So geht Theater
„Holzfällen“ von Thomas Bernhard mit Nicholas Ofczarek und Franui im Bregenzer Festspielhaus
Was wir eigentlich schon immer wussten: Für einen großen Theaterabend braucht es nicht viel. Einen hervorragenden Schauspieler, einen Text der Weltliteratur, dazu passende und gut gespielte Musik plus ein tolles Lichtkonzept. All das konnte man am Dienstagabend (21.4.) im Festspielhaus erleben.
Das Publikum – zu konstatieren war die auffallend hohe Promidichte – erlebte einen Abend in einer perfekten Kombination: Der zwei Stunden lang vor sich hingrantelnde Wiener Ich-Erzähler fand in Nicholas Ofczarek seinen perfekten Interpreten, Franui lieferte die passgenaue Soundkulisse. Und nicht zu vergessen: Das grandiose Lichtkonzept von Paul Grilj.
Warten auf den Burgschauspieler
Thomas Bernhard nennt sein 1984 erschienenes Werk nicht Roman, sondern „eine Erregung“. Ein Ich-Erzähler sitzt in einem Ohrensessel in der Wiener Wohnung des Ehepaars Auersberger. Mit ihnen war er einst gut befreundet, vor 20 Jahren war der Kontakt aber abgebrochen. Bei einer zufälligen Begegnung in der Wiener Innenstadt wurde der Erzähler nun zu einem „künstlerischen Abendessen“ eingeladen. Künstlerisch deshalb, weil ein berühmter Schauspieler des Burgtheaters als Gast erwartet wird, der allerdings noch in Henrik Ibsens Stück „Die Wildente“ auf der Bühne steht und erst nach Vorstellungsende eintreffen wird. Während die Gesellschaft auf diesen Schauspieler wartet, der dem Abend und vor allem dem Ehepaar Auersberger zusätzlichen Glanz verleihen soll, beobachtet und seziert der Erzähler gnadenlos alle Anwesenden, im Speziellen die Wiener Kulturszene und überhaupt alles, was ihm gerade so einfällt. Am Nachmittag hatte sich die ganze Gesellschaft bereits bei einer Beerdigung getroffen. Die Tänzerin Joana, eine ehemalige Freundin des Ich-Erzählers und mit einigen der Anwesenden gut bekannt, hatte sich ein paar Tage zuvor das Leben genommen.
Totengräber der Poesie
Nicholas Ofczarek interpretiert Thomas Bernhards „Erregung“ grandios. Nach zwei Stunden übelster Beschimpfung von Personen, Orten und Institutionen folgt – die Überraschung ist groß – doch ein versöhnliches Ende. Trotz der Schwere und Tragik, die der Text enthält, war der Abend im Festspielhaus Bregenz ausgesprochen unterhaltsam und – wenn man einen Draht zum speziellen Wiener Humor hat – lustig. Zum Beispiel wenn Nicholas Ofczarek, selbst seit 30 Jahren Ensemblemitglied des Burgtheaters, endlose Tiraden über die „Burgschauspieler“ rezitiert – beschimpft als Totengräber der Poesie, Staatsangestellte, die sich für Götter halten oder kleine, erbärmliche Beamte der Einbildungskraft. Der Text ist ein Wortkunstwerk, aber gleichzeitig auch eine gnadenlose Abrechnung mit der damaligen Wiener Kulturschickeria, ihren Auswüchsen und ihren Opfern. Das ist so plastisch und treffend formuliert, dass sich der Zuhörer in die Abendgesellschaft versetzt fühlt. Natürlich bleibt auch das Ehepaar Auersberger nicht verschont. Nach Erscheinen von „Holzfällen“ reichte der Komponist Gerhard Lampersberg, ein früherer enger Freund und Förderer Thomas Bernhards, Klage wegen Ehrenbeleidigung ein. Er glaubte, sich und seine Frau Maja in den Eheleuten Auersberger wiederzuerkennen und störte sich an Formulierungen wie „armseliger talentierter Spießbürger“ oder „vom Vermögen seiner Frau stumpfsinnig gewordener Gesellschafts-Kopist“. Die Klage bewirkte, dass die soeben in die Buchhandlungen ausgelieferten Bücher zurückgerufen und von der Polizei eingesammelt wurden. Nach mehreren Verhandlungstagen einigte man sich schließlich außergerichtlich.
Ein eigener musikalischer Kosmos
Die Musicbanda Franui ist in Bregenz bestens bekannt durch mehrere Projekte im Rahmen der Festspiele. Das Ensemble, das laut ihrem Gründer und Mastermind Andreas Schett seit 33 Jahren in unveränderter Besetzung spielt, hat etwas Spezielles – keine andere Bezeichnung wäre passender als Musicbanda, denn das Instrumentarium mit Blechbläsern, Klarinetten, Saxophonen, Violine, Kontrabass aber auch Harfe, Zither und Hackbrett ist Franuis akustisches Alleinstellungsmerkmal. Durch die Besetzung ergeben sich unendlich viele Klangkombinationen, die an diesem Abend in den Dienst des Textes gestellt werden. Manchmal erinnert Franui an alte Filmmusiken von Kurt Weill aus den Dreißigerjahren, dann wieder hört man Robert Schumanns „Vogel als Prophet“ mit entrückten Klängen wie aus einer anderen Welt. Markus Kraler und Andreas Schett haben Kompositionen von Tschaikowsky, Brahms, Henry Purcell, Anton Webern, Béla Bartók, John Cage, Anton Bruckner und W. A. Mozart bearbeitet und für Nicholas Ofczareks musikalische „Sprechpartitur“ eingerichtet. Andreas Schett hat diesen Prozess so beschrieben: „Ein Burgschauspieler schimpft über das Burgtheater und wir spielen Trauermärsche. Da war von vornherein klar, dass dieses Buch wie für Ofczarek und Franui geschrieben ist. Über weite Strecken kommt die Musik zugleich mit dem Text auf die Bühne, sie begleitet und unterläuft das Geschehen, nimmt etwas vorweg, stellt es in einen neuen Zusammenhang. Wir haben dafür ein neues Format gesucht. Der Abend ist keine Lesung mit Musik, kein Hörspiel, kein Konzert, keine Oper – und hat doch von allem etwas.“
Der Traum von Natur
Thomas Bernhard, Österreichs ehemaliger Skandalautor, 1989 verstorben, hat sich längst in die Phalanx der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts eingereiht. Einst als Nestbeschmutzer und Vaterlandsverräter beschimpft, wurde er 2003 von Marcel Reich-Ranicki in den berühmten Kanon der deutschsprachigen Literatur aufgenommen. Auf das titelgebende Zitat muss das Publikum übrigens lange warten. Zu vorgerückter Stunde wird der inzwischen eingetroffene und schon ziemlich betrunkene berühmte Burgschauspieler gefragt, ob er glaube, an seinem Lebensende durch seine Kunst Erfüllung gefunden zu haben. Der Schauspieler antwortet, er wäre lieber in der Natur statt in der Künstlichkeit aufgewachsen, und fasst das mit den drei Worten „Wald, Hochwald, Holzfällen“ zusammen.
Seit der Premiere im Wiener Burgtheater im September 2024 war „Holzfällen“ mit Franui und Nicholas Ofczarek mindestens 50-mal im gesamten deutschen Sprachraum zu sehen. Und ein Ende ist nicht abzusehen… Zum Glück aller, die noch nicht das Vergnügen hatten, diesem unvergesslichen Abend zu erleben.