Bezau Beatz 2023, 2. Tag: Immer noch nicht normal ...
Obwohl die Bezau Beatz richtungsmäßig natürlich im Jazz und der improvisierten Musik verankert sind, entfaltet sich innerhalb von vier Tagen ein stilistisch unglaublich breites Spektrum, das den aufgeschlossenen Musik-Fan mit einer dermaßen großen Vielzahl an musikalischen Eindrücken versorgt, dass man noch lange davon zehren kann. Das war auch heuer so, und das wissen mittlerweile immer mehr Musikbegeisterte zu schätzen.
Tag 2: Von Martin Buber bis Hanns Eisler
In der Nacht davor hatte Stian Westerhus die E-Gitarren-Apokalypse in die Bezauer Pfarrkirche durchgezogen – eine an die Substanz gehende Grenzerfahrung der ganz speziellen Art, die manchen zu viel war. Elf Stunden später traf man sich nach einem schönen halbstündigen Spaziergang durch den Wald in der Kirche Reuthe – sozusagen einen Steinwurf vom Inferno entfernt –, wo einen beim Konzert des Ensemble Du vergleichsweise Himmlisches erwartete. Tilo Weber, den man tags davor als Schlagzeuger und Komponisten kennengelernt hatte, präsentierte sich dieses Mal am Vibraphon, dem eine Marschtrommel und ein Becken zur Seite standen, und im Trio mit den beiden in Berlin lebenden Sopranistinnen Pia Davila und Almut Kühne. Seine Vertonungen von Aphorismen oder kurzen Textfragmenten aus Martin Bubers „Ich und Du“ passten perfekt in den sakralen Raum, wobei Weber betonte, dass ihm bei seinem gesamten Schaffen immer auch der philosophische Hintergrund wichtig sei. Am Werk des großen österreichisch-israelischen Religionsphilosophen habe ihn besonders das Zueinanderfinden im Dialog fasziniert, musikalisch umgesetzt sollte man hier allerdings besser von fein ziselierten Triologen sprechen, denn die beiden Frauenstimmen und das Vibraphon verschränkten sich auf höchst subtile Weise zu wundervollen Klanggemälden. Während Davila, die auf klassisches Konzertrepertoire, Oper, aber auch auf Neue Musik, neue Musiktheaterformen und Uraufführungen spezialisiert ist, im klassischen Gesangsduktus verblieb, stellte Kühne mehrfach auch ihr herausragendes Talent als improvisatorische Stimmakrobatin unter Beweis. So verblüffte sie am Anfang einer längeren Solopassage mit einem unendlich scheinenden Atemstrom aus ihrer Kehle, an den sich ein ganzes Arsenal an vokalartistischen Ausdrucksformen anschloss – und das alles unverstärkt, was sowohl Einiges über das Können der Akteure, als auch über die fabelhafte Akustik in der Kirche verrät. Als einzigen nicht von Buber stammenden Text hat Tilo Weber für dieses Trio Rainer Maria Rilkes berühmtes „Komm du, du letzter, den ich anerkenne“ vertont, ein Gedicht, das dieser auf dem Sterbebett geschrieben haben soll. „Etwas musste noch realisiert werden, etwas musste noch raus – wie auch bei uns in der Musik“, so Weber, der dann aber doch Bubers zentrale Botschaft „Der Mensch wird am Du zum Ich“ ganz an den Schluss dieses in jeglichem Sinne gehaltvollen Konzertes stellte.
