärgern. „… Baumwollplantagen in den USA wurden von Sklaven bewirtschaftet“, heißt es da. Fässler moniert einen Mangel an sprachlicher Sorgfalt: „Ein Sklave war ein schwarzer Körper, der vom weißen Sklavenhalter gekauft worden war. Er war dazu verdammt, auf den Baumwollfeldern brutalste Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen zu leisten, bis er tot oder krank oder unbrauchbar war. Das kann man nicht mit ,bewirtschaften‘ sprachlich fassen.“
Als 1863/65 die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde, reagierte die St. Galler Tagespresse mit Entsetzen. Die „Baumwollhungersnot“ löste eine Krise in der Textilindustrie aus, denn man hatte die Baumwolle in erster Linie aus den Südstaaten bezogen. Jetzt verlagerte sich das Geschäft nach Brasilien, wo die Sklaverei erst 1883/88 abgeschafft wurde. „Es war eine Abhängigkeit wie heute vom Erdöl“, bemerkt trocken eine Besucherin, „und deshalb musste die Baumwolle billig sein.“
„Die Textilindustrie ist eine der schmutzigsten Industrien der Welt“, sagt Hans Fässler, „wo sich Missstände durch die gesamten Produktions- und Lieferketten ziehen.“ Das gelte bis heute, man denke nur an Fast Fashion. Es gibt also reichlich Anregungen für das Textilmuseum. „Im 19. Jahrhundert“, schließt Fässler, „widmeten sich die Museen den Unternehmerpersönlichkeiten. Im 20. Jahrhundert dominierte die soziale Frage. Es ist jetzt Zeit, sich der kolonialen Frage zu widmen.“

https://www.textilmuseum.ch/