Raye: This Music May Contain Hope
Nur wenigen jungen Talenten gelingt es dermaßen eindrucksvoll, sich den künstlerisch oftmals einschränkenden Mechanismen und wirtschaftlichen Auflagen der Musikindustrie zu widersetzen und dennoch höchst erfolgreich zu sein, wie der eigenwilligen Londonerin Rachel Agatha Keen – besser bekannt unter dem Künstlernamen Raye. Mit ihrem beim kleinen Label Human Re Sources 2023 veröffentlichten Debütalbum „My 21st Century Blues“ konnte die damals 26-jährige Singer-Songwriterin erste Charts-Erfolge und sechs Auszeichnungen bei den renommierten Brit Awards erzielen. Und nun legt sie mit einem musikalisch abwechslungsreichen, mutigen und zum Teil auch unglaublich opulenten, zwischen R&B, Soul, orchestralem Pop, Bigband-Jazz, Filmmusik, Doo-Wop und Hip-Hop angesiedelten Album nach, das sie endgültig die Karriereleiter hochkatapultieren wird.
Schon der im September 2025 als Voraus-Single ausgekoppelte Song „Where Is My Husband!“ eroberte mit seinem mitreißenden Groove, seinem Bigband-Schmelz und den lässigen Vokalattacken weltweit die Charts und zählte bis Ende März 2026 allein auf Spotify 650 Millionen Streams. Dass Raye keine kleinen Brötchen backen will, wurde auch mit der zweiten Single-Auskopplung klar, denn für das live eingespielte Video zu „Nightingale Lane“ holte sie das London Symphony Orchestra und die Vokalist:innen des dreißigköpfigen Flames Collective in die legendären Londoner Abbey Road Studios. Schöner hat sich Verzweiflung über eine verflossene Liebschaft („the greatest heartbreak I’ve ever known“, so Raye) nie angehört!
Aber Herzschmerz, Liebesleid und Selbstzweifel, die von unzähligen ihrer Kolleg:innen schon höchst erfolgreich auf Albumlänge ausgebreitet wurden (und werden), dienten nur für einen Teil der Songs als Inspiration. Raye hat auch ein gutes Händchen für Ironie und – besonders sympathisch – Selbstironie. So ärgert sie sich in „The WhatsApp Shakespeare“ zu Geigenklängen, Swing-Bigband-Einsprengseln und orchestralen Extravaganzen, dass sie auf einen ruchlosen „Fake Prince Charming“ hereingefallen war, der neben ihr gleichzeitig sechs andere Liebschaften per WhatsApp mit literarisch beeindruckenden Liebesschwüren am Brodeln hielt. Auch das angesichts von Selbstzweifeln nach Selbstakzeptanz gierende „I Hate The Way I Look Today“ entwickelt mit seinen Scat-Orgien und seinem Crooning zum 40er-Jahre-Bigband-Sound einen witzigen Retro-Charme. „I Will Overcome“ pendelt mit Engelschören, Anspielungen auf Edith Piaf und melodramatischen, mit Orchesterbombast hinterlegten Höhenflügen ebenfalls genial zwischen Selbstüberhöhung und Selbstzweifeln („I have black cat-eye glasses, so I look chic as I cry“) – ganz große Oper! Oder – angesichts der narrativen, die bildhafte Phantasie anregenden Texte – vielleicht ganz großes Kopf-Kino? Was läge da näher, als sich für die „Click Clack Symphony“ mit Hans Zimmer der Arrangement-Künste eines der ganz großen dieses Metiers zu bedienen? Auch der bald 80-jährige legendäre Soul-Sänger und Prediger Al Green gibt sich ein Stelldichein und hilft Raye in „Goodbye Henry“ sich von einem ehemaligen Liebhaber zu verabschieden. In „Joy“ entwickelt sie gemeinsam mit ihren ebenfalls singenden Schwestern Amma und Absolutely hoffnungsvolle Sommergefühle im Tanztempo, während sie bei „I Know Your’re Hurting“ nochmals das ganz große Gefühlskino auspackt. Man könnte hier jeden der siebzehn, in lockerer Form nach den vier Jahreszeiten gegliederten Songs (im Gegensatz zu Vivaldi beginnt sie mit dem Herbst) besprechen, denn die Texte sind erstklassig und ihre ungemein ausdrucksstarke, wandlungsfähige und mitunter auch akrobatisch eingesetzte Stimme setzt sich ebenso souverän und locker über Genregrenzen hinweg wie der überaus bunte und komplexe Musik-Mix. Sie spielt da – musikalisch ganz anders, aber ebenso experimentierfreudig, mutig und extravagant – in derselben, nämlich der obersten Liga wie ihre katalanische Kollegin Rosalía. Der Album-Titel „This Music May Contain Hope“ ist nicht zu hoch gegriffen und man mag es der im roten Abendkleid gewandeten Raye auf dem Cover-Foto durchaus zutrauen, dass sie mit solch eindrucksvollen Produktionen das azurblaue Firmament hinter dem düsteren, gewitterwolkenverhangenen Pop-Himmel freilegt.
(Human Re Sources)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.