Werkraum Bregenzerwald: Hirotoshi Kitamura erläutert reine Holzverbindungen, Noriaki Ikeda übersetzt. (Foto: MPS)
Anita Grüneis · 01. Dez 2025 · Literatur

Sophie Hunger und ihr „Walzer für Niemand“

Musik trifft Literatur: Sophie Hunger präsentiert ihren ersten Roman

Die Künstlerin Sophie Hunger ist seit Jahren musikalisch unterwegs, nun hat sie sich einen uralten Traum erfüllt und ein Buch geschrieben. „Walzer für Niemand“ heißt ihr Debütroman. Die Autorin selbst wird ihr Werk am 4. Dezember im SAL in Schaan in einem „musikalisch-literarischen Abend über Freundschaft, Musik und das Erwachsenwerden“ vorstellen.

Die Idee, ein Buch zu schreiben, ist uralt, wie Sophie Hunger in einem Interview bekannte. Bereits im Alter von Anfang 20 habe sie ein Romanprojekt im Kopf gehabt, bei der sich unter anderem vieles um eine Walserin drehen sollte. Doch dann kam ihr die eigene musikalische Karriere dazwischen. Ihr erstes Soloalbum „Sketches on Sea“ erschien 2006, sie hatte die Songs innerhalb von nur fünf Tagen in ihrem Wohnzimmer aufgenommen und sich dabei selbst auf Klavier, Gitarre und Mundharmonika begleitet. Es war eine kleine Auflage und ein großer Erfolg. Dann folgte „Monday’s Ghost“, die Platte erreichte rasch Platz 1 der Popalbum-Charts in der Schweiz. Sophie Hunger schrieb zudem die Musik zu Micha Lewinskys Film „Der Freund“ und trat als erste Schweizerin beim renommierten Festival in Glastonbury auf.

„Salzburg wird’s nicht merken“

Neben ihrer musikalischen Karriere war Sophie Hunger aber auch immer literarisch unterwegs. Sie verfasste Kolumnen für die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ und sorgte in Österreich für Aufsehen, als sie vor über fünfzehn Jahren einen fiktionalen Bericht über die Salzburger Festspiele schrieb, den sie in Form eines Briefes an den verstorbenen Thomas Bernhard gestaltete. Er endete mit den Sätzen „Thomas Bernhard, ich sitze im Zug in die Wüste. Nach Salzburg gibt es nichts, keine Zivilisation kann mich noch halten. Ich habe ihre Spitze gesehen und war verloren. Und wenn die Welt auch untergeht – Salzburg wird’s nicht merken.“

Musikalische Basis

Und nun ist ihr geträumtes Buch Wirklichkeit geworden. In „Walzer für Niemand“ beschreibt sie unter anderem, dass die Musik in ihrer Kindheit ein bestimmender Faktor war, wofür auch eine „überschaubare Plattensammlung“ sorgte. „Wir bewegten uns noch stolpernd, ungezügelt, hemmungslos, also mit jenen maßgebenden Eigenschaften, die wir später ins Innere unserer Gestalten zu verbannen lernten. [...] Bei der Plattensammlung allerdings, da ließ man uns sein, da schien das Risiko einer versehentlichen Selbstvernichtung gebannt, ja, dort waren wir sicher.“ Als Diplomatentochter mit zwei älteren Geschwistern wuchs sie in Bern, London, Bonn und Zürich auf. Sie spreche viele Sprachen, beherrsche aber keine einzige, sagt sie selbst. Ihre eigentliche Sprache ist die Musik, der Vater hörte Jazz und Punk, die Mutter Volkslieder. Auch ihr Buch hat eine musikalische Basis: „Walzer für Niemand“ hieß einer ihrer Liebeslieder. Es beginnt mit den Worten: „Niemand kommt rein und setzt sich hin / Den Fuß auf den Tisch, die Hand unters Kinn / Niemand ist hungrig, mein Frühstücksmenü / Niemand kommt immer zu früh.“ Und am Ende singt sie: „Niemand, was, was willst du? / Immer bist du hier / Niemand, was, was willst du / Von mir?“

