„Ginger“ - ein Tanztheater für Kinder ab vier Jahren im TAK Theater Liechtenstein (Foto: Jeroen Doise)
Michael Pekler · 23. Feb 2026 · Film

Neu in den Kinos: „Father Mother Sister Brother“

Jim Jarmuschs Triptychon über die Beziehung von Eltern und erwachsenen Kindern erweist sich als sehr entspannte Familienaufstellung, in der nicht nur Stars wie Tom Waits, Adam Driver und Cate Blanchett, sondern auch Geheimnisse und Geschenkkörbe eine Rolle spielen.

Wer behauptet, vor der eigenen Familie keine Geheimnisse zu haben, lügt. Wer nun an Kinder im Teenageralter denkt, liegt vermutlich richtig, übersieht dabei aber möglicherweise, dass auch Eltern ihren längst erwachsenen Kindern keineswegs immer die Wahrheit erzählen – und umgekehrt. Das sind dann allerdings meist nicht Eingeständnisse kleiner Verfehlungen, sondern lange und gut gehütete Geheimnisse. Wichtig dabei ist gar nicht, sie irgendwann preiszugeben, sondern sie möglichst lange für sich zu behalten. Am besten für immer.
Der 72-jährige Autorenfilmer Jim Jarmusch, der seit vierzig Jahren mit modernen Indie-Klassikern wie „Stranger than Paradise“ und „Down by Law“ Ikonenstatus genießt, widmet sich in „Father Mother Sister Brother“ dem Thema praktischerweise in Form eines Episodenfilms von verschiedenen Seiten. Dass die drei Kapitel nicht miteinander in Verbindung stehen, erweist sich im konkreten Fall sogar als Vorteil: Alle drei Kurzgeschichten erzählen in Form einer Anthologie von der Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern. Und damit wie unter einem Brennglas von Momenten der Nähe, der Sehnsucht, der Entfremdung und der Einsamkeit. Von großen und kleinen Lügen, die das Leben schreibt.

Kaffee und Kuchen

Es liegt in der Natur der Sache, dass dies unterschiedlich gut gelingt. Zum Auftakt besuchen irgendwo im ländlichen Amerika ein Bruder (Adam Driver) und eine Schwester (Mayim Bialik) nach langer Abwesenheit ihren in die Jahre gekommenen Vater (Tom Waits) wieder. In Dublin erwartet eine erfolgreiche Schriftstellerin (Charlotte Rampling) den Besuch ihrer beiden grundverschiedenen Töchter (Cate Blanchett und Vicky Krieps), die sich einmal im Jahr mit der Mutter zu Kaffee und Kuchen treffen, obwohl sie alle in derselben Stadt wohnen. Im dritten Teil finden sich schließlich Zwillinge (Indya Moore, Luke Sabbat) zum letzten Mal in der Pariser Wohnung ihrer verstorbenen Eltern ein, um in Erinnerungen an ihre Kindheit zu schwelgen.
Auf den ersten Blick scheint die Banalität der Geschichten ihre jeweilige Besonderheit zu sein. Als „Actionfilm ohne Action“ bezeichnet Jarmusch seine Familienaufstellung, in der sein erstklassiges Ensemble in den ersten beiden Kapiteln aneinander vorbeispricht oder betreten schweigt. Der Reiz liegt hier vor allem in den rhetorischen Leerstellen und in der Unbeholfenheit, mit der die Generationen einander begegnen: Tom Waits, der seit den Achtzigern zur Stammbesetzung von Jarmusch zählt, wirkt in der Rolle des scheinbar verwuschelten Einzelgängers wie ein absurdes Abziehbild seiner selbst, während Adam Driver als braver Sohn den Geschenkkorb mit Pasta und Käse mitbringt und dem alten Mann gegen den Willen der skeptischen Schwester eine kleine Finanzspritze gewährt. 

Letzte Erinnerungen

Ebenso an der Grenze zur Farce agieren Cate Blanchett als biedere und Vicky Krieps als flippige Tochter, die sich und ihrer reservierten Mutter, die sich zur Vorbereitung auf den Besuch noch telefonpsychologischen Rat einholt, nichts zu sagen haben. Am eindringlichsten gerät Jarmusch das letzte Kapitel, vielleicht gerade weil die Beziehung zu den Eltern nur mehr über die Erinnerung funktioniert: Die Zwillinge, die in der fast leergeräumten Wohnung alte Fotografien finden und darüber die Vergangenheit der Eltern und die eigene glückliche Kindheit hinterfragen, können sich keine Antworten mehr erwarten.
Verknüpft sind die Episoden mit Wortwitzen, Farben, wiederkehrenden Redewendungen und Motiven wie das Wassertrinken, Rolex-Uhren und – am auffälligsten – mit Bildern von jugendlichen Skatern, die jeweils in Zeitlupe über die Straßen gleiten. Vielleicht sind diese wie aus einer anderen Welt stammenden Bilder die wahrhaftigsten in einem Film, der von den Lügen erzählt, mit denen sich jede Generation durchs Leben schlägt.

ab 27.2., Cinema Dornbirn (dF)
ab 1.3. TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)