Am frühen Nachmittag ging es dann im Hotel Post mit der in Köln lebenden Kontrabassistin Athina Kontou weiter, die sich mit ihrem Quartett Mother – back to the roots – zu ihren familiär bedingten musikalischen Wurzeln in Griechenland aufmachte und diese mit ihrer Leidenschaft für Jazz und improvisierte Musik verband. Gemeinsam mit der exzellenten Saxophonistin Luise Volkmann, Pianist Lucas Leidinger und Drummer Dominique Mahnig, der tags zuvor mit seinem unkonventionellen, witzigen Trommel-Attacken bei The True Harry Nulz einiges Aufsehen erregt hatte, spielte Kontou vorwiegend Stücke von ihrem im letzten Jahr erschienenen Album „Tzivaeri“ (nWog Records). Mit ihrem kraftvoll-erdigen Bass knüpfte sie gemeinsam mit dem wendigen Schlagzeuger einen mit den kniffligen Metren der traditionellen griechischen Musik gespickten Rhythmus-Teppich, auf dem die variantenreich spielende Luise Volkmann ihre emotionsgeladenen und experimentierfreudigen Soli auf Alt- und Sopransax ausbreiten konnte. Leidinger fungierte als Bindeglied am – manchmal auch präparierten – Piano, harmonisch einfallsreich und die Spannung vorantreibend. Nordgriechische, mazedonische oder thrakische Volkstänze voller sonnengetränkter Lebensfreude verbreiteten positive Stimmung, aber auch Nachdenkliches wurde nicht ausgespart. Etwa im Titelsong „Tzivaeri“, der von den Gedanken einer Mutter an ihr Kind geprägt ist, das sie in die Emigration schicken musste, um ihm zumindest die Aussicht auf ein besseres Leben zu ermöglichen, oder in einem armenischen Klagelied über das Fernweh. Das mitreißende und wundervoll musizierte Programm endete schließlich mit einem Stück des legendären Mikis Theodorakis, das Athina Kontou „irgendwo zwischen Liebeslied, Schlaflied und Revolutionslied“ angesiedelt sieht – die grandiose Luise Volkmann betonte mit ihrem wilden, das Sax röhrend und kreischend einsetzenden Solo wohl vor allem Letzteres.
Im Anschluss daran gab es eine Premiere der anderen Art, nämlich erstmals einen Vortrag bei den Bezau Beatz. Mit dem in zahlreichen einschlägigen Magazinen und renommierten Tageszeitungen tätigen Musikjournalisten Wolf Kampmann, der auch Lehrbeauftragter für Popgeschichte und Journalismus an der Hochschule der populären Künste Berlin und für Jazzgeschichte am Jazz-Institut Berlin ist, hat Alfred Vogel einen Kapazunder des Metiers eingeladen, der detailreich und ausgesprochen witzig die Parallelen zwischen (katholischer) Religion und Jazz (als eine Art Sekte) herausarbeitete. Der Titel seines Vortrags „Wer hat Charlie Parker ans Kreuz genagelt? Märtyrerkult und Heiligenverehrung im Jazz“ spricht Bände. Neben dem Bebop-Urgestein, das sich sein Märtyrertum mit unzähligen anderen Jazzern wie etwa Lester Young teilen muss, ging es auch um den historisch kaum greifbaren Buddy Bolden in seiner „Jesus-Funktion“, um Charles Gayle und Henry Grimes mit den Themen „Wiederauferstehung“ und „Erlösung“, oder John Coltrane als Apostel und Evangelist. Inspiriert wurde Kampmann zu diesem Thema übrigens von Texten bei Wegkreuzen rund um Bezau wie: „Ich danke dir Herr Jesus Christ, dass du für mich gestorben bist, ach lass dein Blut und deine Pein, doch nicht an mir verloren sein.“ Musikalisch umrahmt wurde der Vortrag vom aus Wien in seine Bregenzerwälder Heimat zurückgekehrten Saxophonisten Andreas Broger und dem portugiesischen Drummer Pedro Melo Alvez, der letztes Jahr bei den Bezau Beatz im Luís Vicente Trio die Trommeln rührte.
Hypochondrische Ängste nennt sich ein Quintett aus Leipzig, in dessen Mittelpunkt die zungenfertige 28-jährige Autorin und Spoken-Word-Artistin Jorinde Minna Markert mit ihren assoziativen Wortergüssen steht. Bassist Philipp Martin, der auch für die Kompositionen verantwortlich zeichnet, Gitarrist Jan Frisch, Drummer Fabian Stevens und Volker Heuken am Vibraphon nennen ihre Musik „eine Art kaputte Popmusik mit System“ und versuchen, den an Wortspielen und Anspielungen reichen Texten mit schrägen Tönen ein musikalisches Bett zu bereiten. Da wird im Zeitlupentempo operiert, aber auch temporeich, abgehackt oder Soundfarben-orientiert – bis hin zu John Paul Youngs „Love Is In The Air“ und einem Abstecher in die Ende-1970er-Jahre-Disco.
Dort wähnten sich anschließend vielleicht auch manche bei der irgendwie zeitversetzt wirkenden Wälderbähnle-Fahrt nach Bersbuch mit DJ L. Christl.
