Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Peter Füssl · 14. Aug 2023 · Musik

Bezau Beatz 2023, 3. Tag: Normal wird’s nicht mehr ...

Wenn man zwei Tage Bezau Beatz und somit zehn spannende, belebende, außergewöhnliche Konzerte hinter sich hat, beginnt einerseits der Suchtcharakter zu greifen, andererseits kündigen sich auch erste Spuren von Müdigkeit an, die man verdrängt, um ja nichts zu versäumen.

Tag 3: Von der „Avantgarde Boy Group“ über Billy Martins Animationsprojekt bis zur afrikanischen Tanzmusik

Der dritte Festivaltag startete mit Into The Big Wide Open in Peter Figers Kunstschmiede, wo sich der Bezau-Beatz-Mastermind Alfred Vogel hinter die Drums setzte und sich mit seiner um eine Generation jüngeren „Avantgarde Boy Group“ aus Berlin matchte. Im aus Rostow am Don stammenden Saxophonisten und Klarinettisten Eldar Tsalikov, im Bassisten Felix Henkelhausen und im Pianisten Valentin Gerhardus hat er exzellente Partner zum freien Improvisieren gefunden. Sie verblüfften mit ungemein verlangsamten Passagen ebenso wie mit heftigen Attacken, in denen Gerhardus über die gesamte Tastatur raste, Henkelhausen über das bundlose Griffbrett seines Kontrabasses und Tsalikov seine Klarinette gegen den Himmel richtete und exzessiv röhren ließ.

Darauf folgte – zumindest geographisch betrachtet – ein weiterer Höhepunkt, nämlich das Joachim Kabel Quartett, das auf 1630 Metern Seehöhe im Panoramarestaurant Baumgarten zur JazzSpätzle-Partie aufspielte. Dem Anlass entsprechend – auf der Terrasse vermischten sich Bezau-Beatz-Besucher mit dem üblichen, vielleicht mit freien Improvisationen nicht unbedingt so vertrauten Wander- und Sonnenanbeter-Publikum – präsentierte sich das Vorarlberger Trio von seiner melodischen, Groove-orientierten Seite mit Titeln, die man sowohl im Hintergrund belassen konnte, bei denen es sich aber durchaus auch lohnte, konzentriert hinzuhören. Kontrabassist Florian King leitet das Dornbirner Jazzseminar, der Saxophonist Fabio Devigili, der in Wien bei Thomas Huber und Andy Middleton studiert hat, ist auf dem Sprung zur internationalen Karriere, und der junge Drummer Steven Moser studiert derzeit in Berlin. Joachim Kabel gibt es übrigens keinen – das Erfinden von Musikern scheint gerade in Mode zu sein, denn auch Edi Nulz und Harry Hillman sind Phantasiegespinste.  

Am frühen Nachmittag ging es in Viktor’s Chocolat mit dem Gitarristen Jan Frisch als Singer-Songwriter weiter, der auch einige Songs solistisch spielte, die er bei den Bezau Beatz 2022 mit seinem Leipziger Quartett namens Keine Übung präsentiert hatte. „Am Ende bin ich auch nur eine Agentur und muss schauen, ob das Sinn macht“ dauerte in etwa 20 Sekunden, möglicherweise auch, weil ihm der Text nicht einfiel. Bei Songs wie „Singer-Songwriter zu Pflugscharen“, „Katastrophenmeldung vom Luxusdampfer der Unannehmlichkeiten“ oder „Mir ist schlecht Wann sind wir da Ich will ein Eis“ spielte er mit Floskeln und Redewendungen, die er mit Witz entlarvte und bloßstellte oder verfremdete. Vom deklamatorischen Gesangsstil her fühlte man sich manchmal in die 1970er-Jahre zurückversetzt, allerdings fehlte der politisch motivierte Bierernst von damals völlig. Das Ganze machte einen etwas improvisierten Eindruck, was von Frisch witzig überspielt zur weiteren Erheiterung beitrug.

Ungeheures Potential hat das junge Trio Forges um den französischen Drummer Tancrède D. Kummer, den Pianisten Rémi Ploton und den Vibraphonisten Samuel Mastorakis, die im Hotel Post ihr im März bei Boomslang Records veröffentlichtes Debüt-Album vorstellten. Ganz leise Passagen, die ein großes Gespür für Sounds und Nuancen offenbarten, wechselten sich mit getriebenen Stücken ab, in denen der Pianist die Tastatur auch mit Fäusten traktierte. Der Vibraphonist arbeitete häufig auch mit dem Bogen, und ein eigenwilliges Drum-Solo konzentrierte sich ausschließlich auf ein abgedämpftes Becken. Das Trio setzte in seinen sensiblen Interaktionen auf Unkonventionelles und auf Überraschungsmomente, alles war in permanenter Veränderung begriffen. Kummer ist für die Kompositionen zuständig, die sich wie ein Baukastensystem aus einzelnen Konzepten zusammensetzen, aus denen sich die Bandmitglieder bedienen und somit die musikalische Richtung verändern können. Ein interessanter Ansatz, zumal nicht akademisch, sondern mit viel Herzblut realisiert.

