Neu in den Kinos: „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“
Die spanische Filmemacherin Carla Simón beschließt ihre autobiografisch inspirierte Trilogie mit einer Erzählung über das Erinnern: Eine junge Filmstudentin macht sich auf den Weg an die Atlantikküste, um die Familie ihres verstorbenen Vaters kennenzulernen. Ein Film über das stille Beobachten und Erkennen, der bei aller Tragik, die das Leben schreibt, dessen Freuden nicht vergisst.
Filme, die von Tagebüchern handeln oder ein solches gar im Titel führen, werden selten mit einem großen Publikum belohnt. Ihnen haftet der Geruch von Kunstfilmen an, die oft Familiengeschichten erzählen, in denen Erinnerungen stets eine tragende Rolle spielen. Wer im Tagebuch über die Vergangenheit anderer liest, muss sich immer auch mit der eigenen Gegenwart auseinandersetzen.
„Romería“, so der Titel des jüngsten Films der spanischen Regisseurin Carla Simón, bedeutet „Pilgerfahrt“ und führt damit gleich zu Beginn ein wenig in die Irre. Denn statt von einer religiösen Wallfahrt erzählt Simón von der scheinbar recht profanen Suche einer jungen Frau nach ihrer Familiengeschichte – die sich erst im Laufe des Films als eine Art spirituelle Reise herausstellt. Das vom deutschen Verleih im Titel ergänzte Tagebuch spielt insofern eine Rolle, als sich Marina (Llúcia Garcia Torras) mit den Aufzeichnungen ihrer Mutter, die kurz nach ihrer Geburt starb, von Barcelona auf den Weg in die Heimatstadt ihres Vaters macht. In Vigo an der Atlantikküste, wo sich die Eltern in den Achtzigerjahren kennenlernten, hielt die Mutter das Lebensgefühl der beiden in ihrem Tagebuch fest. Der Vater blieb nach der Trennung in Galizien, wo er wenig später im Haus seiner Eltern ebenfalls verstarb.
Spuren am Rand
Dass Simón ihren Film im Sommer 2004 spielen lässt, hängt damit zusammen, dass „Romería“ eng mit ihrer eigenen Biografie – dem frühen Tod ihrer Eltern und der Hafenstadt Vigo als schicksalhaftem Ort – verknüpft ist. Zugleich bildet dieser Film den Abschluss ihrer autobiografisch inspirierten Trilogie, die sie 2017 mit „Fridas Sommer“ begann und mit „Alcarràs“ weiterführte. Man muss die beiden vorigen – höchst empfehlenswerten – Teile nicht gesehen haben, um die Erzählung von „Romería“ nachvollziehen zu können und an diesem Film großen Gefallen zu finden. Denn die Autobiografie ist nur der Ausgangspunkt für diese fiktionale Erzählung, Marinas filmische Reise nur eine von vielen, die Simón auf ihrer Suche tatsächlich unternommen hat, und selbstverständlich hat die Familie, der Marina begegnet, nicht allzu viel mit jener der Filmemacherin zu tun.
Ansichten aus dem Abseits
Doch all das ist in diesem Film womöglich gar nicht so wichtig. Denn Simón begleitet die Spurensuche ihrer Protagonistin beinahe nur am Rande und rückt stattdessen wiederholt den Alltag der Familie in den Vordergrund, in dessen Leben Marina als Neuzugang platzt. Über ihren Vater und seinen Tod herrschen unterschiedliche Ansichten; selbst das Sterbejahr wird ihr von den verschiedenen Familienmitgliedern unterschiedlich kommuniziert. Da gibt es die nette Tante und den im Abseits stehenden Onkel, einen ihr gegenüber besonders aufgeschlossenen Cousin und schließlich ihre Großeltern, denen sie zum ersten Mal begegnet und die sich für die Todesursache ihres Sohnes noch heute schämen.
Wahr und falsch zugleich
Langsam schält sich in Form von Rückblenden in die Achtzigerjahre die imaginierte Geschichte der Eltern heraus, ein Leben nach der Diktatur Francos, das von Glück, Freiheit und Tragik geprägt war. Dass Llúcia Garcia Torras in diesen Szenen auch die Rolle von Marinas Mutter spielt – und auch Cousin und Vater vom selben Darsteller verkörpert werden – ist absolut schlüssig: Nicht nur wird die Geschichte von damals weitergegeben, sondern es werden bei Marina Erinnerungen wachgerufen, die sie hätte haben können – aber nicht besitzt. „Es geht in dem Film darum, dass die Erinnerung weder objektiv noch verlässlich ist“, so Simón, „sie ist etwas zutiefst Subjektives.“ Man könnte auch sagen: Es geht in diesem schönen Film darum, dass wir uns alle mit unseren Erinnerungen eine Geschichte schreiben, die wahr und zugleich falsch ist. Die Erinnerungen kommen von selbst, was wir daraus machen, liegt an uns.
ab 14.8., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)
19.8. und 20.8., Cinema Dornbirn (OmU)