Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall startete sein Abonnement mit einem aussagekräftigen Konzert. Gefeiert wurden unter anderem der Komponist Herbert Willi und die Klarinettistin Sharon Kam.
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz · 24. Apr 2026 · Theater

Kunstbeschuss im White Cube

Das Ensemble UNPOP präsentiert „Alte Meister“ von Thomas Bernhard im Magazin 4

Ein Raum ist hier keine Bühne. Er ist Behauptung, Verführung und Angriffsziel zugleich. Wer den zweiten Stock des Magazin 4 betritt, steht zunächst in einer Art Kunstmuseum: weiße Wände, Nischen, Kojen, Sitzbänke, eine beinahe makellose Ordnung. Alles scheint auf stille Betrachtung vorbereitet, auf den gehobenen Blick, auf jene Ehrfurcht, mit der man sogenannten Meisterwerken zu begegnen gelernt hat. Man könnte sagen: ein jungfräulicher White Cube. Man könnte aber auch sagen: eine Einladung zur Beschädigung.

Mit „Alte Meister“, nach Thomas Bernhards gleichnamigem Roman, feierte das Ensemble UNPOP gestern im Magazin 4 seine Jubiläumspremiere zum zehnjährigen Bestehen. Caro Stark und Stephan Kasimir haben sich und ihrem Publikum damit ein Geschenk gemacht, das gut zu diesem Ensemble passt: keines, das glänzt, sondern eines, das kratzt; keines, das dekoriert, sondern eines, das den schönen Schein angreift. 

Farbe gegen Ehrfurcht 

Die Reinheit des Raums hält nicht lange. In einer größeren, leicht erhöhten Nische tritt eine Figur auf, die Aktionskünstlerin sein könnte, vielleicht Aktivistin, vielleicht beides – Maria Fliri zielt mit einer fiktiven Paintball-Waffe auf ebenso fiktive Bilder. Die Alten Meister hängen nicht da, und doch sind sie sofort anwesend. Die Farbe aber ist echt. Sie spritzt, rinnt, tropft über die weißen Flächen, wird von Fliri mit dicken Pinselstrichen großflächig verteilt. Begleitet wird sie dabei von Lo-Fi-Ikone Daniel Johnson mit seine herrlich unperfekten, entspannten Beats.

Bernhard als Sprechmaschine 

Zwischen diesen farbigen Angriffen entfaltet sich Bernhards Text. Stephan Kasimir hat den Roman zu einem gut einstündigen Monolog verdichtet, ohne dessen Furor zu glätten. Aus der Prosa wird keine brave Klassikerbearbeitung, sondern eine konzentrierte Sprech- und Denkmaschine: Wiederholung, Übertreibung, Beschimpfung, Selbstwiderlegung, Komik und Verzweiflung greifen ineinander.
Das Geschehen der Vorlage spielt im Wiener Kunsthistorischen Museum. Der Privatgelehrte Atzbacher beobachtet dort den Musikphilosophen Reger, der seit Jahrzehnten vor Tintorettos „Weißbärtigem Mann“ sitzt. Reger, zweiundachtzig Jahre alt, Musikkritiker der „Times“, Museumshasser und Museumssüchtiger zugleich, hat seine Kunstbetrachtung zur Methode gemacht: Er sieht ein Werk so lange an, bis er dessen Fehler entdeckt. Kein Bild, kein Buch, kein Musikstück, kein sogenannter „Großer Geist“ ist vollkommen. Gerade der Fehler macht das Meisterwerk für ihn erträglich. 

Die Kunst der Entweihung

Von hier aus setzt Bernhards großer Zersetzungsapparat ein. Reger attackiert die Alten Meister, die Kunsthistoriker, die Lehrer, Österreich, den Staat, die Kirche, Stifter, Bruckner, Heidegger. Alles wird heruntergeholt, alles entweiht. Doch diese Entweihung ist nie bloße Lust am Schimpfen. Reger zerstört, um nicht selbst zerstört zu werden. 
Caro Starks Rauminstallation macht diesen Vorgang sichtbar. Die weißen Wände sind nicht Kulisse, sondern Widerpart. Sie stehen für museale Reinheit, für Kunstreligion, für die stille Autorität des Ausgestellten. Die Farbe widerspricht. Was Bernhards Sprache mit den Alten Meistern tut, geschieht hier auf der Wand: Beschuss, Befleckung, Zerlegung. Reger schießt mit Sätzen, die Bühnenfigur mit Farbe.  

Maria Fliris souveräner Kraftakt 

Maria Fliri trägt diesen Abend mit großer Kraft und bemerkenswerter Ruhe. Sie macht aus Reger, Atzbacher und dem Museumswärter Irrsigler kein Figurenkabinett, sondern lässt die Stimmen ineinander gleiten. Mal ist sie Beobachterin, mal Sprachrohr, mal jener alte, erbarmungslose Reger, der seine Verachtung wie eine Überlebenstechnik kultiviert. Regisseur Stephan Kasimir überdreht Bernhard nicht. Er vertraut dem Rhythmus, der Musikalität und der Bosheit des Textes.
Erstaunlich ist, wie wenig lärmend dieser Abend trotz seiner permanenten Attacken wirkt. Die Beschimpfungskaskaden arteten nicht aus; sie kamen beinahe heiter daher, manchmal fast friedlich. Gerade darin liegt die Qualität der Inszenierung. Sie sucht nicht den Skandal, sie zeigt dessen Mechanik. Man hört zu, lacht, nickt vielleicht, erschrickt über das eigene Nicken und merkt, wie verführerisch die große Geste der Verachtung sein kann. 

Hinter der Polemik: Trauer

Am stärksten wird der Abend dort, wo unter der Polemik die Trauer sichtbar wird. Denn Regers Kunsthass ist nicht der Kern, sondern die Schale. Im Zentrum steht der Tod seiner Frau. Nach ihrem Verlust versagen die Alten Meister, die Philosophie, die Musik, die großen Namen. Kein Kunstwerk ersetzt den einen geliebten Menschen. Kein Gedanke wärmt. Kein Meister tröstet. In dieser Einsicht wird Bernhards Text auf einmal beinahe zärtlich, ohne seine Härte zu verlieren.

Kunst mit Flecken und Rissen

 So führt dieser Abend durch Kunstvernichtung hindurch zu einer Verteidigung der Kunst: nicht der vollkommenen, nicht der angebeteten, nicht der museal konservierten, sondern einer Kunst mit Fehlern, Flecken, Rissen und Spritzern. Einer Kunst, die nicht erlöst, aber beim Weiterleben hilft.
Am Ende lädt Reger Atzbacher ins Theater ein, ausgerechnet ins Burgtheater, ausgerechnet in den „Zerbrochenen Krug“. Bernhards Roman und auch Kasimirs Bühnenfassung enden mit dem vernichtenden Satz: „Die Vorstellung war entsetzlich.“
Alles andere als entsetzlich war hingegen die Vorstellung, die Maria Fliri gestern bei UNPOPs Jubiläumspremiere ablieferte. Entsetzlich, ja entsetzlich schön war die Lust, mit der sie einen weißen Raum in Farbe taucht, einen großen Text freilegt und das Museum in einen lebendigen Denkraum verwandelt. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus.

Weitere Vorstellungen:
25.4. sowie 2./9./13. und 21.5., jeweils 20 Uhr
Magazin 4, Bregenz
www.unpop.at