Bezau Beatz 2023: Alles, nur nicht normal!
Keine Sorge, hier soll nicht die von einigen eigentlich nicht weiter erwähnenswerten Politiker:innen losgetretene, überbordende Sommerloch-„Normal“-Debatte fortgesponnen werden. Dieses biedere Dümpeln in populistischen Sümpfen überlassen wir gerne jenen, die sich erhoffen, dafür bei Wahlen von jenem Teil der Bevölkerung mit ihrer Stimme belohnt zu werden, mit dem wir – die wir uns vorsichtshalber lieber gleich einmal selber als abnormal deklarieren – ohnehin nicht in einen Topf geschmissen werden möchten. Bei den Bezau Beatz ist nichts normal – Gott (oder wem auch immer) sei’s gedankt! Das traf auf wohltuende Weise auch auf die 16. Ausgabe dieses exzeptionellen Festivals für Jazz und improvisierte Musik zu, die vom 10. bis 13. August in der heuer sonnenverwöhnten Bregenzerwälder Metropole über diverse Bühnen ging.
Es ist nicht normal, dass Alfred Vogel seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten Jahr für Jahr – auch unter von der Wirtschaftslage her außerordentlich angespannten Umständen – wieder genügend Subventionsgeber, Sponsor:innen und sonstige Verbündete für ein viertägiges Festival mit 19 Veranstaltungen auftreibt. Ein Festival, das dieser wundervollen, nach wie vor landwirtschaftlich geprägten Landschaft nicht für ein paar Tage „auf‘s Auge gedrückt“, sondern liebevoll in diese eingebettet wird. Es ist nicht normal, dass ein Veranstalter nach 16 Jahren, in denen (s)ein Festival sich endlich etabliert hat, nicht dem „Schneller, größer, attraktiver, lukrativer“-Wahn verfällt, sondern weiterhin auf Entschleunigung, angenehm legere Atmosphäre und auf die persönliche Kommunikation zwischen allen Beteiligten auf beiden Seiten der Bühne setzt. Hier drücken sich die Akteure nicht die Autotürklinken in die Hand, sondern sind oftmals mehre Tage vor Ort und genießen vor und nach ihrem eigenen Auftritt den musikalischen Output ihrer Kolleg:innen und lassen sich möglicherweise zu Neuem inspirieren. Es ist auch nicht normal, dass immer mehr Menschen buchstäblich aus aller Welt Jahr für Jahr in das 2.000-Seelen-Nest pilgern und mittlerweile schon – wie es Alfred Vogel bezeichnet – eine Art „Familie“ geworden sind. Und jedes Jahr kommen neue dazu! Wer das internationale Festivalangebot kennt, weiß, was das für ein hart erarbeiteter Glücksfall ist. Alfred Vogel ist selber Musiker und Klein-Label-Betreiber – und er ist ein Überzeugungstäter. Er bucht nicht nur, was möglichst vielen Menschen gefallen könnte, sondern was er für „gut“ und für „wichtig“ hält – und eine zunehmende Zahl Musikinteressierter vertraut seinem Urteil. Geht man davon aus, dass das, was häufig in den Radios gespielt wird, den Durchschnitts-Geschmack repräsentiert, sind die Bezau Beatz weit entfernt von jeglicher Normalität. Auch „Schönheit“ als Kriterium greift hier in den meisten Fällen nicht, vielmehr geht es um Ehrlichkeit, Authentizität und Originalität, die auch zu schrägen, im Extremfall sogar schmerzhaften Ergebnissen führen können. Die Bezau Beatz sind ein brodelndes Sammelsurium aus exzeptionellen Ideen, hier wird das Neueste aus musikalischen Versuchslaboren präsentiert, werden lustvoll Experimentierfelder erforscht. Die Akteur:innen bewegen sich zumeist auf höchstem Niveau und sind alles, nur nicht normal.
Tag 1: Vom Paradies ins Inferno
Durch die großflächige Fensterfassade des Seminarsaals im Hotel Post erschien die sonnenbeschienene Bregenzerwälder Landschaft aus Feldern, Hügeln und Bergen fast zu schön, um wahr zu sein. Und doch gab dieses alpenländische Paradies den exakt passenden Hintergrund für das Eröffnungskonzert mit dem aus Köln stammenden Damenquartett Hilde ab, denn Julia Brüssel an der Violine, Emily Wittbrodt am Cello, die Posaunistin Maria Trautmann und die Vokalistin Marie Daniels sorgten mit ihren nahtlos zwischen Komposition und Improvisation pendelnden Stücken und den unkonventionellen, sich aus der ausgefallenen Besetzung ergebenden Klangkombinationen für Begeisterung. Das kann mit einer coolen, mit Dämpfer gespielten Posaunenmelodie zu einem mit klarer Stimme gesungenen Text beginnen, umspielt von melancholischem Saitenzauber, und unversehens ins experimentell Geräuschhafte kippen. Da wird mit rhythmischen Verschiebungen und Soundfarben gespielt, mit der Zeit sind es die konventionell gespielten Töne, die besonders auffallen. Dabei wird alles akustisch musiziert, auf alles Laute wird verzichtet – der ideale Festival-Einstieg, um die schon am Nachmittag in verblüffend großer Zahl erschienenen Besucher:innen aus dem Alltag abzuholen und in die Bezau Beatz-Welt hineinzuführen. Im Frühjahr 2024 wird Hilde das zweite Album, dieses Mal bei Alfred Vogels Boomslang Records herausbringen – da ist schon jede Menge Vorfreude angebracht.
