Kota – Lebensansichten eines Huhns
Silvia Thurner · 14. Aug 2023 · Musik

Brass Appassionato mit leidenschaftlichen Freudenbringer:innen

Symphonische Blasmusik bereicherte die Bregenzer Festspiele

Anspruchsvolle Gemeinschaftsprojekte sind für die Motivation junger und jung gebliebener Musikant:innen essentiell, denn sie beleben die Szene und heben das Niveau. Das wissen die Verantwortlichen des Vorarlberger Blasmusikverbandes, allen voran Wolfram Baldauf und Christoph Indrist. Profis in den namhaftesten Orchestern starteten ihre Karriere oft in den örtlichen Blaskapellen. Wohl auch deshalb sehen es die Wiener Symphoniker als schöne Aufgabe, ihr großes musikalisches Wissen weiterzugeben. Bereits zum sechsten Mal leitete Martin Kerschbaum das Internationale Blasmusik-Camp (IBC) bei den Bregenzer Festspielen. Zehn Dozenten probten mit den 90 Teilnehmer:innen im Rahmen einer intensiven Werkwoche ein anspruchsvolles Programm. Zum Abschluss ging eine Matinee mit Werkdeutungen über die Bühne, die das Publikum im voll besetzten Saal des Bregenzer Festspielhauses in Jubelstimmung versetzte.

Von einem symphonischen Blasorchester geht eine besondere Faszination aus, denn die Blasinstrumente entfalten durch ihre spontane Tonansprache eine ganz unmittelbar wirkende Kraft. Die groß besetzten Stimmgruppen der Holzblasinstrumente sowie das sich gut mischende hohe Blech mit Horn und den tieferen Blechblasregistern machten viel Eindruck. Verstärkt wurden die Bläser:innen von einer reichhaltigen Palette an Perkussionsinstrumenten, die von Pauken über große Trommel bis zu Glockenspiel, Röhrenglocken, Marimba und Vibraphon reichte. Die symphonische Blasorchesterbesetzung lässt einesteils feinsinnige Tongewebe zu und ist andernteils im Stande, mit massiven Klangkulminationen den Raum zu füllen. Genau diese Vorzüge erlebten die Zuhörenden bei der Festspielmatinee im großen Saal des Bregenzer Festspielhauses mit hervorragenden Werkdeutungen, die zum Abschluss des IBC unter der Leitung von Martin Kerschbaum erklangen.

Imponierender Gestaltungswille

Ein anspruchsvolles Programm forderte von den größtenteils jugendlichen Musiker:innen aus Vorarlberg, anderen Bundesländern, Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz viel, und sie gaben alles. Mit höchster Konzentration und dem Willen zum gemeinsamen musikalischen Gestalten interpretierten die Blasorchestermitglieder die vielgestaltigen Kompositionen. Passend zum diesjährigen Festspielsommer hat Martin Kerschbaum, der Mastermind und Leiter des Camps, Kompositionen zusammengestellt, die Bezug auf die Verdi-Oper „Ernani“ sowie das Spiel auf dem See, „Madame Butterfly“, nahmen. Darüber hinaus bildeten Werke aus den Opern „Salome“ von Richard Strauss sowie die Ballettmusik aus der Oper „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli die Pfeiler der Matinee.

Temperamente ausspielen

Eine besondere Herausforderung und zugleich den Höhepunkt des dichten Programms stellte „Salomes Tanz“, für Blasorchester bearbeitet von Mark H. Hindslay, dar. Mit exakt artikulierten melodischen Floskeln weckten die Musiker:innen eine große Erwartungshaltung. Allmählich verdichteten sie den melodischen Fluss, beschleunigten ihn und entwickelten damit eine große Sogwirkung. Mit raschem Tempo stellte das Blasorchester den Marsch aus der Oper „Ernani“ von Guiseppe Verdi in den Raum. Die straffen Phrasierungen kristallisierten dabei die „Temperamente“ der gut besetzten Stimmgruppen heraus. Die dynamische Musizierhaltung verlieh auch John Williams‘ „The Imperial March“ aus der Filmmusik zu Star Wars eine mitreißende Ausdruckskraft.
Als Reminiszenz an die Seebühnenproduktion war die Fantasie über Puccinis Oper „Madame Butterfly“ des japanischen Komponisten Yō Gotō gedacht. Doch die Komposition wirkte in der musikalischen Anlage nicht ganz abgerundet und in der Interpretation mit den raschen Läufen, fugierten Einsätzen und viel Perkussion stellte sich der gemeinsame Atem nur zögerlich ein.

Freudvolle Unterhaltung

Entspannung und Freude entfalteten das Medley aus der Filmmusik zu „The Wizard of Oz“ von H. Arlen, E. Harburg und J. Barnes. Diese Werkdeutung lebte vor allem von der geistreich zelebrierte Klangvielfalt und Brillanz des großen Blasorchesters. Eine ebenso fröhliche Grundstimmung verbreitete Ponchiellis „Tanz der Stunden“. Hier ließen die virtuos ineinander verschachtelten Triller- und Vorschlagsmotive aufhorchen, die mit viel Esprit und Einsatzbereitschaft ausgeformt und in effektvollen Schüben zum Höhepunkt geführt wurden. Auch in „Jupiter“ von Gustav Holst kam das Einverständnis für das musikalische Geben und Nehmen im Orchester voll zur Geltung. Den großen Linien über den kleingliedrig aufsteigenden Begleitfloskeln wurde viel Entfaltungsraum gewährt. Den Groove brachten die Posaunistin Julia Baldauf und der Flügelhornist Christian Marti als Solist:innen sowie aus den Orchesterreihen der Trompeter Martin Degasper mit „Unforgettable“ von Irving Gordon in den Saal.
Raphael Leone (Flöte), Paul Kaiser (Oboe, Englischhorn, Fagot), Manuel Gangl und Alexander Neubauer (Klarinette, Saxophon), Markus Obmann (Horn), Andreas Gruber und Christian Löw (hohes Blech), Reinhard Hofbauer (Tenorhorn, Euphonium, Posaune), Franz Winkler (Tuba) sowie Thomas Schindl (Schlagwerk) haben mit den IBC-Teilnehmer:innen geprobt und sie mit Können, Humor sowie musikalisch-pädagogischem Wissen auf das Konzert vorbereitet.
Martin Kerschbaum leitete und dirigierte das Orchester mit Schwung, ausdrucksstarker Gestik und motivierender Spielfreude. So stellte sich im Saal sogleich eine inspirierende Stimmung ein. Dazu trug auch die Moderatorin Bettina Barnay-Walser bei, die den Abstand zwischen den Musiker:innen und den Zuhörenden humorvoll und informativ überbrückte.

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