Neu in den Kinos: „The Bikeriders“ (Foto: Focus Features)
Michael Pekler · 18. Jun 2024 · Film

Neu in den Kinos: „The Bikeriders“

Zeiten des Aufruhrs und des Umbruchs: Inspiriert von Danny Lyons gleichnamigem Fotoband erzählt US-Regisseur Jeff Nichols („Take Shelter“) vom Aufstieg und Niedergang einer Motorrad-Gang aus Chicago Mitte der Sechzigerjahre. Ein Bikerfilm der etwas anderen Art.

Danny Lyon war immer mittendrin. Bereits mit seinen ersten aufsehenerregenden Bildern war der heute 82-jährige Fotograf und Dokumentarfilmemacher, ganz im Sinne des „New Journalism“, Teil des Geschehens. Auf diese Weise machte sich Lyon bald als wichtiger Vertreter jenes Reportagestils einen Namen, der in den Sechzigerjahren in den USA das Augenmerk vor allem auf politische und soziale Verhältnisse richtete: Lyon dokumentierte die Bürgerrechtsbewegung, den durch Spekulation voranschreitenden Verfall des historischen Manhattan und Gefängnisse in Texas. Und eine Motorradgang aus Chicago. 
„The Bikeriders“ heißt sein 1968 erschienener Band, der in den für ihn typischen Schwarzweiß-Aufnahmen den von Benzin und Leder durchtränkten Alltag der Biker glorifiziert – ein Jahr vor Dennis Hoppers heute als Kultfilm geltendem „Easy Rider“. Denn Lyon war selbst begeisterter Motorradfahrer, wurde Mitglied beim berühmten Outlaws Motorcycle Club und fuhr einige Jahre mit der so gefürchteten wie verehrten Truppe durchs Land. Erst später sollte er als jüdischer Fotograf nicht nur angesichts der Naziflaggen bekennen: „I was kind of horrified by the end.“

Ära der Außenseiter

Dass Lyons Fotoband nun zur Vorlage für einen Spielfilm wurde, mag auf den ersten Blick verwundern in Zeiten, in denen die sogenannte Gegenkultur längst und wohl endgültig als Randphänomen abgeschrieben wurde. Andererseits hat sich womöglich aus eben diesem Grund der aus dem Mittleren Westen stammende Regisseur und Autor Jeff Nichols des Stoffes angenommen. Nichols gilt mit Arbeiten wie „Shotgun Stories“ und „Take Shelter“ als Vertreter eines unabhängigen US-Kinos abseits glänzender Hollywoodproduktionen. Und es mag eine große Empathie für eine vergangene Ära und ein verschwundenes Außenseitertum eine Rolle gespielt haben, mit der Nichols seine fiktive Geschichte des Biker-Königs Johnny (Tom Hardy) und seiner Nummer zwei, des jungen Benny (Austin Butler), erzählt. Während der ältere Johnny hinter der Fassade der Coolness stets verletzlich wirkt, lebt Benny den Heißsporn in sich aus. 
Als Hommage an Danny Lyon lässt Nichols anhand mehrerer Rückblenden „The Bikeriders“ von einem Fotoreporter berichten, der mit Kamera und Tonband die Story der Motorrad-Gang dokumentiert. Diese wiederum ist eine klassische über Aufstieg und Niedergang: Als Johnny, verheirateter Lastwagen- und begeisterter Motorradfahrer, eines Tages Marlon Brando als „The Wild One“ sieht, ist die Gründung der „Vandals“ nur der logische nächste Schritt. Aus dem nachmittäglichen Vergnügen wird geradezu professioneller Ernst: Im neuen Clublokal wird wenig geredet, aber viel geraucht und getrunken, die Lederkluft mit der Aufschrift am Rücken verschafft Respekt und das kollektive Auftreten in der Öffentlichkeit für Aufsehen und Bewunderung bei der Jugend. Nichols zeichnet hier das Bild von selbstbestimmter Freiheit und verschworener Gemeinschaft. Dass vor allem für Benny der Männerverein das Wichtigste im Leben ist, was wiederum die Beziehung zu seiner Frau Kathy (Jody Comer) schwer belastet, erscheint nahezu wie ein Naturgesetz. 

Unerfüllbarer Traum

Weil Nichols selbstverständlich weiß, dass es zu dieser allzu leicht ins Heroische kippenden männlichen Freiheitsfantasie ein Korrektiv braucht, überlässt er kurzerhand Kathy in einer Rahmenhandlung die korrigierende Sicht auf die Dinge: Kathy ist die Außenseiterin in der Gruppe der Außenseiter, die einem Danny Lyon nachempfundenen Fotografen (Mike Faist) vom Alltag der Gang berichtet, während sich ihre Ehe mit Benny als einzige Belastungsprobe erweist. Kathy weiß um die Bedeutung des rechtzeitigen Absprungs, nicht nur angesichts von Drogenkriminalität, Prostitution und zunehmender Gewalt.
In seinem Kern erzählt „The Bikeriders“ von unversöhnlichen Gegensätzen und vom schmalen Grat zwischen einem letztlich unerfüllbaren Traum und der Wirklichkeit. Und nebenbei vom richtigen Zeitpunkt für eine Vollbremsung im Leben. Aber auch vom Wunsch nach einer Identität, mit der man anders, aber doch nicht allein ist. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht auch auf einem Motorrad einsam fühlen kann. 

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