Ein Banksy im Spiegel 

Niemand ist im Buch von Anfang an bei ihr. Er ist eine wichtige Figur, die sie begleitet, ein Freund von Kindheit an und gleichzeitig ein Alter Ego. „Du standest meist unbewegt und mit abgewandtem Gesicht in einer Randzone. Du machtest dabei den Eindruck, als würdest Du warten. Als würdest Du geduldig ausharren, als sei das Warten Deine eigentliche Beschäftigung. Die nobelste aller Tätigkeiten, eine Berufung. Von meinem Zimmer aus und durch den weiß lackierten Fensterrahmen eingefasst, sahst Du aus, als wärst Du an die Wand gemalt, ein Banksy im Spiegel.“ Niemand ist eine reale Figur für Sophie Hunger, aber dann auch wieder nicht. Je mehr sie sich selbst für die Welt öffnet, desto schwieriger wird die Freundschaft mit Niemand. „Niemand, was, was willst du?“, fragte sie im Song und so fragt sie nun auch im Buch. „Als Reaktion auf eine direkt an Dich gerichtete Frage hast Du hauptsächlich zu Boden geblickt und melancholisch gelächelt. Nur mir schien es gegeben, dieses Lächeln zu deuten. Was im Lauf der Zeit dazu führte, dass die Leute mich ansprachen, wenn sie doch eigentlich Dich ansprechen wollten. Gerade so, als wärst Du gar nicht da.“ 

Die Walserinnen und das Eis

Ein mythologischer Erzählstrang im Buch gilt den Walserinnen: „Jenes alpine Urvolk, das nur in höchster Höhe seine Heimat fand, das dort lebt, wo die Luft so dünn ist, dass das Atmen schmerzt, wo jedes Wort, jeder ausgestossene Stimmenlaut einem Kraftakt gleichkommt. Jenes Urvolk, welches nicht Feuer, sondern Eis verehrte. Weil das Eis bewahrt und das Feuer verbrennt.“ Mit dem Thema der Walserinnen wurde Sophie Hunger durch ihre Mutter vertraut gemacht. Sie hatte immer viele Geschichten über die Walserinnen erzählt und Sophie oft ermahnt: „Du schaffst das, du bist eine Walserin.“ Im Buch erzählt die Autorin Geschichten über die Walserinnen, setzt diese aber auch grafisch klar von der eigenen Geschichte ab. So heißt es in der Geschichte „Die Walserin 22“: „In den Sprunggelenken, dem Trommelfell, entlang der Aorta und unter dem Hautgewebe ihrer Fingerspitzen tragen die Walserinnen kleine Sauerstoffreservoirs. Geraten sie in besonders dünne Luft, zapfen sie diese Vorräte an. Ersticken können sie allein an ihren Gedanken.“ 

Die Zeit zögert

Niemand bleibt übrigens bei Sophie Hunger bis zum Schluss des Buches. „Wenn man Dich am wenigsten erwartet, machst du Dich bemerkbar. Ein Vibrieren, ein Beben, ein kleines Spiel im Vorhang vor den Fenstern können Dich verraten, am stärksten aber das lebendige Nichts. [...] Wie oft passiert es mir. Es ist Showtime, ich kehre kurz allein zurück in die Garderobe, um das vergessene hellgraue Plektrum zu holen, ohne das das erste Lied nicht gespielt werden kann. [...] Die Band steht schon mit einem Fuß auf der Bühne, das Pfeifen und Klatschen aus dem Zuschauerraum hebt an. [...] Ich halte inne, die Zeit zögert, was ist das? Der Raum ist nicht leer, hier ist jemand, etwas ist da. Du bist es, Niemand. Ich halte mich fest daran, beiße in das gewölbte Stück Fleisch meiner geballten Hand, schließe die Augen, versuche, nicht zu denken, um Dich ja nicht zu verscheuchen.“ Sophie Hunger ist übrigens überzeugt, dass „nur das Erfundene sich der Wahrheit nähern kann.“

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez.25/Jan.26 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Sophie Hunger: Walzer für Niemand. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 192 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN: 978-3-462-00324-6, € 23,95

Lesung: 
4.12., 19.30 Uhr, SAL, Schaan
www.sal.li