Neu in den Kinos: „Der erste Tag meines Lebens“
Paolo Genovese schickt einen mysteriösen Fremden durch die Straßen Roms, der Menschen vor dem Freitod bewahren soll. Ein Autorenfilm der traditionellen italienischen Schule über den Sinn des Lebens. Und über die Frage nach dem Recht, dieses selbst zu beenden.
Ein schwarzes Auto im strömenden Regen. Das gelbe Licht von Straßenlaternen auf nassem Asphalt. Ein Schuss. Ein schweigsamer Fahrer mit vier Passagieren. Ein verlassenes, schwach beleuchtetes Hotel mit schweren Möbeln. Ein geheimnisvoller Beginn für einen Film, der vom wahrscheinlich größten Geheimnis erzählen möchte: jenem des Lebens.
In „Der erste Tag meines Lebens“ („Il primo giorno della mia vita“) geschieht dies über den Umweg des Todes. Denn der mysteriöse Fremde (Toni Servillo), der in dieser verregneten Nacht durch die Straßen Roms fährt, vier unterschiedliche Menschen aufsammelt und in ein verlassenes Hotel bringt, ist ein Abgesandter aus dem Totenreich. Alle vier – ein Mann, zwei Frauen, ein Kind – haben sich in dieser Nacht das Leben genommen. Eine zweite Chance sollen sie bekommen, die Entscheidung für den Freitod noch einmal überdenken. Dafür haben sie eine Woche Zeit. Für die Lebenden jetzt unsichtbar beginnt für sie der erste Tag des Lebens nach dem Tod.
„Ich weiß, dass es schmerzhaft ist zu sehen, wie das Leben weitergeht“, sagt der meist gütig lächelnde Fremde. „Nicht weil es schön ist oder schrecklich, sondern weil es das ohne dich tut.“ Genau das sollen die vier nun beobachten: Der traumatisierten Polizistin Arianna (Margherita Buy), dem depressiven Lebenscoach Napoleone (Valerio Mastandrea), der nach einem Unfall gelähmten Profiturnerin Emilia (Sara Serraiocco) sowie dem zwölfjährigen, übergewichtigen Influencer Daniele (Gabriele Cristini) soll buchstäblich vor Augen geführt werden, wie die Hinterbliebenen mit ihrem Tod umgehen – was weniger eindeutig ausfällt als erwartet.
Die Lichter der Ewigen Stadt
„Der erste Tag meines Lebens“ ist ein Autorenfilm der traditionellen italienischen Schule, mit dem Paolo Genovese seine Bewunderung für dessen Erzählweise, Stil und Inszenierung zum Ausdruck bringt. Wenn den vier Todeskandidatinnen und -kandidaten ein kurzer Blick in die Zukunft gegönnt wird, sitzen sie selbstverständlich in einem alten Kino auf Holzstühlen und mit ratterndem Projektor im Hintergrund. Jede knarrende Diele, jeder durchs Fenster dringende Lichtstrahl und nicht zuletzt die in sattes Gelb und tiefes Blau getauchte Ewige Stadt wirken so bedeutungsvoll wie jede einzelne Dialogzeile.
Und doch entwickeln sich in diesem Film, der Vergleiche mit Frank Capras „It‘s A Wonderful Life“ und Wim Wenders‘ „Himmel über Berlin“ heraufbeschwört, einige bemerkenswerte Gedanken, die über die gängige Meinung hinausreichen, dass das Leben zu schön und wertvoll sei, um es selbst frühzeitig zu beenden. Oder dass man damit – nicht nur im katholischen Italien – ein Tabu breche, weil nur Gott über das Leben verfügen dürfe. Napoleone, dessen Motiv sich als vielschichtiger erweist als jene der anderen, verbittet sich etwa die Einmischung durch den Fremden, weil dieser schlicht kein Recht dazu habe. Ob er überhaupt wisse, welche Kraft es koste, den letztlich entscheidenden Schritt zu tun? In Szenen wie dieser macht Genovese die unterschiedlichen Perspektiven deutlich, zwar nicht immer subtil, doch er lässt sie zu und hinterfragt die Argumente, ohne zu urteilen. Und er predigt nicht einem lebensbejahenden falschen Optimismus das Wort.
Einmal führt der Fremde die noch nicht Geretteten auf einen Hügel über der Stadt. Es ist Nacht, und mit einem Handstreich lässt er alle Lichter Roms ausgehen, hinter denen unglückliche Menschen leben. Da wird es plötzlich ziemlich finster. Dass das alte und zugleich neue Leben nach dem Tod nur Freude bereiten würde, will er erst gar nicht behaupten. „Aber vielleicht möchtet ihr gerade deshalb die glücklichen Momente im Leben finden, indem ihr sie vermisst.“
Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen und Erste Hilfe bei Suizidgedanken:
● Telefonseelsorge 142, täglich 0 bis 24 Uhr
● Kriseninterventionszentrum 01/406 95 95 und E-Mail-Beratung: kriseninterventionszentrum.at
● Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/31330