Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden (Foto: Stefan Hauer)
Peter Füssl · 30. Nov 2023 · CD-Tipp

Palle Mikkelborg / Jakob Bro / Marilyn Mazur: „Strands – Live at The Danish Radio Concert Hall“

Im Februar 2023 trafen sich in der für ihre fabelhafte Akustik bekannten Danish Radio Concert Hall in Kopenhagen mit dem Gitarristen Jakob Bro, Jahrgang 1978, der 1955 in New York geborenen und ab ihrem siebten Lebensjahr in Dänemark aufgewachsenen Schlagzeugerin und Perkussionistin Marilyn Mazur und dem 1941 zur Welt gekommenen Trompeter und Flügelhornisten Palle Mikkelborg drei prominente Vertreter:innen dreier Generationen der dänischen Jazzszene.

Dass dieses hochkarätige Gipfeltreffen mitgeschnitten wurde, versteht sich eigentlich von selber, auch wenn es nicht wirklich neues Material zu hören gab. Denn die Titel „Oktober“, „Strands“, „Lyskaster“, „Youth“ und „Returnings“ haben Bro und Mikkelborg bereits 2018 im Quartettformat mit Kontrabassist Thomas Morgan und Drummer Jon Christensen veröffentlicht, und „Gefion“ war das Titelstück des gleichnamigen Trio-Albums mit Bro, Morgan und Christensen aus dem Jahr 2015. Sollte es einem eingefleischten Fan einmal langweilig sein, kann er sich ja das Vergnügen gönnen, die Originalversionen mit den bis zu dreimal längeren Live-Versionen zu vergleichen, um herauszufinden, welchen Einfluss ein Bassist wie Morgan auf das musikalische Geschehen hat, oder wie gänzlich unterschiedlich sich die Herangehensweisen von Christensen und Mazur anhören, und wie sich das alles wiederum auf Bro und Mikkelborg auswirkt. Man kann sich aber auch ohne jegliches Vorwissen an den subtilen, von Bros Gitarre zur äußerst sensiblen Perkussion Mazurs wundervoll zum Schweben gebrachten Soundlandschaften erfreuen, auf die Mikkelborg seine an Miles Davis geschulten, nachdenklich melancholischen Trompeten- und Flügelhornlinien bettet. Der Opener „Gefion“ ist solch ein mit allerfeinsten musikalischen Mitteln inszeniertes Stück – wunderschönes Kopfkino zum Wegträumen auf höchstem Niveau. Die intime Atmosphäre setzt sich in „Oktober“ mit weit entfernt scheinenden, verhallten Flügelhorntönen, zart gezupftem Saitenzauber und unglaublich dezenten Rhythmen fort – viel näher als Marilyn Mazur kann ein Perkussionist der Stille nicht kommen. Darauf folgt das zupackende, mit forcierten Rhythmen, verzerrten E-Gitarrentönen und röhrender Trompete zum Pulsieren gebrachte „Returnings“ – das einzige Stück, das Bro nicht allein, sondern gemeinsam mit Mikkelborg komponierte, und das schließlich ebenfalls im Ätherischen verhallt. Das Titelstück „Strands“ bietet knappe zwölf Minuten lyrisch verträumter Schönheit, ins Outer-Space entrückt, nimmt zwischendurch für ein paar Takte ein bisschen an Fahrt auf, um schließlich minutenlang – von mit dem Bogen gestrichenen Metallplatten akzentuiert – in Richtung absoluter Stille zu verhallen. „Youth“ setzt die entrückte Stimmung fort, wenn auch kurz von Mazurs lebhaften Bongo-Rhythmen aufgefrischt, und das Schlussstück „Lyskaster“ (dänisch für „Scheinwerfer“) leuchtet ebenfalls in gedämpften Pastellfarben. Ein Winteralbum, das man konzentriert und laut an einem gemütlichen, ruhigen Plätzchen hören sollte – mit jedem Durchlauf entwickelt es sich mehr zur absolut nebenwirkungsfreien Droge.

(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez'23/Jän'24 erschienen.