Chris Haring/Liquid Loft beim tanz ist Festival am Spielboden Dornbirn (Foto: Stefan Hauer)
Anita Grüneis · 18. Mai 2024 · Musik

Schlossmediale Werdenberg: Musik als Urquelle der Inspiration

Das eigenwillige kleine Festival

Das diesjährige Internationale Festival für Alte Musik, Neue Musik und audiovisuelle Kunst, die Werdenberger Schlossmediale, ist eröffnet. Zehn Tage lang pulsiert das zeitgenössische Kunstschaffen in und um die alten Schlossmauern. Und schon das erste Konzert wies erneut auf die Außergewöhnlichkeit dieses Festivals hin. Dieses Jahr stehen das Thema „Quelle“, das Instrument Glasharfe und der Komponist Christian Mason im Mittelpunkt. Die Schlossmediale 2024 ist zugleich der Abschied von der künstlerischen Leiterin Mirella Weingarten, die dieses Festival 12 Jahre lang prägte und mit ihrem ungewöhnlichen Konzept zu dem machte, was es nun ist: Ein Juwel.

Die Quelle ist Anfang und Neubeginn. Vor zwölf Jahren haben wir mit einem kleinen Team begonnen, meinte Mirella Weingarten bei ihrer Begrüßung und fügte hinzu: Wir haben keine Schwellenängste, Mainstream brauchen wir nicht. Genau das zeichnete die zwölfte Saison ihrer Schlossmediale aus. Jedes Jahr überraschte sie mit neuen Ideen, neuen Instrumenten und Komponist:innen aus dem Heute, deren Werke in unserer Region kaum je zu hören sind. Das diesjährige Instrument im Fokus ist die Glasharfe, was könnte besser zum Thema Quelle passen! Außerdem ist dieses Jahr ein Künstler erneut zu Gast, dessen Kunstfertigkeit am Theremin schon einmal zu erleben war: Thorwald Jørgensen. Zur Information: das Theremin ist das einzige Musikinstrument, das berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt.

Glasharfe, Theremin und Singende Säge

Das Eröffnungskonzert bot auch gleich die Uraufführung des diesjährigen Auftragswerks. Der 40-jährige britische Komponist Christian Mason schrieb sein Stück I would sing of thee, but only tears für Mezzosopran, Glasharfe, Theremin, singende Säge und Gitarre – eine ungewöhnliche Zusammensetzung. Genauso ungewöhnlich waren auch die Klänge dieses Stücks. Ungewohnt, eigenartig und von betörendem Reiz. Mal fragil, mal fordernd grell – das kann die Glasharfe! – mal klagend – das kann die singende Säge – und dann wieder butterweich und voller Wehmut – dafür war dann der warme und runde Mezzosopran von Lotte Betts-Dean zuständig. Und auch immer ein wenig mystisch. Die Gitarre von Sam Cave setzte dazu klare Akzente, das Theremin von Thorwald Jørgensen fügte sich überall ein. Der Komponist Christian Mason spielt dieses ungewöhnliche Instrument auch selbst. Seine Inspirationen holt sich Mason von Landschaften und Umgebungen. Und so hätte es ihm sicher gefallen, dass bei seiner Uraufführung die Glocken der Schafe auf der Wiese draußen vor dem Schloss Werdenberg mitgeklungen haben. 

