Neu in den Kinos: „Michael“
Wie verfilmt man das Leben von Michael Jackson, wenn man die letzten zwanzig Jahre des Superstars auslassen muss? Man belässt es bei einer braven Aneinanderreihung dramatischer Ereignisse und musikalischer Höhepunkte. Im hagiografischen Biopic „Michael“ wird der Popgigant der Achtzigerjahre zum getriebenen Perfektionisten, der ein geniales Kind geblieben ist.
Die fünf Brüder stehen mit ausgestreckten Armen nebeneinander vor der Wand. Ihre Fingerspitzen dürfen die Mauer nicht berühren, nur ihre Hände dürfen leicht zittern. Das soll auf der Bühne perfekt aussehen. Ihr Vater Joseph (Colman Domingo), der hinter ihnen steht, gibt ein Kommando nach dem anderen, denn seiner Meinung nach schafft man es nur mit absoluter Disziplin nach oben. Beim jüngsten Sohn, der mit seiner Glockenstimme den Leadsänger gibt, holt er immer wieder den Gürtel hervor, um den Erfolg herbeizuprügeln. „Are you a winner or a loser in life?“, möchte er wissen. Zumindest als einer der kommerziell erfolgreichsten Musiker wird Michael Jackson später ein Gewinner sein – der König des Pop.
Langes Warten
„Michael“ erzählt nur die halbe Geschichte des im Jahr 2009 gestorbenen Superstars. Die fehlenden letzten zwanzig Lebensjahre mit den verstörenden physischen und psychischen Veränderungen, der Abschottung des einstigen Idols und den gegen Jackson erhobenen Missbrauchsvorwürfen klaffen wie eine Lücke in der Erzählung. Das mag den kolportierten rechtlichen Gründen und Verschwiegenheitsvereinbarungen geschuldet sein. Doch selbst wenn Regisseur Antoine Fuqua und der renommierte Drehbuchautor John Logan das bereits gedrehte Material hätten verwenden dürfen und der Starttermin nicht mehrmals aufgrund juristischer Querelen hätte verschoben werden müssen – es ist kaum vorstellbar, dass aus „Michael“ ein interessanter Film geworden wäre. Ob der vom Jackson Estate unterstützte Film, der nun mit dem legendären Auftritt in Wembley im Jahr 1988 abrupt endet, wie angedeutet eine Fortsetzung erfährt, darf stark bezweifelt werden.
Von Tieren und anderen Kindern
Was erwartet sich ein Kinopublikum, das größer sein soll als die in die Jahre gekommene Fangemeinde, von einem Film über den wichtigsten Popstar der Achtzigerjahre? Wovon soll ein Biopic über Michael Jackson erzählen? Vom Aufstieg mit den Jackson 5 bis zu den hysterischen Erfolgen als Solomusiker mit Glitzerhandschuh und Moonwalk? Definitiv. Von den tanzenden Zombies in „Thriller“? Muss sein. Von den schlimmsten Krisen und der ersten Nasenoperation? Unbedingt. Von einer hochproblematischen Liebe zu Tieren und kranken Kindern? Sollte irgendwie auch vorkommen. Womit das größte Problem dieses Films beschrieben ist: „Michael“ muss Erwartungen erfüllen, darf außer Joseph Jackson niemandem schaden, muss die Genialität seines Stars glaubhaft machen und mit „Billie Jean“ bis „Bad“ das kollektive Gedächtnis auffrischen.
Immer im Nimmerland
„Michael“ porträtiert den erwachsenen Sänger als unverschuldet exzentrischen Charakter, dessen größte Herausforderung es ist, der Tyrannei des Vaters zu entkommen – nicht zufällig schrieb Logan auch das Drehbuch zu Scorseses „Aviator“ über den Milliardär Howard Hughes. Im Grunde erzählt „Michael“ ein emanzipatorisches Coming-of-Age-Drama. „I am no kid anymore“, sagt der völlig asexuell gezeichnete, erwachsene Jackson immer wieder und perfektioniert seine Auftritte und Musikvideos ebenso wie sein mit Plüschfiguren und Haustieren vollgestopftes Kinderzimmer. Wenn er sich nicht mit der Mutter, die zu einer Randfigur degradiert wird, alte Schwarzweiß-Filme von Charlie Chaplin ansieht. Das fantastische Neverland, in das sich bereits der kleine Michael mit Taschenlampe und „Peter Pan“ unter der Bettdecke träumt, kündigt sich mit Giraffe und Schimpanse auf dem Familiengrundstück an. Um die erst 1988 erworbene Ranch mit privatem Zoo muss sich der Film nicht mehr kümmern.
Familiärer Einsatz
Gespielt wird der erwachsene Michael Jackson von dessen Neffen Jaafar Jackson, dem es auch zu verdanken ist, dass diesem Film zumindest ein gewisses Maß an Authentizität anhaftet. „Ich war unermüdlich und habe zwei Jahre lang jeden Tag, Stunde um Stunde, geübt, bis ich wirklich glaubte, was ich im Spiegel sah“, zitiert ihn das Presseheft zum Film. Zumindest dieser unermüdliche familiäre Einsatz hat sich für „Michael“ gelohnt.
Ab 22.4., Cineplexx Hohenems, Kino Bludenz, Kinothek Lustenau, Cineplexx Lauerach, GUK Kino Feldkirch (alle dF)