Ganz andere, nämlich ausgesprochen witzige Töne schlug dann in der Remise das ausgefallene Septett The True Harry Nulz an. Dass keine gerade Musik herauskommt, wenn sich zwei schräge Bands zusammenschließen, konnte man schon erahnen, zumal sich sowohl das österreichische Trio Edi Nulz, bestehend aus Bassklarinettist Siegmar Brecher, Gitarrist Julian Pajzs und dem Drummer Valentin Schuster, sowie das Schweizer Quartett The Great Harry Hillman mit Nils Fischer an der Bassklarinette, David Koch an der Gitarre, Samuel Huwyler am E-Bass und Dominik Mahnig an den Drums schon auf getrennten Wegen einen hervorragenden Ruf erspielt hatten: Kreativer Spielwitz, lustvolles Genregrenzen-Sprengen, überraschende Richtungswechsel, exzentrische Improvisationen, Komplexes schmackhaft serviert – das traf auf beide Bands zu. Nun werden diese sich regelmäßig in musikalischem Wahnwitz ergießenden Eigenschaften nicht nur gebündelt, sondern auch noch getoppt durch die unzähligen zusätzlichen Möglichkeiten, die sich durch die Doppelung der Bassklarinetten, Gitarren und Drums ergeben – wobei Samuel Huwyler seine Rolle als „einsamer“ Bassist hervorragend ausfüllt. Gespielt wurden Titel vom im Oktober bei Boomslang Records erscheinenden Album „Fur Fish Banana“ mit sprechenden Namen wie „Strengen denkt an“, „Er ist tot, Jim“ oder „... das Geheimnis der Achtelnoten“. Dabei ist jedes einzelne der Stücke mit einer Vielzahl an Ideen gespickt, die für ein ganzes Album reichen würden. Exzess und Ruhe in reizvollem Kontrast, waghalsiges Hin- und Herspringen zwischen Punk und Feinarbeit, Jazz und viel Rock – Letzterer vor allem im famosen „Wolkenkatzen“. Stücke können extrem explodieren und druckvoll voranpreschen, um dann im Nu wieder völlig zu zerbröseln. Ein humoristisches Highlight war sicherlich „Stress 2023“ dank eines gnadenlos witzigen Drum-Battles, das selbst die Mitmusiker zum Lachen brachte.
Fortgesetzt wurde dieser Abend der größtmöglichen Kontrastprogramme mit dem Tilo Weber Trio und seinem Programm „Tesserae“, das diesen Frühling beim finnischen Label We Jazz erschienen ist. Der durch seinen extralangen roten Bart schon rein äußerlich auffallende Schlagzeuger war letztes Jahr noch als Gast bei den Bezau Beatz dabei und stand heuer gleich mit zwei Projekten selber auf der Bühne. Gemeinsam mit dem enorm angesagten, heuer mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichneten Pianisten, Keyboarder und Synthesizer-Spezialisten Elias Stemeseder und dem Kontrabassisten Oliver Potratz, der kurzfristig den Stammbassisten des Trios Petter Eldh ersetzte, realisierte Weber seine feinsinnigen und komplexen Kompositionen und agierte als höchst sensibler Drummer. Der österreichische Tastenmann zauberte aus seinem elektronischen Hexenkessel Ungewohntes, stets Interessantes, hatte sogar ein im Jazz absolut selten zu findendes Cembalo dabei, das allerdings – durch die Elektronik gejagt – nicht allzu viel vom typischen Klang dieses Instruments behielt. Die Akteure glänzten durch sensibles Interplay, drei Soundmaler auf der Suche nach unkonventionellen Klängen jenseits aller stilistischen Schubladen.
Eine Stunde vor Mitternacht verstörte dann der norwegische Gitarrist Stian Westerhus das Publikum in der Bezauer Pfarrkirche St. Jodok mit seinem Soloprogramm „Amputation“, das er 2016 bei einem Londoner Independent-Label mit dem für dieses Projekt perfekt passenden Namen House of Mythology aufgenommen hat. Er jagte die Gitarrentöne durch ein ganzes Arsenal an Effektgeräten und sang dazu mit extrem tiefer, kehliger oder eigenartig hoher Kopfstimme weitgehend unverständliche, mystisch anmutende Texte. Einzig ein Textbrocken blieb hängen: „You are part of heaven, you are part of hell”. Wohl eine Schlüsselstelle! Dementsprechend wechselten in extremer Gegensätzlichkeit große Zartheit und brachiale Gewalt – ein emotionales Wechselbad, das nicht wenige Zuhörer:innen aus der Kirche trieb. Der ideale Soundtrack zum Weltuntergang entwickelte sich mehr und mehr zur überbordenden – gefühlt mindestens zwanzigminütigen – Noise-Orgie, die über die Schmerzgrenze hinausging und einen Gehörschutz erforderlich machte. War das überhaupt noch ein Konzert, oder doch schon eine entglittene Geisterbeschwörung, eine Schocktherapie (wogegen auch immer), die vorweggenommene Apokalypse? Egal, der Rezensent staunte mit krampfhaft zugehaltenen Ohren und freute sich, das Thema Inferno für sich ganz persönlich schon einmal abhaken zu können.
So etwas ist hierzulande nur bei den Bezau Beatz zu erleben – und vieles andere auch, wie die zwölf Konzerte an den nächsten beiden Tagen wieder einmal unter Beweis stellen sollten. Mehr dazu in einem weiteren Artikel.