Neuer Roman von Eva Schmidt: „Neben Fremden“
No Expectations
Fremd sein in der eigenen Familie, in der Nachbarschaft oder überhaupt auf der Welt – das hat wohl jeder Mensch bisweilen empfunden. In ihrem überwältigend schönen Roman „Neben Fremden“ erzählt Eva Schmidt von der Suche nach Vertrauen. Sex, sagt Fred, sei ihm nicht so wichtig. Dabei ist er gerade frisch verliebt, und zwar in die pensionierte Altenpflegerin Rosa. Die ist von Freds Geständnis nicht weiter irritiert. Schließlich hat sie früh erfahren, dass Sex und menschliche Nähe nicht zwingend zusammengehören, und ihr geht es um Vertrauen und Verstehen. Das erlebt sie mit Fred. Als er überraschend stirbt, ist ihre Trauer tränenlos. Fred hätte ihr sagen können, „dass meine Ängste ganz normal waren, mein Kummer sich von dem anderer kaum unterschied, die Zweifel, die mich häufig plagten“.
Rosa hat keine Freunde, aber sie hat Don, ihren Hund. Mit ihm kann sie spazieren gehen und dabei nachdenken, für ihn kann sie sorgen. Sie raucht eine Zigarette, macht sich einen Kaffee. So bekommt der Tag einen Rhythmus, und wenn Rosa „wir“ sagt, meint sie sich und Don damit. „Ich hätte gern an unser gemeinsames Leben gedacht, daran, wie gut wir es gehabt hatten …“, denkt sie, als auch Don stirbt. „Doch ich war zu sehr mit meinem Schmerz beschäftigt.“ Ist diese Verlassenheit, diese emotionale Vereinsamung die Last des Alters? Liegt sie daran, dass die Beziehungen im Leben brüchig werden – etwa die zu ihrer Arbeitskollegin Margreth? Oder dass die völlig zerstört sind, wie die zu ihrer Mutter oder ihrem Sohn Tom? Ihn hat sie seit biblischen sieben Jahren nicht mehr gesehen, weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Einmal, lange ist es her, ist sie ihm auf der Straße begegnet, sah ihn mit einem Mann sprechen, lief auf ihn zu. „Er schaute mich an, musterte mich, als sähe er mich zum ersten Mal, stieß meine Hand weg, trat einen Schritt zurück, lachte, hob die Hände und sagte: Keine Ahnung, was die von mir will.“ Eine eisigere Zurückweisung ist schwer vorstellbar.
Sehnsüchte ja, aber keine Ziele
„Er wollte leben, wusste nur nicht wie“, sagt Rosa über ihren Vater. Und so ähnlich ist es auch ihr selbst ergangen: „Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele. Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“ Sich so „out“ zu fühlen, so dahinzutreiben wie Wasser, das an einem Stein versprüht, das ist keine Frage des Alters, das kennen auch Jugendliche. Um in der Generation Rosas zu bleiben: 1968 veröffentlichten die Rolling Stones auf ihrem Album „Beggars Banquet“ eine Ballade mit dem Titel „No Expectations“. Brian Jones hatte das Slide-Gitarren-Spiel entdeckt, Keith Richards das Open G Tuning, Charlie Watts die Claves – und der Text, den Mick Jagger sang, hätte Rosa vielleicht gefallen: „Our love is like the water / That splashes on a stone / Our love is like our music / It’s here and then it’s gone“
Doch dass ihre Beziehungen so vergänglich sind, bedrückt Rosa. Fred hat ihr einen Campingwagen geschenkt. Damit wollten sie beide auf Reisen gehen. Soll sie jetzt alleine losfahren? Warum nicht! Doch Eva Schmidt hat ihrem Roman warnende Sätze aus Cormac McCarthys „No Country for Old Men“ vorangestellt: „Du glaubst, wenn du morgens aufwachst, dass das Gestern nicht zählt. Dabei zählt nichts anderes.“ Die gelebten Tage sind nicht vergangen, sie sind nicht einmal vorbei. Wo sich aber bei McCarthy verlässlich Heulen und Zähneklappern einstellen, bewahrt Rosa Haltung und bleibt kühl, kontrolliert. Eva Schmidt braucht keine großen Gesten, keine spektakulären Handlungen, um Spannung aufzubauen. Sie geht so nahe an ihre Figuren heran, dass wir ihren Herzschlag spüren, mit ihnen atmen.