Das Publikum ist in Bewegung

Das Eröffnungskonzert war wie immer ein Wandelkonzert, das heißt, dass das Publikum von Stockwerk zu Stockwerk bis hinauf in das Dachgesch des Schlosses wanderte. Begrüßt wurde es auf der Eingangstreppe von Anna Trauffer und ihrer Glasharfe. Sie strich und flüsterte die Komposition Silence des amerikanischen Jazz-Kontrabassisten Charlie Haden. Im ersten Innenraum wartete bereits David Lopez mit seiner Geige, und spielte das Werk Blurry Wake Song des 34-jährigen Oliver Leith. Den letzten Ton dieses Violin-Weckrufs nahm die Mezzosopranistin Lotte Betts-Dean auf und sang von Morton Feldman Only, dabei streifte ihre warme Stimme die kalten weißen Wände und das Schloss schien sich zu erwärmen. Auf der gegenseitigen Treppe zeigte Thorwald Jørgensen mit der Komposition Distant Shores zum ersten Mal seine Kunstfertigkeit an diesem eigenwilligen Instrument. Dazu kam von der Decke das zarte Quaken von Enten, die sich in der Videoprojektion einer Flussuferlandschaft tummelten, bis sich die Töne in den Binsen verfingen.
Einen Stock höher, inmitten der alten Portraits, stand das diesjährige Instrument im Fokus dann tatsächlich alleine im Zentrum und die Schweizerin Anna Trauffer zeigte, dass für sie in allem die Musik wohnt. Ob Glasharfe, Lochkartenspieluhr, Uralt-Zither oder Kontrabass – alles tönt. Man muss es nur dazu erwecken. Anna Trauffer ist eine eigenwillige faszinierende Tönefabrik – ob sie gurrt oder pfeift sie hat eben ein Härzeli wie nes Vögeli“, darum klingt alles so leicht. Ihr Beitrag wurde zu einer Liebeserklärung an die Musik und an das Schloss Werdenberg.

Wenn das Schloss zur Kirche wird

Im Dachgeschoß ereignete sich dann einer der Höhepunkte dieses Eröffnungskonzertes, dazu gehörten die Komposition des 48-jährigen schottischen Komponisten Stuart MacRae für Sopran, Violine und Violoncello und zwei Werke von Hildegard von Bingen. Auf einmal wurde der Raum zur Kirche, die Töne verfingen sich in den Balken und transformierten das Schloss Werdenberg zum sakralen Bauwerk. Nicht ganz so weihevoll klang die Uraufführung des Auftragswerks von Christian Mason, aber der Schluss dieses Konzerts setzte noch einmal ein Highlight: Zu den Tönen Airy Waters von Thorwald Jørgensen und seinem Theremin wurde plötzlich der Dachstuhl lebendig, die drei Tänzerinnen Catherine Jäger, Sarah Lindermayer und Alexa von Wehren räkelten sich zwischen den Dachbalken und seilten sich mit vielen Drehungen und Wendungen hinunter zum Publikum. 
Das war nicht das Ende der Eröffnung, danach ging es nochmals richtig zu Sache: eine Schlosshof-Performance mit Sabine Hilscher, eine weitere Performance mit der Longboardharp von Florian Tuercke in der Dachzinne und eine Performance im Dachstuhl mit Sarah Lindermayer, dem öff öff Ensemble und Thorwald Jørgensen begeisterten das Publikum.

Und noch viel mehr

Und ähnlich geht es bis zum 26. Mai weiter: Bereits am Sonntag findet die nächste Uraufführung Silenced voices, ein Werk des bisher jüngsten Komponisten Noël Engel statt. Mit seinen zwölf Jahren komponiert er schon, was das Zeug hält; während andere am Handy spielen, sitzt er am Tisch und schreibt Noten auf. Er komponierte für das Black Oak Ensemble und die Glasharfen-Spielerin Anna Trauffer das poetische Quell-Werk Der Bach. Das ist aber nicht das einzige Highlight, das an dieser Schlossmediale Fans von Alter und Neuer Musik anzieht: The Food of Love verspricht einen Shakespeare’schen Abend mit dem Renaissance Ensemble The Baltimore Consort, Heisse Wasser verspricht das Konzert am Samstag, 25. Mai in der Tamina-Schlucht und am Schluss gibt es Back to Zero zum Finale am 26. Mai wird mit mexikanischen Mariachis und der kubanischen Band Mayelis y sus chicos getanzt. 

https://schlossmediale.ch/start/programm-2024