Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden (Foto: Stefan Hauer)
Walter Gasperi · 30. Nov 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (1.12. – 7.12. 2023)

Der Spielboden Dornbirn zeigt diese Woche das starke Debüt der Nicaraguanerin Laura Baumeister, die in ihrer am Rand einer Mülldeponie spielenden Mutter-Tochter-Geschichte "La hija de todas las rabias" Sozialrealimus mit poetisch-märchenhaften Momenten verbindet. Im Heerbrugger Kinotheater Madlen steht dagegen mit "Sage-Homme" ein französisches Feelgood-Movie um einen jungen Mann, der eine Ausbildung zur Hebamme beginnt, auf dem Programm.

La hija de todas las rabias: Die real existierende Mülldeponie „La Chureca“ inspirierte die Nicaraguanerin Laura Baumeister zu ihrem Spielfilmdebüt. Hautnah folgt die 40-jährige Regisseurin mit beweglicher Handkamera der kleinen Maria (Ara Alejandra Medal), die hier für sich und ihre alleinerziehende Mutter (Virginia Sevilla) nach Verwertbarem sucht. Gemeinsam leben sie am Rande dieses Unorts in einer Wellblechhütte. Liebevoll gehen Maria und ihre Mutter miteinander um. Man spürt das Nahverhältnis, doch zu Konflikten führt immer wieder Marias Fürsorge für die fünf Welpen, deren Verkauf schon beschlossen ist. Dringend benötigt wird das Geld nämlich, um das desolate Dach der Hütte reparieren zu lassen. Doch dann platzt der Deal und die Mutter lässt ihre Tochter in einem Recyclingzentrum zurück, um einen Job zu suchen. Sie verspricht aber, Maria bald wieder abzuholen.
Spätestens ab der Trennung von der Mutter erzählt Baumeister ganz aus der Perspektive Marias. Eingebettet in die bewegende Mutter-Tochter-Beziehung, erhalten die Zuschauer:innen so mit den Erlebnissen und Begegnungen des Mädchens Einblick in das Leben dieser Menschen am Rand der Gesellschaft. Beiläufig werden so auch Analphabetismus angesprochen oder die gesundheitsschädigenden Folgen der Arbeit mit Elektroschrott, aber auch Kinderarbeit. Sichtbar wird mit Demonstrationen und Protesten auf den Straßen aber auch, wie die Privatisierung der Müllwirtschaft die sozialen Spannungen verschärft.
Dennoch verfällt der Film nicht in eine deprimierende Elendsschilderung, sondern verbreitet einerseits mit seinen in kräftige Farben getauchten Bildern, andererseits auch mit poetischen Momenten und Traumsequenzen, die immer wieder den realistischen Rahmen sprengen, Hoffnung und Lebensfreude.
Spielboden Dornbirn: Fr 1.12. + Mi 6.12. - jeweils 19.30 Uhr


Sage-Homme: Nur Männer umgeben den afrikanischstämmigen 19-jährigen Leopold (Melvin Boomer): Er lebt mit seinem Vater und seinen drei jüngeren Brüdern in einer engen Wohnung, die Mutter ist vor neun Jahren an Krebs gestorben. Auch die Verwandten, die hin und wieder zu Besuch kommen, sind großteils männlich. Dass Leopold sich zur Hebamme ausbilden lässt, würde man in diesem Milieu nicht akzeptieren, dennoch entschließt er sich als Übergangslösung dafür, als er bei der Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium durchfällt.
Stark ist „Sage-Homme“ im offenen und realistischen Blick auf Ausbildung und Arbeit von Hebammen. Genau schaut Jennifer Devoldère bei bürokratischen Aufgaben, Untersuchungen der Frauen und schließlich bei der Geburt hin. Dass teilweise reale Hebammen und medizinisches Personal mitspielen, verleiht „Sage-Homme“ Authentizität. So überzeugend der Film aber in der Schilderung dieser Welt ist, so formelhaft und vorhersehbar ist er andererseits in seiner Handlung.
Zudem packt die 49-jährige Regisseurin zu viel in ihren dritten Spielfilm. Vieles wird nur abgehakt und kurz gestreift, ohne wirklich vertieft zu werden. Prägnant wird da zwar am Beginn noch soziale Ungleichheit sichtbar, wenn aufgezeigt wird, dass Kinder reicher Eltern, die die Aufnahmeprüfung nicht schaffen, ihr Medizinstudium in Ungarn absolvieren, doch vor allem gegen Ende hin wird dieses Feelgood-Movie entschieden zu kurzatmig.
Nachwirkend ist „Sage-Homme“ kaum, bietet aber dank der flotten Erzählweise und der zwei sympathischen Hauptdarsteller:innen Melvin Boomer und Karin Viard, die auch bestens harmonieren, sowie dem genauen Blick auf das Hebammen- und Geburtsmilieu doch 100 Minuten leichte Unterhaltung. 
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 4.12., 20.15 Uhr

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