Bruno Kreisky (Nils Arztmann) schiebt sein Rad durch den Wiener Arbeiterbezirk. (Foto: Dor Film/Petro Domenigg)
Sieglinde Wöhrer · 13. Aug 2026 · Theater

Schwebezustand im leeren Becken

„under the influence“ vereint drei Nachbarinnen zum gemeinsamen Trinken. In Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen wurde Natalie Baudys Siegerstück der Österreichischen Theaterallianz im Theater Kosmos uraufgeführt.

Den Alkohol trinken sie aus Kanistern, während hinter ihnen auf dem gelben Vorhang projiziert, die Plagen herunterregnen. Doch der Blutregen, die Insekten und all die anderen Probleme bleiben eher nebensächlich, denn die drei Frauen auf der Bühne haben den Fokus ganz auf ihrer Hauptbeschäftigung. Es ist dieser losgelöste Zustand, dem sie sich schwärmerisch hingeben und dabei die Welt hinter sich vergessen. Denn dann, ganz angetrunken, „sieht alles super aus“.
Die Bühne des Regisseurs Josef Maria Krasanovsky schaut wirklich super aus. Der ins helle Gelb getauchte Pool vor schwarzem Hintergrund und der farblich abgestimmte Vorhang bringen gleichzeitig Spannung und Ruhe in dieses Stück, das auch auf abstrakte Weise den Rauschzustand und den Exzess zelebriert. Gründe für das Trinken gibt es genug und Feiern lässt sich genauso in schlechter Gesellschaft, wie die unharmonische Dynamik zwischen den Figuren erkennen lässt. Die Atmosphäre ist eher feindselig, die eine wirkt aggressiv und aufbrausend und die ältere, als hätte sie sich längst in ihrem Generationentrauma aufgegeben: „Alle haben das so gemacht, alle. Das war schon bei meiner Mutter so.“ Nur bei der jüngeren Ems gibt es vielleicht noch Hoffnung, sie gedanklich irgendwann von ihren 17.000 Followern wegzubringen.

Alkoholgeschichten

Als Siegerstück des Autor:innen-Wettbewerbs der österreichischen Theaterallianz wurde Natalie Baudys „under the influence“ im Rahmen der Bregenzer Festspiele uraufgeführt. Die Jury sei von der „kraftvollen Sprache“ und der „vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem Thema Rausch und Abhängigkeit“ überzeugt worden. Diese Auseinandersetzung findet monologhaft zum Publikum gerichtet statt, während die Figuren zynisch aus ihrem Leben erzählen und sich in frühere Alkoholgeschichten verlieren. Ein paar überzeugende Momente liefert Ems (Johanna Hainz) wenn sie Amy Winehouse imitiert und das generelle Suchtproblem aufgreift. Anja (Claudia Carus) bagatellisiert am Telefon die Sorgen ihrer Tochter, und Liselotte (Roswitha Soukup) wird als trinkende Mutter von den anderen verurteilt.
Was anfangs noch einen vielversprechenden Eindruck macht, wirkt in der Wiederholung aber aufgesetzt. Von einem Kanister trinken sich die Figuren zum nächsten, und die Handlung verfolgt ausschließlich diese zunehmende Hemmungslosigkeit, bis die Figuren mit Brechgeräuschen auf der Bühne herumspucken und zum Ende hin in mühsames Geschrei ausbrechen. Zwischendurch reden sie in aufeinander abgestimmten Sätzen, aber meistens nebeneinanderher. Es gibt es kaum Interaktionen zwischen den Figuren, und in den flachen Dialogen bleibt der Inhalt an der Oberfläche. Die junge Influencerin Ems kompensiert mit dem Alkohol ihren Geltungsdrang. Die karrierefokussierte Anja nutzt ihre Trinkfestigkeit, um sich als Frau vor den Männern in der Arbeit zu behaupten. Und Liselotte hat die Suchterkrankung quasi vom Vater geerbt und genetisch im Blut. Notfalls wird der Alkoholkonsum auch mit einer feministischen Perspektive gerechtfertigt.

Göttin des Rausches als Bösewicht?

Die Handlung wird ständig erklärt, was auch notwendig ist, um das Konzept zu verstehen: Die durchgehend schlecht gelaunte Göttin Dionysa (Lisa Schrammel) kämpft als kettenrauchende Hausmeisterin gegen die Plagen im Innenhof des Wohnhauses, und obwohl sie nicht trinkt, fügt sie sich ein in das deprimierende Bild von scheinbar gescheiterten Frauen, die von ihrem früheren Leben in einem völligen Erschöpfungszustand bleiben. Vor allem nach der Hälfte ist das Geschehen leider kaum mehr greifbar, die immer wieder zwischendurch auftretende Hausmeisterin wird plötzlich zum Bösewicht gemacht und bedroht, und wie die Plagen genau mit den trinkenden Nachbarinnen zusammenhängen, lässt sich nur erraten. „under the influence“ ist ein relevantes Stück, das ein kulturelles Problem aufzeigt, aber in der Ausarbeitung noch Luft nach oben lässt. Was am Ende fehlt, ist vielleicht die Eigenverantwortung der Charaktere, sich über schwierige Gegebenheiten und soziale Strukturen hinwegzusetzen.

Weitere Vorstellungen:
im Rahmen der Bregenzer Festspiele: 14./15.8., jeweils 20 Uhr
im Spielplan des Theater Kosmos: ab 17.9. 
Theater Kosmos, Bregenz
www.theaterkosmos.at