„Als Kind mochte ich sie, obwohl sie kein freundlicher Mensch war“, erinnert sich Rosa an eine alte Frau. Es ist einer dieser Sätze, die ihre Wirkung erst allmählich entfalten. Das ist die Kunst Eva Schmidts: In einem beiläufig formulierten Satz tauchen Erfahrungen auf, die es in jedem menschlichen Leben gibt. Warum kann ein Kind auch einen unfreundlichen Menschen gern haben? Warum verlieren Erwachsene diese Offenheit und Neugier, diese Wachheit für den anderen? Nicht alle. Rosa hat sie nicht verloren.
Ein Gespräch über Bäume
Sie ist einer zufälligen (und ziemlich ausnützerischen) Reisebekanntschaft gegenüber genauso freundlich, großzügig und hilfsbereit wie gegenüber ihrer Nachbarin Melody und deren Tochter Paz. Die macht sie auf den „Eremiten“ aufmerksam. Er hat den, wie Rosa findet, unpassenden Namen Gilbert und lebt in einer Hütte am Waldrand. „Als ich jung war“, sagt er, „war ich ein ungeduldiger Leser. Das, was zwischen den Zeilen steht, habe ich gar nicht verstanden.“ Wie Eva Schmidt es schafft, dass wir Leser:innen zwischen den Zeilen zu lesen beginnen, bleibt ihr Geheimnis. Uns bleibt das Glück großer Literatur.
Bäume, erzählt der Eremit, der ein guter Beobachter ist, können sich gegenseitig helfen. Ob das auch Menschen können? Es braucht dafür äußerste Behutsamkeit. Rosa merkt es, wenn sie bei ihrer Nachbarin Melody klingelt, die einen gewalttätigen Freund hat. Oder wenn sie mit deren Tochter Paz redet und plötzlich zu weinen beginnt. Paz hat halt gesagt: „Schade, dass du keine Kinder hast.“ Mehr nicht, doch es entsteht eine fragile temporäre Brücke zwischen den beiden. Keine Brücke gibt es zwischen Rosa und ihrer Mutter. Hat Rosa ihre Selbstkontrolle in dieser Beziehung erworben? Eva Schmidt erzählt mit schmerzhafter Härte vom verschwiegenen Hass zwischen den beiden. Es beginnt damit, dass Rosa gesteht, sie habe keinerlei Lust, sich um ihre Mutter zu kümmern, „die ich zwar hin und wieder anrief, aber nur weil sie meine Mutter war, nicht weil ich sie mochte oder mich gern mit ihr unterhielt.“
Die große Kälte
„I gang in Rhi“ – mit dieser Drohung hat die Mutter einst ihren Mann erpresst. Und als sie, längst im Pflegeheim und kaum noch ein Wort mit Rosa wechselnd, im Sterben liegt, hält Rosa ihr den Sündenkatalog vor: „Als ich Tom bekam, sagte ich, hast du tagelang nicht mehr mit mir gesprochen. Du hast dich vor den Nachbarn geschämt, weil ich viel zu jung und nicht verheiratet war. Du hast meinen Hund von einem Jäger erschießen lassen, hast gesagt, er habe ein Kind gebissen, obwohl es gar nicht stimmte. Du hast meinen Vater gehasst, weil er dich betrogen hat, wolltest dich aber nicht von ihm trennen. Ich will keine geschiedene Frau sein, hast du gesagt, hast ihn angelogen und erpresst, hast erreicht, dass er zu dir zurückkam. Danach hast du dich an ihm gerächt …“ Kühle Reaktion der Mutter: „Bist du endlich fertig?“ Ja, es kann schon ziemlich kalt werden in diesem Roman.
Dass Leben immer auch ein Leben mit Verletzungen, Trauer, Enttäuschungen ist – Eva Schmidt erzählt davon mit größter Zartheit und zugleich unerbittlicher Klarheit, mit ebenso viel Empathie wie Ehrlichkeit. Und so endet ihr Roman mit dem wohl traurigsten Satz, den man sich denken kann: „Mein Leben ist auch ein Leben.“
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Eva Schmidt: Neben Fremden. Jung & Jung, Salzburg, 2025, 192 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-99027-426-2, € 24
Lesung: Di, 23.9., 19.30
Theater Kosmos, Bregenz