Rasend vorwärts, demontierte Walzer und Wellengänge
Maximilian Hornung, Roderick Cox und das Opéra Orchestre National Montpellier brachten Spannung ins Festspielhaus
Das Meisterkonzert mit dem Opéra Orchestre National Montpellier unter der Leitung seines Chefdirigenten Roderick Cox zeichnete sich durch eine hervorragende Werkauswahl aus. Kompositionen von John Adams, Samuel Barber, Claude Debussy und Maurice Ravel erklangen in spannenden Werkdeutungen und mit viel musiktheatralischer Ausdruckskraft. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die Musiker:innen den farbenreich angelegten Instrumentierungen. Im Mittelpunkt stand der hierzulande gut bekannte Cellist Maximilian Hornung, der mit feinsinniger Tongebung und virtuosem Spiel in Samuel Barbers Cellokonzert in einen intensiven Dialog mit dem Orchester trat.
Gleich zu Beginn bündelte das Orchester mit dem humorvoll zugespitzten Werk „Short Ride in a Fast Machine“ von John Adams die Energie und die Aufmerksamkeit des Publikums. Rhythmisch vertrackt und zielstrebig vorwärtsdrängend beschrieben die Musiker:innen die bangen Gefühle eines Mitfahrenden in einem Sportwagen. Über einem stetig pulsierenden Holzblock entwickelte sich die Musik rasant, und das groß besetzte Orchester steigerte die verzahnten Motivketten ineinander. Roderick Cox am Pult profilierte sich als exzellenter Rhythmiker, der das Orchester mit markanter Schlagtechnik einerseits kraftvoll und andererseits tänzerisch, oft auf Zehenspitzen, lenkte.
Passend zum Eröffnungsstück bildete Ravels berühmtes Werk „La Valse“ den Rahmen dieses vielsagenden Konzertabends. Denn auch dieses Werk legte das französische Orchester mit seinem 38-jährigen Chefdirigenten als stetige Entwicklung zu einer rasenden Kulmination hin an. Spannend war die Werkdeutung angelegt, denn die eruptive Kraft am Ende des Werkes wirkte wie eine Demontage der Walzerseligkeit, die fratzenhaft gesteigert wurde und damit viel Spielraum auch für eine kulturpolitische Deutung zuließ. Ravel hatte das Werk 1909 konzipiert und 1919 vollendet.
Energie und dialogische Dramatik
Im Mittelpunkt stand der aus Augsburg stammende Cellist Maximilian Hornung. Hierzulande ist er als Kurzzeit-Dozent am ehemaligen Landeskonservatorium sowie als Solist des Symphonieorchester Vorarlberg bekannt. Inzwischen ist er als Solist erfolgreich und hat seit 2014 eine Professur an der Musikhochschule München inne.
In Bregenz interpretierte er das selten zu hörende Cellokonzert op. 22 von Samuel Barber. Das Werk verlangte vom Solisten viel ab, denn insbesondere die Ecksätze sind weniger auf die melodische Linie hin angelegt, sondern loten das gesamte Klangspektrum des Violoncellos bis in höchste Lagen, mit markanten Registerwechseln, viel rhythmischer Raffinesse und mehrstimmig geführten Passagen aus. Maximilian Hornung musizierte mit einem warmen Ton, klar bis in die höchsten Register und trotz der spieltechnischen Anforderungen mit großem emphatischem Ausdruck.
Vielgestaltige Beziehungen lotete der Solist mit dem Orchester aus, oft mit Imitationen und im Prinzip des „Call and Response“. Die Orchestermusiker:innen agierten als aufmerksame Partner:innen, wenngleich einzelne solistische Passagen der Holzbläser teilweise etwas diffus wirkten. Spannend war die Rolle des Solisten im Verhältnis zum groß besetzten Orchester in zahlreichen emotionalen Zustandsbeschreibungen erlebbar. Besonders der Finalsatz lässt Assoziationen an die Gegenüberstellung von David und Goliath zu. Diesem Spiel begegnete Maximilian Hornung geistreich, sodass sich überraschende Wendungen ergaben – je nachdem, wer die Themenführungen übernahm und wer ihr folgte. Besonders ausdrucksvoll entfalteten der Solist und der Oboist den feinsinnigen Dialog im Andante sostenuto.
Eigenwillig wirkte Maximilian Hornungs Zugang zum Prélude aus der ersten Cellosuite von Johann Sebastian Bach, die er als Zugabe spielte. Er tupfte die Töne im Pianissimo und mit stark ausgeprägter Agogik an, vielleicht in Anlehnung an den musikalischen Ausdrucksstil einer Viola da Gamba.
Musik und bildende Kunst
Sämtliche Kompositionen des Abends zeichneten sich durch ausgeklügelte Klangfarbenspiele und herausragende Instrumentierungen aus, über die es viel zu berichten gäbe. Ein Musterbeispiel der Verbindung von musikalischer Motivgestaltung und Farbkomposition ist das berühmte Werk „La Mer“ von Claude Debussy. In den drei „Symphonischen Skizzen“ zeichneten Roderick Cox und das Opéra Orchestre National Montpellier die Morgenstimmung des ruhigen Meeres ebenso wie kräuselnde und stürmisch peitschende Wellengänge nach. Jedes Instrument und die kunstvoll ineinander geflochtenen Floskeln erzeugten klangfarblich nuancierte Schattierungen. So verkörperte das groß besetzte Orchester den Klangfluss wie eine organisch aufgespannte Leinwand. Auch hier zeigte sich die Ausdruckskraft des Dirigenten, der mit großem Körpereinsatz und ausgeprägter Gestik die Orchestermusik:erinnen antrieb. So wurden die im Fortissimo ausgeführten Motive prägnant aufgefächert und zu imposanten Höhepunkten geführt.