Seit 50 Jahren Weltklasse
Ein Chorkonzert am 1. Mai in der Hohenemser Pfarrkirche St. Karl mit einem Programm aus dem Gründungsjahr 1976 war Teil der Schubertiade-Jubiläumswoche.
Es gibt verschiedene Arten, ein 50-jähriges Jubiläum zu feiern. Jede:r, der auch nur einen minimalen Bezug zur Schubertiade hat, weiß, was es in diesem Fall nicht geben wird, weil Dinge wie Bierzelt, Grillwurst, Blasmusik oder Hüpfburg von der Ästhetik dieses Festivals einfach Lichtjahre entfernt sind. Für den 50. Geburtstag hat sich Schubertiade-Chef Gerd Nachbauer etwas viel Subtileres ausgedacht. Zur Eröffnung des Jubiläumsjahres 2026 soll das Programm der allerersten Schubertiade 1976 wiederholt werden. Eine genauso einfache wie geniale Idee.
Wer waren denn eigentlich die Musiker:innen dieser ersten Schubertiade? Natürlich der Bariton Hermann Prey, der gemeinsam mit Gerd Nachbauer dieses Festival gegründet hat, die Mezzosopranistin Christa Ludwig, der Tenor Peter Schreier oder das Philharmonische Oktett Berlin – um nur einige zu nennen. Die Crème de la Crème der damaligen Musikwelt kam bereits damals nach Hohenems, und daran hat sich ja bis heute nichts geändert.
Schuberts geistliche Chormusik
Gespielt wurde in erster Linie im Rittersaal des Hohenemser Palastes, den gibt es heute noch, und er wird auch nach wie vor für Konzerte genutzt, in erster Linie durch das Kammerorchester Arpeggione. Dennoch hat man sich beim Revival 2026 für den Schubertiade-eigenen Markus-Sittikus-Saal entschieden, er ist größer und akustisch für Liedgesang und Kammermusik optimiert. Auch die Chronologie – neun Konzerte an neun Abenden – wollte man nicht beibehalten und hat das unveränderte Programm nun auf fünf Tage aufgeteilt.
Darum war das Konzert am Freitagabend im Rahmen dieser Jubiläums-Schubertiade noch einmal etwas Besonderes. Denn hier war nicht nur das Programm, sondern auch der Ort identisch mit jenem vom 12. Mai 1976, nämlich die Pfarrkirche St. Karl in Hohenems. Im Fokus stand Franz Schuberts geistliche Chormusik, damals mit den Regensburger Domspatzen und ihrem Leiter Georg Ratzinger, dem Bruder des Papstes Benedikt XVI. Diese Aufgabe übernahm nun der Kammerchor Feldkirch und dessen ehemaliger Leiter Benjamin Lack.
Mit katholischer Kirchenmusik hat sich Franz Schubert ein Leben lang beschäftigt. Neben zahlreichen kleineren Werken hinterließ er sechs lateinische Messen für Solist:innen, Chor und Orchester. Sein erster Lehrer Michael Holzer, der den erst siebenjährigen Franz im Orgelspiel unterrichtete, war Kapellmeister in der Wiener Kirche Lichtental. Auch in den fünf relativ glücklichen Jahren im kaiserlichen Stadtkonvikt, einem Internat für besonders talentierte Schüler, spielte die religiöse Erziehung eine zentrale Rolle und hat Schubert nachhaltig geprägt.
Von Hohenems nach Wien: Salomon Sulzer
Das Programm des Chorkonzertes zeichnete Schuberts Lebensweg chronologisch nach, vom Kyrie in B-Dur (D 45) des erst Sechzehnjährigen bis zum 92. Psalm (D 953) und der „Deutschen Messe“ (D 872) aus den letzten beiden Lebensjahren des Komponisten. Hier konnte man Werke hören, die sonst fast nie aufgeführt werden, auch nicht von Kirchenchören. Die wunderschönen „Sechs Antiphonen zum Palmsonntag“ (D 696) etwa oder ein „Salve Regina“ in B-Dur (D 386). Alle Programmteile präsentierten sich stilistisch sehr homogen und waren auch von den Tempi her durchwegs gemäßigt. Neben Kompositionen in deutscher und lateinischer Sprache stand auch der 92. Psalm auf dem Programm – gesungen im originalen Hebräisch. Schubert hat dieses Stück für Salomon Sulzer geschrieben, den berühmten Kantor der Wiener jüdischen Gemeinde, der 1804 in Hohenems geboren wurde.
Bereits nach den ersten Tönen dieses Abends konnte man den wunderbaren Chorklang im Kirchenraum von St. Karl genießen. Die Akustik dieser Pfarrkirche ist wie geschaffen für Chormusik, trotz der riesigen Kubatur blieben alle musikalischen Details sehr gut hörbar, auch das von Johannes Hämmerle gespielte Orgelpositiv und die Bläser im letzten Werk, der „Deutschen Messe“, konnten sich entfalten und gingen nicht – wie so oft in derartigen Konzerten – im Hall des Kirchenschiffs unter.
Absoluter Hörgenuss
Für den Kammerchor Feldkirch unter Benjamin Lack war dieses Programm eine Mammutaufgabe, er war während des 75-minütigen Konzerts von der ersten bis zur letzten Minute im Einsatz. Ein großes Kompliment für diese beachtliche Leistung. Ab und zu hätte man sich ein etwas kräftigeres Bassfundament gewünscht, aber der runde und ausgewogene Gesamtklang des Chores in dieser Kirche war ein absoluter Hörgenuss. Die Rolle des Kantors im 92. Psalm übernahm der stimmgewaltige Bariton Konstantin Krimmel, der sich gemeinsam mit Andrè Schuen alle Aufgaben teilt, die Hermann Prey in der ersten Schubertiade-Woche 1976 für sich selbst reserviert hatte.
Im letzten Programmpunkt des Abends, der bekannten „Deutschen Messe“, unterstützten Bläser, Pauken und Kontrabass den Chor. Musste man vor 50 Jahren noch Bläser des Städtischen Orchesters St. Gallen importieren, erweiterten und bereicherten am Freitagabend 15 Musiker:innen des Symphonieorchesters Vorarlberg den Chorklang um eine weitere Dimension und sorgten für einen stimmungsvollen Abschluss eines ebenso ungewöhnlichen wie überzeugenden Jubiläumskonzertes.