Yasmo und die Klangkantine: Augen auf und durch
Jazz und Hip-Hop sind musikalische Geschwister, die einander mittlerweile auch schon drei Jahrzehnte lang heftig inspirieren. Im deutschsprachigen Raum zählt sicherlich die Wiener Poetry-Slammerin und Rapperin Yasmin Hafedh aka Yasmo mit ihrem 2017 veröffentlichten Debütalbum und den Nachfolgern „Prekariat und Karat“ (2019) sowie „Laut und Lost“ (2022) zu den bemerkenswertesten und erfolgreichsten Vertreter:innen dieses Genres. Das nunmehr vierte Album „Augen auf und durch“ wird diesen Ruf garantiert festigen – typisch Yasmo unterläuft sie das erwartungsgemäße „Augen zu und durch“, denn sie fordert in vielen Texten Wachsamkeit, bewusstes Hinschauen und Selfawareness.
Hafedhs Sprachgefühl, ihr Wortwitz, die clevere Kombination aus Hochdeutsch, Anglizismen, Generation Z-Slang und Wiener Dialektausdrücken, ihr Hang zu Ironie und Selbstironie machen sie zur singulären Erscheinung. Plakative Kraftmeierei ist ebenso wenig ihr Ding wie missionarischer Eifer oder moralinsaure Belehrungsversuche. Viele Themen sind mit kritischen Selbstreflexionen kombiniert, umso glaubwürdiger wirken ihre redegewandten Abhandlungen, die in wahren Wortschwällen kulminieren können. Arbeitsüberlastung, Terminstress, Oberflächlichkeit, Fremdenangst und rechtes Geschwafel („Menschen haben Rechte / Rechte haben Hetze / Keine Argumente, lauter Hass und nur Geschwätze), Vereinnahmung und Fremdbestimmung, Unbedingt-dazugehören-Wollen, übertriebene Erfolgsvorstellungen, Frauenfeindlichkeit, Stillstand, Resignation, unerfüllbare Ansprüche an die eigene Perfektion, Unterdrückungsmechanismen, Influencer-Schweinwelten, das sind nur einige der von ihr wortreich aufgezeigten Problemzonen. Diesen stellt sie selbstbewusstes Aufbegehren, Selbstermächtigung, kämpferische Tatkraft, Pflegen von Freundschaften und Banden-Bildung mit Gleichgesinnten, Solidarität, das Recht auf Wut und last but not least mehr Gelassenheit und Optimismus entgegen. Etwa in der aus der Sicht durch die rosarote Brille geschriebenen Aussteiger-Hymne „Das gute Leben“, die auch den Albumtitel beinhaltet: „Brille ab / Augen zu und durch das gute Leben / Was ich heut mach? / Lass es mir gut gehen“.
Humor ist eine ihrer Grundhaltungen, vielleicht im Sinne eines Dario Fo, der einstmals meinte, beim Lachen öffne sich nicht nur der Mund, sondern auch das Gehirn, und in dieses könnten dann die Nägel der Vernunft eindringen. Ebenso vielgestaltig und facettenreich wie Yasmos Sprachkunst ist auch die musikalische Ausgestaltung dieses Projekts durch die heuer ihr 10-Jahre-Jubiläum feiernde, neunköpfige Hip-Hop-Jazz-Bigband Klangkantine. Gitarrist und Jazzorchester-Spezialist Ralph Mothwurf und der Genre-übergreifend kreative und gerne mal die üblichen Kategorien sprengende Kontrabassist Tobias Vedovelli haben jeweils die Hälfte der 12 neuen, energiegeladenen Titel komponiert und arrangiert. Die Musik ist weit mehr als bloße Untermalung – sie kommentiert, betont, verfeinert oder konterkariert die verbalen Botschaften. Präzise, in die Beine gehende Rhythmen, funky und farbenreiche Bläsersätze, Zappaeskes, kleine Rückgriffe in die Jazz-Historie, etwa gemütliche Swing-Attacken, gefühlvolle Pianopassagen oder lässige Grooves – höchst einfallsreich finden sie stets die ideal passenden Noten zu Hafedhs Worten. Und die predigt nicht nur mutige Schritte, sondern setzt auch selber welche. So hat sich die Band konsequenterweise aus der großen Musikindustrie mit ihren Anforderungen in Richtung Quote, Clicks und Charts-Tauglichkeit herausgenommen, finanziert und produziert selber, hat auch Organisation und Booking selber übernommen. Und dabei ist dieses geniale Zwitterwesen aus politischem Bewusstsein und Tanzbarkeit herausgekommen. Chapeau!
(Ink Music)
Konzerttipp: 18.12.25 Remise Bludenz