Zurück in der Remise bekam man es dann mit zwei absoluten Ausnahmeerscheinungen ihres Metiers im Doppelpack zu tun: Drummer Christian Lillinger und Tastenartist Elias Stemeseder, die im Projekt Penumbra (medizinische Bezeichnung für den noch unvollständig geschädigten Gewebeanteil bei einem Hirninfarkt) mit Synthesizer, Sampler und Electronics „eine radikal moderne Klangsprache frei von Schablonen und zugleich reich an Bezügen“ zu schaffen versuchten. Es ist eine höchst spannende Verschmelzung des von Stemeseder mit der linken Hand auf dem elektrifizierten Cembalo realisierten barocken Basso continuo mit zeitgenössischen Produktionsweisen und Musizierhaltungen – elektronische Klanggewitter und Störgeräusche inklusive. Hier wird meistens nicht mit der feinen Klinge gefochten, sondern wild, rau und ungezähmt. Lillinger – in der Ankündigung von Alfred Vogel als langjähriger programmatischer Fixpunkt des Festivals bezeichnet und in Anlehnung an Wolf Kampmanns Vortrag zum „Schutzpatron der Bezau Beatz“ ernannt – vermag mit seinem unorthodoxen, blitzschnellen Spiel immer wieder aufs Neue zu verblüffen. Allein schon seine Mimik beim Produzieren komplexer Rhythmen ist ungemein beeindruckend – er scheint beim Spielen völlig aus sich herauszutreten und sich in einer gänzlich anderen Sphäre zu bewegen –, vom akustischen Output ganz zu schweigen. Am Ende verließen die beiden hochkarätigen Musiker die Bühne und ließen die Elektronik einfach alleine weiterspielen – wer weiß und Gott behüte, vielleicht ein weiteres Betätigungsfeld für KI?
Das Abschlusskonzert des zweiten Festivaltags bestritt dann ein altgedientes, aber stets frisch und unverbraucht wirkendes Impro-Trio, das sich erfreulicherweise auch den musikalischen Humor auf die Fahne geheftet hat – Das Kapital. Kaum zu glauben, dass der dänische Gitarrist Hasse Poulsen, der deutsche Saxophonist/Flötist Daniel Erdmann und der französische Schlagzeuger Edward Perraud bereits seit 2002 zusammenspielen und mittlerweile acht, zum Teil mit Preisen ausgezeichnete Alben herausgebracht haben. In Bezau unterhielten sie das Publikum blendend mit einer Art „Best of ...“, in der sich die gesamte stilistische Bandbreite der Akteure widerspiegelte. Vom Album „Vive La France“ (2019), das der französischen Musik gewidmet ist, spielten sie den „Marche pour la cérémonie des turcs“ des Barockkomponisten Jean-Babtiste Lully, Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“, Georges Brassens „Le temps ne fait rien à l’affaire“ und den Jacques Brel-Hit „Ne me quitte pas“. Da werden die Originale zitiert, dekonstruiert, mit explosiven Ideen aufgemöbelt, rhythmisch und harmonisch verschoben und – manchmal – wieder rekonstruiert. Atemberaubend und das Zwerchfell strapazierend! Dasselbe Verfahren wird auch auf den beiden Hanns Eisler gewidmeten Alben „Ballads & Barricades“ (2009) und „Conflicts & Conclusions“ (2011) angewendet. Die Komposition „Die Pappel vom Karlsplatz“ ist eine gemütlich swingende Saxophon-Ballade, in die sich allerdings schon rasch die ersten Störgeräusche hineinschmuggeln. Das „Solidaritätslied“ klingt zuerst martialisch, wird dann explosiv und funky, um schließlich als eine Art harte Metal-Nummer völlig frei improvisiert im exzessiven Wahnsinn zu enden. Auch das von KZ-Insassen geschriebene und von Eisler arrangierte „Die Moorsoldaten“ wandelt sich von der Ballade zur freien Improvisationen und wieder zurück. Alle drei Musiker erwiesen sich als originelle und exzellente Improvisatoren – Poulsen erregte auch schon von der Optik her mit seinen Mini-Gitarren einiges Aufsehen. Man ließ auch in den launigen Ansagen stets die Ironie walten. Ein großes Vergnügen in jeglicher Hinsicht! Hoffentlich dauert es nicht lange bis zu einem Wiedersehen ...