"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Michael Löbl · 24. Mai 2024 · Musik

Neues und Vergessenes

„Die Initation – Zwischen Mut und Verzweiflung“ war der Titel des dritten Programmes im Abonnement Pforte 2024.

Um das zu verstehen, muss man sich ein wenig mit dem Jahresmotto der Pforte und der damit verbundenen Theorie der „Heldenreise“ auseinandersetzen, aber selbst dann ist es für einen Normalsterblichen nicht ganz einfach, eine Verbindung zwischen Titel und Musik herzustellen. Man kann den philosophischen Überbau aber auch weglassen und sich am Samstag um 17 Uhr im Frauenmuseum Hittisau ein Kammermusikkonzert mit drei interessanten Klavierquartetten zu Gemüte führen.

„Komponistinnen“ und „Auftragswerke“ sind zwei der zentralen Schwerpunkte im Pforte-Programm. Beide werden diesmal sogar mehrfach in die Tat umgesetzt. Die britische Komponistin Sally Beamish hat ihr Stück mit dem Titel „Spell“ im Auftrag der Pforte geschrieben, das Klavierquartett von Vilma von Webenau ist vermutlich ebenfalls eine Uraufführung, und das mehr als hundert Jahre nach seiner Entstehung. Auf der Bühne des Pförtnerhauses in Feldkirch gab es Donnerstag- und Freitagabend ein Wiedersehen mit dem herausragenden Ensemble Louise Farrenc, bestehend aus Berit Cardas (Violine), Klaus Christa (Viola), Mathias Johansen (Violoncello) und Katya Apekisheva (Klavier).

Eine Heldenreise in Tönen

Sally Beamish ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponistinnen Grossbritanniens. Die bedeutendsten Solist:innen und Orchester spielen ihre Werke, darunter Joshua Bell, Martin Fröst, Tabea Zimmermann, Steven Isserlis, die Finnische Nationaloper oder das London Symphony Orchestra. Im Rahmen des Einführungsvortrages „Impuls um halb“ erzählte die sympathische Musikerin, dass sie sich lange nicht zwischen einem Schwerpunkt als Bratschistin oder Komponistin entscheiden konnte und sie den Diebstahl ihrer Bratsche zum Anlass nahm, um hauptberuflich zu komponieren. Ein Text von Sally Beamish im Abendprogramm erklärt die Hintergründe der Komposition von „Spell“, die verschiedenen Bedeutungen des Wortes, die Verwendung des Namens der Komponistin in Notenform, die Dominanz von Glockentönen sowie den Bezug zum Pforte-Jahresmotto „Heldenreise“. Vielleicht muss man das Stück mehrmals hören, beim ersten Mal erschließen sich all diese Details jedenfalls nicht. Kurze musikalische Floskeln werden scheinbar zusammenhanglos aneinandergereiht, der attraktive Klang eines ausbalancierten Klavierquartettes kommt nur sehr selten zum Vorschein, öfter gibt es Kombinationen des Klaviers mit einzelnen Streichinstrumenten. Der Zuhörer kommt durchaus in den Genuss von punktuell sehr schönen Stimmungen und Klangmischungen, einen großen nachvollziehbaren Bogen kann man aber bei der ersten Bekanntschaft mit diesem Werk nicht erkennen.

Ist es eine Uraufführung?

Auch der zweite Programmpunkt ist ein Klavierquartett einer Komponistin. Vilma von Webenau verbrachte den Großteil ihres Lebens in Wien, war Pianistin, Klavierlehrerin und als Komponistin – gemeinsam mit Alban Berg und Anton von Webern – Schülerin von Arnold Schönberg, der sie sehr schätzte. Ihr Werkverzeichnis ist unglaublich umfangreich, Lieder, Kammermusik, Orchesterwerke und sogar zwei Opern sind darin zu finden. Das Klavierquartett in e-moll ist spätromantisch, in der Klangsprache vergleichbar mit Schönbergs „Verklärte Nacht“ oder Werken von Alexander Zemlinsky und Franz Schreker. Eine Aufführung ist nicht belegt und eher unwahrscheinlich. Man kann es Klaus Christa als Pforte-Chef und dem Ensemble Louise Farrenc nicht hoch genug anrechnen, ein derartig komplexes Werk einzustudieren, den Notentext zu editieren, Fehler zu korrigieren und dem Publikum mit Herzblut zu präsentieren. Ein Urteil über die Qualität eines Werkes ist ja eigentlich nur möglich, wenn man es in einer bestmöglichen, konzertreif geprobten Version zu hören bekommt. Das Ensemble Louise Farrenc hat sowohl musikalisch als auch technisch wirklich alles aus dieser anspruchsvollen Partitur herausgeholt, was in ihr drinsteckt. Das Werk wird es leider dennoch nicht ins Repertoire von Kammermusikensembles schaffen. Der Komponistin gelingt es nicht, gute Ideen, interessante Themen oder harmonische Fortschreitungen dramaturgisch weiterzuentwickeln. Dabei gibt es immer wieder wunderschöne Stellen, ungewöhnliche Modulationen, kurze Motive und Melodien, aber sie bleiben stecken und führen oft ins Leere. Nicht einmal aus dem wirklich ins Ohr gehenden walzerartigen Thema des dritten Satzes entsteht etwas Originelles, die kurzen Lichtblicke verschwinden meist so schnell, wie sie gekommen sind.   

Geniestreich von Gabriel Fauré

Aber vielleicht liegt es gar nicht an den Werken, sondern am Zuhörer, der möglicherweise leicht unkonzentriert, müde oder sonst nicht ganz bei der Sache ist? Musik besteht ja aus den Sendern (den Musikern) und den Empfängern (dem Publikum), beide sind aufeinander angewiesen. Nein, Gabriel Fauré nach der Pause beweist, dass auf diesem Gebiet alles in Ordnung ist. Dessen erstes Klavierquartett in c-moll op. 15 ist ein geniales Stück, das jeden im Publikum sofort mitreißt, vor allem wenn es so exzellent interpretiert wird wie vom Ensemble Louise Farrenc. Nach dem dramatischen ersten Satz überrascht uns Fauré mit einem originellen Scherzo, es folgt ein atmosphärisches Adagio und das fulminante Finale. Ein Sonderlob gebührt der russischen Pianistin Katya Apekisheva. Unglaublich, wie sie alle technischen Hürden des gesamten Programmes meistert, das auch noch vollkommen entspannt, locker, mit Spielwitz und großer dynamischer Bandbreite, dabei immer mit beiden Ohren bei den Streicherkolleg:innen. Den Klavierpart des Fauré-Quartetts kann man vermutlich nicht besser spielen. Während die beiden Stücke vor der Pause eher verhalten aufgenommen wurden, gab es nun Bravorufe – vollkommen zurecht.  

www.pforte.at
www.sallybeamish.com