Vaterland (Foto: Agata Grzybowska)
Silvia Thurner · 21. Aug 2023 · Musik

Mit Kian Soltani und Schostakowitsch das Beste zum Schluss

Frenetischer Jubel für das Symphonieorchester Vorarlberg unter Leo McFall und den Cellisten Kian Soltani

Die Orchesterkonzerte bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen boten einige Highlights. Doch am Ende setzten der Cellist Kian Soltani und das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall der vierteiligen Konzertreihe die Krone auf. Vom ersten bis zum letzten Ton zog der Solist mit seiner Deutung des 2. Cellokonzertes von Dmitri Schostakowitsch die Zuhörenden in seinen Bann. Er präsentierte eine emotional und musikalisch so vielschichtige Werkdeutung, die nur in Superlativen beschrieben werden kann. Darüber hinaus erweckte das geistesgegenwärtig musizierende SOV den „Zauberlehrling“ von Paul Dukas zum Leben und am Ende wurde Entspannung mit Dvoraks 8.Symphonie geboten.

Im vergangenen Jahr wurde der aus Altach stammende Cellist Kian Soltani mit der Interpretation des ersten Cellokonzertes von Dmitri Schostakowitsch bei den Festspielen bejubelt. Für den diesjährigen Auftritt studierte er Schostakowitschs zweites Cellokonzert ein und präsentierte im Festspielhaus seine Sicht auf dieses facettenreiche und anspruchsvolle Werk. Hoch konzentriert, aber mit einer atemberaubenden Leichtigkeit formte Kian Soltani die elegischen Linien aus.
Schostakowitsch hat sich in seinem zweiten Cellowerk viel Kummer von der Seele geschrieben. Einesteils litt der Komponist im Entstehungsjahr 1966 unter gesundheitlichen Problemen, andernteils belastete ihn die politische Situation in der Sowjetunion sein ganzes Leben lang. Seinen Gemütszustand kehrte Schostakowitsch mit höchst eindringlichen musikalischen Mitteln an die Oberfläche. Die besondere Aussagekraft im Cellokonzert Nr. 2 liegt unter anderem darin, suchende Gesten im Solo höchst eindringlich zu formulieren, mit vielschichtigen Tonballungen aufgewühlte Kulminationspunkte zu setzen, die chromatischen Linien bedeutungsvoll zu führen und vor allem die Tragik in der Musik von der Melancholie ganz unvermittelt ins Sarkastische zu kippen.

Der Einzelne und das Kollektiv

Auf der tiefen C-Saite seines wunderbaren Instruments leitete Kian Soltani solo in das musikalische Geschehen ein. Sensibel begleitenden die Orchestermusiker:innen den Solisten und wirkten mit ihm zusammen. So entwickelte sich ein Sog, der mitreißende Klangwelten öffnete und beim Zuhören viel Raum für individuelle Assoziationen zuließ. Der Einzelne gegen die Macht der vielen, der sich verzweifelt aufbäumende Solist innerhalb des knallhart vorwärtspreschenden Kollektivs, eine Zwiesprache zwischen ungleichen Partnern und außergewöhnliche Allianzen von Instrumentengruppen, brutale Unterbrechungen und niederschmetternde Reaktionen des Orchesters auf Themen des Solocellos – um nur einige zu nennen – kamen unglaublich plastisch zur Geltung.

Faszinierende Tongebung

Der 31-jährige Kian Soltani ist ein Musiker von Weltrang und nur wenige intonieren jeden Ton auch in höchsten Lagen derart akkurat und qualitätsvoll. Die mehrstimmigen Passagen und die chromatischen Linien setzte er mit größter Selbstverständlichkeit und einer bewundernswert differenzierten Bogenführung in den Raum. Im Saal herrschte eine ruhige und dichte Atmosphäre, dementsprechend groß war danach der begeisterte Jubel. Sympathisch dankte der Solist mit einer Bearbeitung für Celloensemble aus Schostakowitschs Suite, op. 97 aus der Filmmusik „The Gadfly“.

Kraftvolle Werkdeutungen

Das Symphonieorchester Vorarlberg und Leo McFall gestalteten das vierte Orchesterkonzert energiegeladen und mit motivierter Spielfreude. Ihre Qualitäten setzten die Musiker:innen in Paul Dukas‘ „Zauberlehrling“, einem Scherzo nach einer Ballade von Goethe, tatkräftig in Szene. Mitreißend wurden die einzelnen Handlungen des Lehrlings und den von ihm gerufenen Geistern dargestellt. Besondere Leuchtkraft entwickelten die Holz- und Blechbläser, die die ‚arbeitswütigen‘ Besen musikalisch spannend und amüsant zum Leben erweckten. In einer guten Klangbalance wurden die sich ständig stärker aufwallenden melodischen Bögen der Streicher in den Klangvordergrund geführt. Dass die Stimmgruppen nicht an allen Stellen wirklich kongruent agierten, tat dem anregenden Hörerlebnis keinen Abbruch. Dies betraf auch die 8. Symphonie von Antonin Dvorak, die ebenfalls mit Elan in den Raum gestellt wurde. Hier kamen besonders die gut ausbalancierte Pianokultur des Orchesters und die spannende Zeitgestaltung zur Geltung. So wurde Raum für die Ausbreitung der transparent ausformulierten Themen geschaffen und diese in den einzelnen Episoden wirkmächtig gesteigert. Leo McFall war ganz bei den Musiker:innen und forderte sie mit seiner emotionalen Gestik heraus. Gemeinsam wurden für den fulminanten Schluss nochmals die Energien gebündelt.

Übertragung des Konzertes im Radio:
26. August 2023, 15.05 Uhr, Ö1, Apropos Klassik
9./16. Oktober 2023, 21 Uhr, ORF Radio Vorarlberg, Das Konzert