Um 18 Uhr wartete dann der vom legendären US-Trio Medeski, Martin & Wood her bekannte Schlagzeuger Billy Martin in Peter Figlers Kunsstschmiede mit einem groß angelegten Animations-Projekt auf. Innerhalb von zweieinhalb Tagen erarbeitete der New Yorker mit einem bunt zusammengewürfelten Orchester aus zwei Dutzend Profis, Halbprofis und Amateuren aus aller Welt ein einstündiges Orchesterprogramm, das buchstäblich „alle Stückerln spielte“. Alfred Vogel bezeichnete ihn in seiner Ansage als „wahnsinnig wichtige Quelle der Inspiration für eine Unmenge von Menschen“, was sich in der Performance aufs Eindrücklichste bewahrheitete. Mit einfachen, aber ausdrucksstarken und aussagekräftigen Handbewegungen dirigierte er die Gruppen von Saxophonisten, Keyboardern, Drummern und Gitarristen, sowie den kleinen Festival-Chor, sodass die Einsätze wie am Schnürchen klappten. Da gab es viel Schräges und Krachendes zu hören, aber auch Diffizileres. So gut wie jeder und jede genoss die von Andy Warhol dereinst proklamierten 15 Minuten Berühmtheit, wenn sie auch zumeist auf höchstens eine Minute zusammenschmolzen. Manchmal klang es wie ein Free-Orchester. Alfred Vogel zitierte zum Schluss sichtlich beeindruckt Albert Ayler, dessen Album-Titel „Music Is The Healing Force Of The Universe” seit 50 Jahren als starkes und optimistisches Statement durch die Jazz-Szene geistert. Und Billy Martin stieß ins selbe Horn. Schön wär’s!

Zurück in der Remise wartete ein ganz besonders nettes Tierchen auf das Publikum, denn Bode Wilson heißt auf Deutsch „Ziege Wilson“. Saxophonist/Flötist João Pedro Brandão, Kontrabassist Demian Cabaud und Drummer Marcos Cavaleiro hat Alfred Vogel beim portugiesischen Partner-Festival der Bezau Beatz, dem Porta-Jazz in Porto, kennengelernt. Das sympathische Trio war auch schon vor vier Jahren zu Gast und nimmt das Publikum schon seit 2014 auf seine meditativen, aber durchaus spannenden Klangreisen mit. Heuer um eine interessante visuelle Komponente erweitert, denn die Künstlerin Maria Mónica interpretierte die Musik mit kunstvollen Echtzeit-Projektionen in Schwarz-weiß, die sie live mit einfachsten aber äußerst effektvollen Mitteln generierte und die hinter dem Trio an die Bühnenrückwand geworfen wurden. Daraus ergab sich ein wundervoll poetisches Gesamtkunstwerk, das beim Publikum großen Anklang fand.

Ganz andere Bedürfnisse erfüllte dann die Abschluss-Band – Sinaubi Zawose & Pamoja Zanzibar –des dritten Festival-Tages, nämlich jene, sich zu bewegen und das Tanzbein zu schwingen. Den polnischen Bassisten und Produzenten Bond aka Radek Bednarz, den man auch hierzulande vom Trio Hang Em High mit Alfred Vogel und Lucien Dubuis her bestens kennt, zieht es seit Jahren nach Sansibar, das zu Tansania gehört. Dort organisiert er ein lokales Musikfestival und lernte dabei den legendären Zawose-Clan kennen, der seit Generationen zu den bekanntesten Musik-Familien des Wagogo-Volkes in der Region Dodoma zählt. Bald heuerte Bond als Bassist bei Sinaubi Zawose an, einem Sohn des legendären, über die Grenzen Afrikas hinaus berühmten Hukwe Zawose, den kein Geringerer als Peter Gabriel als „einen der bedeutendsten traditionellen Künstler der Welt“ bezeichnete und in seinen Real World Studios mehrfach aufnahm. Sinaubi verfügt über eine sehr kräftige, ausdrucksstarke Stimme und spielt eine ganz Reihe traditioneller Instrumente, wie die Zeze genannte Spießlaute oder die Ilimba und Chilimba genannten Lamellophone. Ihm zur Seite steht sein Onkel Lucas Ubi Zawose, ein Multiinstrumentalist, Sänger und Meister auf der mit dem Bogen gestrichenen Laute Chizeze. Für die treibenden, oftmals knallharten, direkt in die Beine fahrenden Rhythmen sorgten Bahati Zawose an den Ngoma genannten Trommeln und der Drummer Ally Lumbi. Das ist urwüchsige Musik, die sich ­(noch?) nicht an europäischen Verkaufskriterien orientiert – denn bei den Bezau Beatz ging der erste Auftritt der Band in Europa überhaupt über die Bühne! Ist das noch normal?

Am Sonntagvormittag hätte man sich dann noch beim finnischen Quartett Plop + Junnu bei Kaffee und Riebl von den tänzerischen Strapazen erholen können, allein irgendwann einmal ist der Akku leer und die Gehörgänge sind voll. Beim nächsten Mal vielleicht ...