María Esperanza, die einst gefeierte kolumbianische Bolero-Sängerin, begeistert auch mit 93 Jahren noch mit ihrer Stimme und ihrer Lebensfreude. (Foto: Bastian Innfeld)
Sieglinde Wöhrer · 29. Apr 2026 · Kinder

Neue Welten mit eigenen Regeln

Im Kunstmuseum Liechtenstein zeigt Mercedes Azpilicueta eine Ausstellung mit skulpturalen Klangobjekten für Kinder

Die Objekte aus dem Ausstellungsprojekt „CaccHho CucchhA“ dürfen berührt und bewegt werden und sind auch auf die Interaktion der Besucher:innen angewiesen. Sie sollten bespielt werden, weil sich erst durch das Spielen der emanzipatorische Akt verkörpert, dem die Künstlerin Mercedes Azpilicueta in den Werken nachspürt.

Die Emanzipation beim Spielen liege für sie darin, „sich das vorzustellen, was noch nicht existiert“. Ein großer Vorteil zu konventionellen Kunstausstellungen (für Erwachsene) ist, dass „CaccHho CucchhA“ nicht nur für die Augen von kunstinteressierten Personen gedacht ist, sondern ein multisensorisches Erlebnis bietet, das gewissermaßen ein Publikum anspricht, welches nicht schon von vornherein begrenzt ist. Denn auch nur wenige Monate alte Babys interessieren sich für sensorische Reize, reagieren auf Farben, Oberflächen und Geräusche und müssen das Konzept von Kunst gar nicht erfassen können, um darin als Akteure mitwirken zu können.

Gemeinsames Entdecken

Mercedes Azpilicueta hat eine begehbare Installation entwickelt, die sich in erster Linie an Kinder unter fünf Jahren richtet und einen Resonanzraum eröffnet, in dem durch Bewegung, Berührung und Interaktion leise Klänge und Rhythmen entstehen. Mit dem Titel verweist die Künstlerin auf die „Zeit“ (Cacho), weil beim Spielen die Zeit anders vergeht, und auf einen sicheren Unterschlupf als Ort (Cucha). „CaccHho CucchhA“ besteht zum einen aus einem Wandteppich, auf dem Azpilicueta in ihre Zeichnungen Fotografien von Spielskulpturen des Architekten Aldo van Eyck und unter anderem auch Bilder von spielenden Kindern in Gaza eingewoben hat. Dieser Wandteppich verstehe sich als eine Art „offenes Bilderbuch“ als Quelle, aus der man ein Bild auswählen kann, um dessen Geschichte fortzusetzen. Zum anderen laden mehrere skulpturale Objekte und Plattformen die Kinder aktiv zum Spielen ein. „Es macht mir Spaß, verschiedene Zeitlichkeiten nebeneinander zu stellen, wodurch eine chaotische Umgebung entsteht, in der reale und imaginäre Bilder, Fotos und Zeichnungen aufeinandertreffen und das Potenzial bergen, genutzt zu werden. Das bedeutet, dass Kinder ihre Gesichter, Hände oder Beine durch Löcher stecken können, die wie das Innere riesiger Seepocken aussehen“, beschreibt die Künstlerin Mercedes Azpilicueta ihre Ausstellungsobjekte im Gespräch mit Lara Khaldi, der künstlerischen Leiterin der niederländischen Kunstinstitution De Appel. Die Ausstellung wurde 2025 von De Appel in Amsterdam initiiert und kuratiert und in Koproduktion mit dem Kunstmuseum Liechtenstein für Vaduz weiterentwickelt.

