Konfliktpotentiale über Kultur- und Zeitgrenzen hinweg
Fabián Panisello komponierte ein beziehungsreiches Musiktheater
Mit der Uraufführung der Oper „Die Judith von Shimoda“ fanden die Opernproduktionen im Rahmen der diesjährigen Bregenzer Festspiele in der Werkstattbühne einen vielsagenden Abschluss. Dem argentinisch-spanischen Komponisten Fabián Panisello stand mit Walter Kobéra als musikalischem Leiter, der Regisseurin Carmen C. Kruse sowie hervorragenden Darsteller:innen, Musiker:innen und Sänger:innen ein ausgezeichnetes Team zur Seite. Bedeutungsvoll wurden die Inhalte über kulturelle Missverständnisse, Heldentum, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, ihre persönliche Entwicklung sowie die Reaktion des Kollektivs auf Einzelne in musikalisch-psychologisch ausgedeuteten Seelenräumen interpretiert. Die Besucher:innen am Premierenabend reagierten positiv auf das facettenreiche Werk.
Alles andere als einfach mutet die Handlung der Oper an. Juan Lucas hat das Libretto aus drei Vorlagen, unter anderem auf einer japanischen Legende und einer Bearbeitung von Bertold Brecht beruhend, verarbeitet. Die Geschichte der Geisha Okichi wurde dabei gut nachvollziehbar in unterschiedliche Zeit- und Handlungsebenen transferiert und mit kommentierenden Zwischenszenen reflektiert.
Fabián Panisello hat eine auf mehreren Säulen gefasste Musik komponiert, die die persönliche Entwicklungsgeschichte der Hauptprotagonistin Okichi differenziert darstellt. Hierfür verwendete er filigrane Tonschichtungen, aufgebaut aus unterschiedlichsten Instrumentalklängen. Mithilfe eines überbordenden Perkussionsapparats begleitete das Ensemble in changierenden Farben die unterschiedlichen Charaktere. Darüber hinaus lenkten auch die Electronics die Aufmerksamkeit auf sich, mit denen die realen gespielten Klangspektren beziehungsreich erweitert wurden. Mit einer originellen Mischung aus Sprache, Vokalklang und Singstimme schuf der Komponist melodische Linien, die die Textinhalte gut deuteten. Abschnittweise wirkten die Melodieführungen jedoch allzu exaltiert. Vor allem zum Schluss hin, mit der Zuspitzung der emotionalen Reaktionen der Okichi, überfrachteten die vielfach eingesetzten stimmlichen Registerwechsel die dichte Aussagekraft.
Walter Kobéra leitete das groß besetzte Ensemble mit klarer Geste und die Musiker:innen spielten konzentriert und in aufmerksamem Bezug zueinander. So kamen die Tonschichtungen und die feinen Texturen der Musik gut zur Geltung.
Hervorragende Interpret:innen
Allen voran die Sopranistin Anna Davidson, die die Protagonistin Okichi durchgängig mit großer Bühnenpräsenz und emotional vielgestaltig verkörperte. Flexibel formte sie unterschiedliche musikalische Stilelemente aus, die von Pentatonik über den „Geisha-Rap“ bis hin zu aufgewühlten, mit großem Ambitus versehenen Gesangspartien reichten. Auch alle weiteren Sängerin:innen (Alexander Kaimbacher, Martin Lechleitner, Megan Kahts, Harald Hieronymus Hein, Gan-ya Ben-gur Akselrod, Timothy Connor und Karl Huml) füllten ihre Rollen hervorragend aus und agierten dramaturgisch gut aufeinander abgestimmt.
Im Zusammenwirken mit den Hauptdarsteller:innen beeindruckten die Mitglieder des Wiener Kammerchores (Chorleitung: Bernhard Jaretz) in mehreren Passagen. Besonders in Erinnerung blieb beispielsweise der in einem Hoquetus gesetzte Vokalpart.
Mehrdimensionaler Bühnenraum
Die durchdachte Inszenierung von Carmen C. Kruse und das Bühnenbild von Susanne Brendel siedelten die Handlung nicht in Japan an und auch die inhaltlichen Parallelen zur „Madame Butterfly“ bestimmten den Verlauf nicht. Vielmehr wurden mit einem im 45° Winkel positionierten Spiegel Projektionsflächen erzeugt. Auf diese Weise verdoppelte sich das Tun der Protagonist:innen und ermöglichte ein Blick aus der Vogelperspektive. Die Persönlichkeit der Okichi als couragierte, der Gesellschaft zugeneigte, aber geächtete Frau kam als mehrdimensionaler Seelenraum zur Geltung.
Klar strukturierte Handlungsebenen und offener Schluss
Die Handlungsebenen, die ein Stück in einem Stück erzählten, beinhalteten auch Elemente im Stile des epischen Theaters von Bertold Brecht. Mit zynischen Kommentaren wurden Lebensstationen erläutert und in einen gesellschaftskritischen Zusammenhang gestellt, der letztlich besagte, dass sich Heldentum nicht lohne.
Panisellos Oper endete mit einem Epilog und einem Postepilog. Beide zogen das Werk unnötig in die Länge, obwohl sich in diesen Abschnitten die musikalischen Ereignisse spannend verdichteten. Zum Nachdenken regte der offene Schluss der Oper an. Der pulsierenden (Herz)schlag ließ das weitere Schicksal von Okichi offen.
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