Kota – Lebensansichten eines Huhns
Michael Pekler · 24. Aug 2023 · Film

Neu in den Kinos: „Vienna Calling“

Die Musikdoku „Vienna Calling“ will keine solche sein. Regisseur Philipp Jedicke beobachtet stattdessen Akteure der Wiener Szene lieber beim Nachdenken, Rauchen und Nichtstun. Aber manchmal dann doch beim Musikmachen.

Wien ist anders. Das hat zumindest ein Touristenwerbespruch jahrelang behauptet, was einerseits stimmt, aber ohnehin für jede Großstadt zutrifft. Andererseits ist Wien tatsächlich anders als viele andere Städte, indem man hier gerne Tradition mit Klischee verwechselt, während man gleichzeitig als Metropole betrachtet werden will. 
In der Dokumentation „Vienna Calling“ über die Wiener alternative Musikszene kann man diese Ambivalenz gut beobachten. Die Protagonistinnen und Protagonisten sind besonders, behauptet der deutsche Regisseur und Journalist Philipp Jedicke, weil sie eine Subkultur repräsentieren und dem Bild der von Konzerthaus und Oper geprägten Musikstadt widersprechen. Allerdings wäre es erstaunlich, würde Jedicke in seinem Film das nicht behaupten. Nicht eindeutig ersichtlich wird allerdings, worin genau diese Besonderheit besteht. Denn in „Vienna Calling“ geht es nicht um Musik, aber auch nicht um Lebensarten oder ein bestimmtes Milieu; nicht um die Auseinandersetzung mit dem Publikum oder der etablierten Szene – zu der einzelne Künstler wie etwa Vodoo Jürgens mit Auftritten eben im Konzerthaus ohnehin längst zählen. Stattdessen vertraut Jedicke, der mit „Shut Up and Play the Piano“ über die Indiepop-Kunstfigur Chilly Gonzales bereits eine Musikdoku vorgelegt hat, nahezu ausschließlich auf die vermeintliche Strahlkraft der Szenegrößen. Und entkommt dabei nicht jenem Klischee von Subkultur, das diese jeweils geschickt bedienen. 

Anzug und Brautkleid

Wenn also Samu Casata, zuletzt für den Pavillon der Berliner Volksbühne zuständig, ausgerechnet vor dem Konzerthaus aus einer Litfaßsäule steigend seinen Geburtstag als Performance plant, werden Klischees gleichermaßen ironisch gebrochen und bedient. Wie überhaupt die Kanalisation als typisches Untergrund-Motiv für die Subkultur dienen muss – auch Lydia Haider begibt sich mit ihrer gebenedeiten Band zu liturgischen Unheilsbotschaften unter die Erde, wenngleich natürlich ohne Zither. Indem Jedicke es allen Musikern und Musikerinnen überlassen hat, wie sie in seinem Film auftreten wollen, verzichtet „Vienna Calling“ auf eine stringente Dramaturgie – einzig die Vorbereitungen von Samu Casata („Ich mag den Geruch von Schafen urgern“) für seine Eventparty bilden eine lose Klammer. Ansonsten sieht man Voodoo Jürgens am Zentralfriedhof („Die Wiamma, schmausn di no imma“), den Nino aus Wien beim Starfrisör, der schon Falco die Haare gemacht hat, beide im Atelier beim Singen von Ambros-Hadern, Gutlauninger in seinem goldenen Anzug um zwanzig Euro („Dann ist der Gutlauninger dagewesen und ich hab nicht mehr aufhören können“) in einem Pool beim Trockentraining, und Kerosin95 im Brautkleid hinter dem Schlagzeug und dieses umwerfend. Dazu gibt es eine passende Szene, in der Esra Özmen, die mit ihrem Bruder Enes das tatsächlich coole HipHop-Duo EsRAP bildet, bei einem Demo-Auftritt nach der anwesenden Kamera von Jedicke gefragt wird. „Die machen eine Doku über die Musikszene in Wien“, meint die Rapperin aus Ottakring. – „Wen interessiert das?“

Der große Schwindel

Eine entscheidende Frage in diesem Film mit offensichtlich mehrjähriger Produktionsdauer, der wie seine Schauplätze – Szenelokale wie das Schmauswaberl, den längst aufgelassenen Ungar Grill und diverse Gürtellokale – seltsam aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und so wirkt „Vienna Calling“ eher wie eine Zusammenstellung von Momentaufnahmen, in denen mehr oder weniger bekannte Vertreterinnen und Vertreter der Wiener Musikszene irgendwelche Dinge tun, sagen und eben singen. Einmal sieht man Stefanie Sargnagel im Kaffeehaus ein Bier trinken und eine Zigarette rauchen. Wem das genügt, ist wie Philipp Jedlicke jenem Schwindel erlegen, von dem in seinem Film einmal sogar die Rede ist, als Tausendsassa und Musikmanager Malcolm McLaren zitiert wird, der sich in „The Great RockʼnʼRoll Swindle“ die Erfindung der Sex Pistols zuschreibt: Auch die Klischees vom Wiener Musikuntergrund sind wahr und falsch zugleich. 

Ab 25.8. in den Kinos. In Vorarlberg ist der Film aber erst am 21. und 27.9. am Spielboden Dornbirn zu sehen.