Bewegungen und Töne

In „CaccHho CucchhA“ stehe der Hörsinn im Mittelpunkt. „Wir präsentieren eine Reihe von Kostümen, die Geräusche erzeugen und zum Spielen einladen. Von alten Kuhglocken, die in Hohlräumen aus Kokosfasern schwingen, über aus Holz gefertigte Waschbretter, die zu Güiros umfunktioniert wurden, bis hin zu Regenstäben, in denen Kirschkerne durch Vakuumschläuche rieseln. Ich wollte das Potenzial der Klangerzeugung durch tragbare Objekte, Textilien und alltägliche (vielleicht teilweise veraltete) Werkzeuge weiter erforschen – und das natürlich auch gemeinsam mit dem Publikum.“ Denn im Sinne der Künstlerin werde auch das Publikum zum Darsteller. „Alle Kostüme bringen Geräusche hervor, meist perkussiver Art, insbesondere durch Idiophone, Glocken, Gongs und Rasseln, die vibrieren, wenn man sie schlägt, schüttelt oder daran kratzt. Mich hat interessiert, wie der Körper ein tonerzeugendes Instrument werden kann, wie Bewegung Resonanz hervorbringen kann. Das Performative stand stets im Zentrum meines Schaffens, doch hier vollführe ich einen weiteren Schritt, indem ich das Publikum einlade, die Stücke selbst zu aktivieren. […] Ich wollte sehen, wie die Kostüme die Bewegung einschränken, wie sie die Art und Weise verändern, in der wir unsere Körper einnehmen, wie sie unser Empfinden verändern.“ Azpilicueta begreift die Ausstellung als etwas Wandelbares, das sich beständig durch die Interaktionen der Kinder entwickeln würde: „Jede Aktion hinterlässt Spuren, erweitert Möglichkeiten und transformiert den Raum. Die Ausstellung steht niemals ganz fest; sie wächst und verändert sich, während sich das Spiel entfaltet.“

Eine Möglichkeit des Ungehorsams

Wie Azpilicueta im Gespräch mit Khaldi beschreibt, sehe sie das Spiel auch als Chance, sich über Dinge hinwegzusetzen und als Möglichkeit des Ungehorsams, weil Dinge nicht gemacht werden, weil sie gemacht werden sollen. Stattdessen erlaube das Spielen, eigene neue Welten mit eigenen Regeln und Grenzen zu erfinden und dadurch etwas zu erschaffen, das noch nicht existiert. „Und ich habe den Eindruck, mein Kunstschaffen hat mich in den letzten Jahren gelehrt, dass Spiel (und Humor) sehr nützlich sind, um die Regeln zu missachten.“ Azpilicueta macht deutlich, dass Spielen etwas Universelles ist, das nicht nur an dafür vorgesehenen Orten stattfindet. Für ihre Arbeiten hat sie sich auch mit verschiedenen Theorien des Spiels beschäftigt und dabei mit der Pädagogin Daniela Pelegrinelli zusammengearbeitet. „Mit ihrer Anleitung positionierte ich mich selbst innerhalb einer Rhetorik des Spiels, die Spiel als Imaginäres begreift, das Welten fördern und Symbolik schaffen kann, aber auch Spiel als Identität, als Ritual und als eine Praxis, die Zusammenarbeit, Gemeinschaft, Erinnerung und Widerstand fördert.“
Mercedes Azpilicueta wurde 1981 in Buenos Aires, Argentinien geboren. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Amsterdam. Als Künstlerin verwendet sie unterschiedliche Materialien. Sie färbt Stoffe und webt große Teppiche auf einer computergesteuerten Webmaschine im TextielLab von Tilburg in den Niederlanden.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Mercedes Azpilicueta: „CaccHho CucchhA“
Eine Ausstellung für Kinder und Erwachsene (0-99 J.), Eintritt frei
Eröffnung: 3.5., 11 Uhr
3.5. – 22.11.26 
Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz

Rahmenprogramm im Playshop (mit Anmeldung):
13.5., 14 Uhr: Record, play and perform – für Kinder von 7 bis 9 J.
10./17.6., 14 Uhr: Bewegung und Musik – für Kinder von 5 bis 7 J.

www.kunstmuseum.li