Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Fritz Jurmann · 16. Aug 2023 · Musik

„Schwamm drüber!“ – Problembewältigung bei Jules Massenets „Werther“

Fein gezeichnetes Psychogramm einer Dreiecksbeziehung im Opernstudio der Festspiele

Die hierzulande wenig bekannte Oper „Werther“ von Jules Massenett war eine gute Wahl der Bregenzer Festspiele, wertig genug für ihr heuriges Opernstudio und vom personellen und technischen Aufwand doch den Möglichkeiten des Kornmarkttheaters entsprechend. Die von der scheidenden Intendantin Elisabeth Sobotka erfundene Reihe schafft wie seit Jahren auch diesmal jungen, bereits voll ausgebildeten und am Anfang ihrer Berufskarriere stehenden Sänger:innen die Möglichkeit, sich in einer aktuellen Produktion zu bewähren.

Und da erlebt man bei der Premiere am Montag vor ausverkauftem Haus in dieser Coproduktion mit „Junge Stimmen“ tolle Überraschungen an stimmlicher und darstellerischer Bühnenkunst. In einer fein durchdachten Inszenierung von Jana Vetten und mit einer fantastischen Leistung unseres Symphonieorchesters Vorarlberg unter Claire Levacher summiert sich das zu einer liebevoll ausgestalteten, am Schluss auch beklemmenden und mitreißenden Musiktheaterproduktion, die vom Festspielpublikum entsprechend bejubelt wird.

Erfindungsreiche Köpfe am Werk     

Der eigentliche Plot von „Werther“ ist dünn, er kann in zwei Sätzen zusammengefasst werden. In der Oper dagegen ist er auf über zweieinhalb Stunden aufgebläht. Kann das gut gehen? Es kann, weil nämlich erfindungsreiche Köpfe aus der scheinbar harmlosen Dreiecksgeschichte im gutbürgerlichen Milieu zum Ende des 18. Jahrhunderts eine stringente Handlung gestrickt haben, die bis zum Ende fast ohne Dramatik auskommt und sich meist auf der Gefühlsebene abspielt. Die Probleme beginnen, als sich Titelfigur Werther in die bereits mit Albert verlobte Frau Charlotte verliebt, die diese Verbindung ihrer verstorbenen Mutter versprochen hat. Monatelang ist Werther hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Zweifel, bis er am Ende von seinen starken Gefühlen überwältigt wird und nur im Suizid einen Ausweg erkennt.  
Den Grundstein dazu legte kein Geringerer als der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe 1774 in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, der zum Bestseller wurde. Mehr als einhundert Jahre später vertonte der namhafte Komponist Jules Massenet ein Libretto aus Figuren, Motiven und einzelnen Szenen aus Goethes Roman zu der 1892 in Wien uraufgeführten französischen Oper. Gar nicht glücklich war man damals in Deutschland mit dieser Aneignung durch den Franzosen. Man verbat es sich, dass „ein welscher Komponist mit seiner gefühlsbetonten Musik einen deutschen Klassiker verunglimpfte“. In anderen Ländern dagegen hat sich Massenets Oper neben seiner bekannteren „Manon“ bis heute fest im Repertoire erhalten.

Neue Gewichtung

Die Oper ging allerdings auch mit einer neuen inhaltlichen Gewichtung einher. Während Goethe ausschließlich die Sicht Werthers auf diese unglückliche Verbindung beschreibt, erhalten bei Massenet auch die übrigen Figuren der Familie und Freunde mehr Bedeutung, und vor allem die von zwei Liebhabern umworbene Charlotte wird zur eigentlichen Heldin. Nun kam bei den Festspielen die deutsche Regisseurin Jana Vetten ins Spiel und inszenierte hier diese Geschichte in einer neuen Perspektive, als fein gezeichnetes Psychogramm bevorzugt aus dem Blickwinkel von Charlotte als emanzipierte Frau, gestählt mit den Eigenschaften unserer Zeit. Das verschärft die Situation natürlich vor allem für Charlotte, die sich am Beginn noch tändelnd mit beiden Herren einlässt und sich erst dann voll zu Werther bekennt, als klar ist, dass er sterben wird.
Bemerkenswert ist, wie umsichtig die Regisseurin mit dessen selbstgewähltem Tod umgeht, vielleicht auch in dem Bewusstsein, dass Werthers Suizid zur Entstehungszeit der Oper etliche unglücklich Verliebte als Nachahmer auf den Plan rief. Werther nimmt zwar die Pistole, man hört aber nie einen Schuss, dann liegt er bereits im Theaterblut auf dem Bühnenboden. Die Angehörigen erstarren ob dieser Szene mit offenen Mündern und breiten dann gemeinsam den großen orangen Vorhang, der die Bühne nach hinten begrenzt, als eine Art Leichentuch, als Mantel des Schweigens, über den Sterbenden, unter dem Motto „Schwamm drüber!“, weil nicht ist, was nicht sein darf. Charlotte aber lässt es sich nicht nehmen, in alter Tradition in einem der wohl längsten schmerzlichen Finali der Operngeschichte in einen letzten Dialog mit Werther zu treten, der sich in dieser Situation mit seiner Liebe, die über den Tod hinausreicht, noch zu respektablen stimmlichen Höhenflügen aufrafft. „Niemand hat Schuld“ ist dann die Quintessenz dieser besonderen „Amour fou“.

