Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Michael Pekler · 16. Sep 2024 · Film

Neu in den Kinos: „The Substance“

Demi Moore und Margaret Qualley liefern sich in der grellen Horrorgroteske als alternder Hollywoodstar und junges Alter Ego ein blutiges Duell. Regisseurin Coralie Fargeat setzt bei ihrer Kritik von Schönheitswahn und Selbstoptimierung auf bizarre Schockmomente und Schauwerte.

Der Walk of Fame hat Risse bekommen. Früher war Elizabeth Sparkle ein Hollywoodstar, heute steigen die Touristen achtlos über ihren Stern hinweg. Die Zeit hat nicht nur dem rosafarbenen Terrazzo zugesetzt, sondern auch Elizabeth mit Altersfalten. Noch plagt sie sich im Fernsehstudio als Vortänzerin ihrer eigenen Fitnesssendung, doch ihr schmieriger Produzent macht aus der traurigen Wahrheit im Showgeschäft kein Geheimnis: Elizabeth hat mit 50 Jahren das „Verfallsdatum“ erreicht. 
Auch „The Substance“ hält sich nicht mit vielen Worten auf, sondern kommt mit schnellen Schnitten raschen Schrittes sofort zur Sache: Einen Autounfall und Krankenhausbesuch später besitzt Elizabeth eine geheimnisvolle Telefonnummer und ein Schließfach mit anonymem Paket. Der Inhalt hält, was er verspricht: Schläuche, Spritzen und eine giftig aussehende Substanz. Doch nicht nur die eitrig gelbe Flüssigkeit, auch die Verwandlung geht unter die Haut. Denn auch wenn das Ergebnis stimmt und am Ende der Prozedur eine junge Elizabeth, die sich nun Sue nennt, mit selbstverliebtem Lächeln in den Badezimmerspiegel blickt, lässt Filmemacherin Coralie Fargeat keine Details aus: Schönheit muss hier buchstäblich leiden.

Ausgeburt der Angst

Dass sich das Kino regelmäßig am Traum von der ewigen Jugend abarbeitet, den es selbst befeuert, kennt man seit Jahrzehnten. Wenig überraschend funktioniert die Kritik am Schönheitswahn scheinbar oft am besten in Komödienform wie in „Der Tod steht ihr gut“, wenn Meryl Streep nach dem Schluck aus dem Fläschchen einfach nicht totzukriegen ist. Alles nicht so schlimm, lautet dann meist die Botschaft, wer sich alt und hässlich fühlt, ist ein selbstverliebter Narzisst. Und natürlich eine Frau. 
Fargeat setzt in ihrem zweiten Spielfilm nach dem Rache-Vergewaltigungsthriller „The Revenge“ (2017) nun mit „The Substance“ definitiv einen weiteren Kontrapunkt, indem sie den Wahn zum Wahnsinn macht: Elizabeth will nicht nur einfach schön bleiben, sondern ist von der Schönheit besessen. Gezeichnet. Der andere Körper, den sie brutal zur Welt bringt, ist die Ausgeburt ihrer Wünsche und Sehnsüchte – vor allem aber ihrer Ängste. Und bald auch das Sorgenkind, denn die obligatorische Rückverwandlung in die buchstäblich alte Haut nach einer Woche fällt – man ahnt es – der hedonistischen Jugend zunehmend schwer. Doch wer die Substanz missbraucht und die Frist überschreitet, dem drohen fürchterliche Konsequenzen: Die Zeit, die Sue mit dem jungen Körper gewinnt, geht Elizabeth mit fatalen Folgen verloren. „You are one“ steht deshalb als wichtigster Warnhinweis auf einer der mitgelieferten Karten. Doch Elizabeth/Sue liefern sich bald einen Überlebenskampf gegen sich selbst. Denn Sue möchte nicht mehr Elizabeth werden. Wobei ihre zunehmende Abneigung gegen das alte Ich auch der Tatsache geschuldet ist, dass hier der eigene Körper in anderer unansehnlicher Gestalt reglos eine Woche herumliegt. Weshalb er bald seinen eigenen anderen Platz bekommt.

Gefeiert und gehasst

Coralie Fargeat trägt von Beginn an dick auf, malt die Räume in grellen Farben, setzt auf extreme Close-Ups und Untersichten, und macht aus ihren Figuren skurrile Karikaturen. Und überschreitet bewusst die Grenze zum guten Geschmack, indem sie „The Substance“ zu einer bizarren Horrorgroteske mit Splattereffekten steigert. Möglicherweise ist das der passenden Zugang für pathologisch krankhaften Narzissmus, eine auf destruktive Schönheitsbilder fokussierte Medienwelt und einen damit einhergehenden Selbsthass. Offen bleibt indes die Frage, ob die Kritik, wenn sie wie in diesem Fall auf Schock und Schauwert abzielt, nicht selbst an der Oberfläche bleibt. Wenn Sue als gefeierte Nachfolgerin von Elizabeth die Fernsehwelt erobert, wird jeder durchtrainierte Körperteil nicht nur für die Fernseh-, sondern auch für die Filmkamera zum Fetisch – und bedient Fargeat bewusst einen Voyeurismus, den eigentlich sie kritisieren möchte. Schaut her, wo ihr immer hinschaut! 
Beim Festival von Cannes wurde der Film jedenfalls zu einem Publikumshit und Fargeat für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Der Erfolg von „The Substance“ ist aber auch das Ergebnis des Besetzungscoups: Demi Moore, eine der bestbezahlten Schauspielerinnen und einer der größten weiblichen Hollywoodstars der Neunzigerjahre, wird heuer 62 Jahre alt. Margaret Qualley wiederum ist 29 Jahre alt und derzeit dabei, die Karriereleiter unaufhaltsam nach oben zu klettern. Hoffentlich bietet sich ihr in dreißig Jahren eine ähnliche Gelegenheit wie Moore für eine wenngleich wahrhaft monströse Altersrolle. 

ab 20.9., Cinema Dornbirn, GUK Kino Feldkirch, Kino Bludenz