Schubertiade Hohenems bot Licht und Schatten
Das Schumann Quartett faszinierte, der Bass David Steffens ließ Fragen offen
Liedkunst und Kammermusik brachte das erste Schubertiade-Wochenende des Jahres nach Hohenems. Der Bass David Steffens, am Klavier von Ammiel Bushakevitz begleitet, beeindruckte vorwiegend mit seiner sonoren Stimme und großer Textdeutlichkeit, ließ aber mit seinen interpretatorischen Ansätzen Wünsche offen. Als Sternstunde wird das Konzert mit dem Schumann Quartett und dem Cellisten Alexey Stadler und deren faszinierenden Deutung von Schuberts Streichquintett (D 956) in Erinnerung bleiben. Bei beiden Konzerten zeigte sich, wie spannend Interpretationsvergleiche sein können.
Im Schumann Quartett musizieren die drei Brüder Erik, Ken und Mark Schumann sowie der Bratschist Veit Hertenstein. Schon mit der Darbietung des Mozart-Streichquartetts KV 464 ließen die Musiker aufhorchen, denn akkurat und mit einem großen gemeinsamen Atem phrasierten sie die musikalischen Linien, schachtelten die fugierten Themen wunderbar transparent ineinander und loteten die motivischen Gegensätze wirkungsvoll aus. Mit viel Kontakt zueinander entwickelten die Quartettmusiker eine Werkdeutung, die locker und spielerisch, jedoch detailliert und spannend die Raffinessen des A-Dur Streichquartetts herauskristallisierte.
Diese Musizierhaltung weckte eine große Vorfreude auf die Darbietung des berühmten Streichquintetts in C-Dur (D 956) von Franz Schubert. Als Quintett-Partner debütierte Alexey Stadler bei der Schubertiade Hohenems. In Vorarlberg war er bereits 2023 mit der Aufführung des Cellokonzertes von Gerald Resch sowie 2018 mit der Interpretation des ersten Cellokonzertes von Dmitri Schostakowitsch im Rahmen des SOV-Abonnements bestens in Erinnerung geblieben.
Das viel gespielte Schubert-Quintett bietet sich für Interpretationsvergleiche an. Weil auch Details den Charakter einer Werkdeutung maßgeblich in ein anderes Licht stellen, sind es hauptsächlich diese, die Hörerlebnisse immer wieder aufs Neue spannend machen.
Alexey Stadler integrierte sich hervorragend in den Streichquartettklang. Sämtliche Themen spielten die Musiker variantenreich aus, präsentierten den Eröffnungssatz eher spannungsgeladen in einem raschen Tempo und ließen im fragilen Adagio die Zeit regelrecht stillstehen. Den schwebenden harmonischen Aufbau und die subtil gesetzten Pizzicati verbunden mit dem Thema, das im Klanghintergrund beinahe ohne Vibrato gestrichen wurde, stellte die Musik in einem so bisher nicht wahrgenommenen Licht dar. Im Markus-Sittikus-Saal verbreitete sich eine sakrale Ruhe und die Musiker spielten sich bis zum Finalsatz in einen mitreißenden Flow hinein, der höchste Bewunderung verdient. Das Publikum dankte mit frenetischem Applaus für diese faszinierende Werkdeutung.
Mehr Operngesang als Liedgestaltung
Bassstimmen sind in der Szene des Liedgesangs rar, umso größer war das Interesse an dem Sololiederabend von David Steffens. Gemeinsam mit seinem Klavierpartner Ammiel Bushakevitz präsentierte er ein erlesenes Programm, dessen zentrale Themen die Grenzen des Menschen, den Tod und den Abschied umkreisten. Mit den „Vier ernsten Gesängen“ von Johannes Brahms und vor allem mit den Gesängen op. 87 von Richard Strauss zelebrierte David Steffens große Phrasierungsbögen, die viel Emotion verströmten.
Stimmlich überzeugte der Sänger mit seinem warmen Timbre, einer voluminösen Stimme und sonorer Tiefe. Der 40-jährige David Steffens hat sich vor allem als Opernsänger einen Namen gemacht. Seine Qualifikation als Liedinterpret kam zwar in einigen Balladen zur Geltung, allerdings wirkten seine Interpretationsansätze im Hinblick auf einen feinsinnigen Liedgesang teilweise eher wenig differenziert. Die Intervallspannungen setzte der Sänger mit gut durchdachten Zielpunkten in Szene. Doch „kleinräumige“ Differenzierungen wie Leittonwirkungen und kleine Tonabstände innerhalb der melodischen Linienführung wirkten mitunter intonatorisch wenig aufmerksam geformt. Dies beeinträchtigte zwar die Wirkung der Balladen in der „äußeren“ Klanggebung wenig, doch in der Innenschau auf die Lieddeutungen umso mehr.
Spannend belebte der Bass unter anderem „Der Schiffer“ (D 536), „Der Zwerg“ (D 771), „Grenzen der Menschheit“ (D 716) und „Prometheus“ (D 674). Brahms‘ „Ernste Gesänge“, op. 121 sowie die „Drei Gesänge nach Gedichten von Friedrich Rückert“ von Richard Strauss entsprachen der Diktion des Bassisten gut. Mühelos und voluminös zog er weite Phrasierungsbögen, lotete die Klangfarben der Register in den Höhen aus und zelebrierte markante Textpassagen, beispielsweise in „O Tod, wie bitter bist du“ von Brahms oder in „Und dann nicht mehr“ von Strauss. Die Textdeutlichkeit des Sängers und die insgesamt eher gemäßigten Tempi verliehen den zugrundeliegenden Inhalten viel Gewicht.
Am Klavier begleitet wurde David Steffens von Ammiel Bushakevitz. Er war dem Sänger ein guter Partner, wirkte präsent und formte die Klavierparts mit viel Ausdruckskraft. Besonders in Erinnerung blieben klangmalende Details, die einigen Liedern und Balladen Atmosphäre verliehen, wie Schuberts „Das Abendrot“ (D 627), die Vor- und Zwischenspiele in „Grenzen der Menschheit“ (D 716) und „Prometheus“ (D 674). Der Pianist profilierte überdies die „Gesänge“ von Richard Strauss durch die betonten harmonischen Modulationen in „Im Sonnenschein“ sowie „Im Spätboot“ (op.56/3).
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