Märchenhaft schwebend – und ganz real
„Die Frau vom Meer“ von Henrik Ibsen am Vorarlberger Landestheater
Märchenhaft und schwebend und doch so realistisch präsentierte das Vorarlberger Landestheater am gestrigen Samstag die Premiere von „Die Frau vom Meer“ von Henrik Ibsen. Regisseurin Danielle Fend-Strahm hat einen spannenden und sehr komplexen Theaterabend geschaffen: mit viel Humor, bewegend, eindringlich – und dabei immer nah an den Figuren.
Ibsen – gefeiert, gespielt und bis heute aktuell
Henrik Ibsen war im 19. Jahrhundert ein international gefeierter Autor. Seine Stücke wurden damals gespielt – und werden immer noch weltweit auf die Bühne gebracht. In vielen deutschen Städten entstanden zu seiner Zeit Ibsenclubs, gegründet von oppositionellen Jugendlichen, als Auflehnung gegen die herrschende konservative Gesellschaft. Viele Figuren in Ibsens Stücken, besonders die Frauen, wehren sich gegen vorherrschende patriarchale Strukturen. Man könnte meinen, Ibsen sei ein Feminist. Doch in seinem eigenen Leben konnte er diese Ideen offenbar nicht einlösen. So reflektiert er die Stellung der Frau in seinen Theaterstücken, so wenig reflektiert wirkt sein Verhalten ihnen gegenüber im echten Leben.
Ellida am Fjord: Ehe, Enge, Sehnsucht
„Die Frau vom Meer“ erzählt die Geschichte von Ellida, die mit ihrem um vieles älteren Mann, Dr. Wangel, und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe in einer norwegischen Kleinstadt lebt, am Ende eines Fjords. Ellida, als Tochter eines Leuchtturmwächters am Meer aufgewachsen, fühlt sich in der Ehe mit dem deutlich älteren Wangel nicht wohl. Sie findet keinen Zugang zu seinen Töchtern und lebt immer stärker in einer Erinnerung, in einer Sehnsucht nach ihrer ersten Liebe: einem Seemann, der nach zehn Jahren plötzlich wieder vor ihr steht.
Reden, zuhören, frei entscheiden
Ellida kämpft darum, sich frei entscheiden zu dürfen. Sie kämpft um Offenheit und Ehrlichkeit – sich selbst und den anderen gegenüber. Und darum kreist dieser Theaterabend: um Kommunikation, um Reden und Zuhören, um Selbstermächtigung und Freiheit. Und es sind die Frauen, neben Ellida auch die ältere der beiden Töchter Bolette, die die Themen setzen und sich widersetzen.
Wie Flut und Brandung – ein Ensemble, das einen hineinzieht
Das gesamte Ensemble brilliert in jeder Minute, kreiert gemeinsam einen Sog, wie die Brandung des Meeres, die einen ins offene Meer zieht. Großartig Maria Lisa Huber als Ellida, mit einer komplexen Körpersprache und Mimik, die einfach verzaubert, die ungeheure Zartheit und große Stärke ausstrahlt. Und auch Isabella Campestrini verleiht der jungen Bolette ein Charisma, eine Energie, die fesselt und beeindruckt.
Luzian Hirzel beweist wieder einmal seine wunderbare Wandlungsfähigkeit. Sowohl seine Auftritte als kindlich unbeschwerte Tochter Hilde einerseits als auch als in die Jahre gekommener, stocksteifer, etwas überheblicher Lehrer Arnholm andererseits sind bemerkenswert. Und auch Elias Baumann als Dr. Wangel überzeugt – als Beispiel männlicher Arroganz und Selbstverständlichkeit ebenso wie als verzweifelt liebender Mensch. Nurettin Kalfa überwältigt geradezu mit seiner herrlich humoristischen Darstellung des sanften, kränkelnden Künstlers Lyngstrand. Der geheimnisvolle, etwas dubiose Seemann wird von Tobias Fend mit ganz wenig Aufwand und dabei größter Wirkung gespielt.
Es ist aber nicht nur das Ensemble, das diesen Theaterabend zu einem Genuss macht. Es ist natürlich nicht zuletzt die absolut genaue und liebevolle Arbeit der Regisseurin Danielle Fend-Strahm, die jeder Figur, jedem Satz, jeder Pause eine eigene Sprache gibt. Und es ist dieses märchenhafte, zauberhaft schöne, irgendwie abstrakte Bühnenbild – gepaart mit den realistischen historischen Kostümen von Matthias Strahm. Das stimmungsvolle Licht von Simon Tamerl und die kraftvoll rauschende, warm vibrierende, ab und an auch knirschende Musik von Moritz Widrig machen das Ganze rund. Das Meeresrauschen war manchmal zu erahnen.
Wenig gespielt – umso stärker an diesem Abend
„Die Frau vom Meer“ ist eines der weniger gespielten Stücke von Henrik Ibsen. Die Schwierigkeit, den Figuren auf den Grund zu gehen und den Themen Raum zu geben, hat die Bregenzer Inszenierung mühelos geschafft – und begeisterte damit das Premierenpublikum, das sich mit großem Applaus bedankte.
Vbg. Landestheater „Die Frau vom Meer“ v. H. Ibsen
24./27.2. und 2./3./13.5., jeweils 19:30 Uhr sowie 13.5., 10 Uhr
Vbg. Landestheater, Bregenz