Versteckspiele für Personen und Gefühle

Das Ganze spielt sich in einer auf das Notwendigste reduzierten Bühne mit historisierenden Kostümen ab (Camilla Hägebarth), mit einer drehbaren Rampe im Mittelpunkt, die schöne Varianten für Auf- und Abgänge, Spielplätze und Verwandlungen, auch als Ort für Versteckspiele von Personen und Gefühlen herhält. Ein fetter Mond (oder ist es eine Erdkugel?) kommt immer dann vom Schnürboden, wenn es in dieser superromantischen Oper etwa bei Liebesduetten noch dichter werden soll. Massenet hat zu dieser menschlich so bewegenden Handlung Melodien von starker Einprägsamkeit erfunden und damit ins Volle gegriffen.
Er lässt das Holz im Orchester in einem dichten Orchestersatz en français farbenfroh schimmern, immer wieder die Soli der Konzertmeisterin Monika Schuhmayer oder des Cellisten Detlef Mielke aufleuchten, die silberne Harfe (Ekaterina Afanasieva) hat viel zu tun und am Schluss, wenn es wirklich dramatisch wird, auch die Pauke (Heiko Kleber). Lange, innige Vor- und Zwischenspiele mit viel lyrischem Schmelz helfen, die Handlungsarmut der Oper etwas zu kaschieren. So greift der Komponist im Vorspiel zum 3. Akt bewusst oder unbewusst auf das Zitat eines Schubert-Liedes zurück, „Dass sie hier gewesen“, das thematisch durchaus Sinn macht. Diese Entr‘actes bilden für das wieder unglaublich inspiriert zum Opernorchester mutierte SOV willkommene Anlässe, seine vollmundige Klangkultur und Präzision zu demonstrieren. Die französische, an der Musikuniversität Graz tätige Dirigentin Claire Levacher, mit der das Orchester schon länger vertraut ist, hat hier das feine Händchen bewiesen, auch zur Feinabstimmung in der Balance mit der Bühne in der trockenen Raumakustik.

Erstklassige Besetzung

Die international ausgewählte Besetzung ist erstklassig, vor allem jene der beiden Hauptpartien, und man beginnt zu zweifeln, ob die kanadische Mezzosopranistin Kady Evanyshyn als Charlotte und der mexikanische Tenor Raúl Gutiérrez als Werther wirklich erst am Anfang ihrer Karriere stehen, so spielerisch und gesanglich überzeugend sie ihre ständig auf der Bühne präsenten Monster-Partien ausfüllen. Sie harmonieren in jeder Hinsicht prächtig, mit lyrischem Schmelz, sicherer Höhe und einer glaubhaften Wandlungsfähigkeit von unglücklichen, leidenschaftlich Verliebten bis zum letalen Abschiednehmen. Bewusst etwas hölzern gezeichnet der ukrainische Bariton Yuriy Hadzetskyy als Gatte Albert, dagegen als quicke Drahtzieherin im Hintergrund die irische Sopranistin Sarah Shine als Schwester Sophie, als gestrenger, aber liebevoll leidender Vater der belgische Bass-Bariton Lucas Cortoos. Eine besonders reizvolle Ergänzung im heimelig häuslichen Milieu sind Kinder der Musikmittelschule Bregenz Stadt (Leitung Wolfgang Schwendinger, Einstudierung Maria Fitzgerald, Susanna Stranders). Ihre aus dem Off gesungenen französischen Weihnachtslieder zu Werthers Suizid bilden den stärksten emotionalen Kontrast dieser Geschichte.

Bregenzer Festpiele: „Werther“ v. J. Massenet
weitere Vorstellungen: 16., 18. und 19. August, 19.30 Uhr
Theater am Kornmarkt, Bregenz

https://bregenzerfestspiele.com/de/programm/werther