Die Berliner Band „Milliarden“ beim Poolbar Festival (Foto: Darius Grimmel)
Michael Pekler · 10. Aug 2023 ·

Neu in den Kinos: „Past Lives“

Einer der besten Filme des bisherigen Kinojahres: Das Debüt der koreanisch-kanadischen Dramatikerin Celine Song erzählt nicht weniger als vom Lauf des Lebens. Also davon, was es bedeutet, von den eigenen Wünschen nicht loslassen zu können – und welche Kraft von Nöten ist, um sich dennoch die wichtigen Dinge zu bewahren.

„Wenn man etwas zurücklässt, entsteht Platz für etwas Neues.“ Zwei Mütter sitzen in einem Park in Seoul, ihre beiden Kinder, ein Mädchen und ein Bursche, vertreiben sich die letzte gemeinsame Zeit. Denn Na Young, die sich später Nora nennen wird, muss mit ihren Eltern nach Kanada auswandern und ihren besten Freund Hae Sung zurücklassen. „Ich möchte eine schöne Erinnerung für sie“, meint ihre Mutter. Zuvor hat man die beiden Zwölfjährigen wiederholt beim gemeinsamen Nachhauseweg von der Schule gesehen. Einmal weint Na Young, weil Hae Song eine bessere Note bekommen hat als sie. Statt Trost gibt es vom geliebten Freund den Ratschlag, die Dinge so zu sehen wie sie sind.
Doch funktioniert das überhaupt? Kann man die Dinge sehen wie sie sind – oder nehmen wir sie doch immer nur aus unserer Perspektive wahr? Mehr als zwanzig Jahre später, aber ganz zu Beginn dieses Films, sieht man eine koreanische Frau zwischen zwei Männern, einem Koreaner und einem typischen New Yorker, spätnachts in einer Bar in Brooklyn. Aus dem Off vernimmt man die Unterhaltung anderer, die sich der reinen Unterhaltung wegen fragen, wie die drei wohl zusammengehören: asiatische Eheleute mit einem amerikanischen Freund? Geschäftsleute? Zwei Touristen mit einem Fremdenführer? In Wirklichkeit sind seit dem Abschied in Seoul mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, und die nun erwachsene und mit einem Amerikaner verheiratete Nora (Greta Lee) hat von Hae Sung (Teo Yoo) Besuch bekommen. Und es ist der letzte Abend, ehe der Jugendfreund wieder zurück in die alte Heimat aufbricht.

Irrungen und Wirrungen

„Past Lives – In einem anderen Leben“ ist einer der außergewöhnlichsten Filme des bisherigen Kinojahres. Das autobiografisch gefärbte Debüt der Bühnendramatikerin Celine Song ist eine bestechende Untersuchung dessen, was man als Irrungen und Wirrungen eines modernen Lebens bezeichnen könnte und womit man der Tiefe und Vielschichtigkeit dieses Films dennoch nicht gerecht werden würde. In drei Kapiteln berichtet Song vornehmlich aus der Perspektive von Nora von einem Voranschreiten im Leben – jeweils verbunden mit und eingeengt von Hoffnungen, Träumen, Sorgen und Ängsten. „Past Lives“ erzählt davon, was es bedeutet, nicht loslassen zu können – aber auch davon, welche Kraft von Nöten ist, um sich die wichtigen Dinge im Leben zu bewahren. Die drei Kapitel liegen, dramaturgisch subtil miteinander verwoben, jeweils zwölf Jahre auseinander und markieren jene Zeitpunkte, an denen sich die Lebenslinien von Nora und Hae Song kreuzen. Als dieser, zwölf Jahre nach ihrem Abschied als Kinder, Nora via Facebook sucht – sie ist mittlerweile von Toronto nach New York übersiedelt und arbeitet an ihrer Karriere als Schriftstellerin, er studiert Maschinenbau in Seoul – dauert es nur wenige Minuten, bis die dünne Eisdecke geschmolzen ist und man beschließt, fortan per Videochat regelmäßig Kontakt zu halten. Bis Nora die platonische Fernbeziehung wieder abbricht. Abbrechen muss? Hindert sie die Erinnerung an den geliebten koreanischen Schulfreund an ein Weiterkommen in der amerikanischen Gegenwart?

Wer welche Rolle spielt

Celine Song verzichtet zur Gänze auf große Emotionen, hier wird nicht in letzter Sekunde das Glück gefunden, hier verhindert kein böser amerikanischer Ehemann, den Nora bei einem Autorentreffen kennengelernt hat, die alte Liebe. Im Gegenteil: In einer selbstreflexiven und der zugleich besten Szene denkt Arthur (John Magaro) im Ehebett darüber nach, dass er in einem Film nun eben diese Rolle einnehmen würde. Doch das wäre im Gegensatz zu „Past Lives“ ein sehr gewöhnlicher Film. Als sich die beiden Männer schließlich zum ersten Mal gegenüberstehen – Hae Song ist zwölf weitere Jahre später für eine Woche nach New York gereist – wirkt das Aufeinandertreffen beinahe wie eines mit einem unbekannten Freund. Abends sitzt man gar zu dritt in einer Bar. Und als Beobachter könnte man darüber rätseln, welche Rolle der Amerikaner einnimmt, der dem auf koreanisch geführten Gespräch der beiden anderen nicht folgen kann. Asiatische Eheleute mit einem amerikanischen Freund?
Nach seiner Premiere bei der diesjährigen Berlinale wurde „Past Lives“ mit Richard Linklaters „Before ...“-Trilogie verglichen, in der sich ebenfalls in großem Abstand die Wege eines Paars kreuzen. Doch „Past Lives“ will im Gegensatz dazu kein Porträt einer bestimmten Generation sein, sondern spürt viel intensiver den individuellen Wünschen und Widerständen nach, die einem – auch von der jeweiligen Generation, der man angehört – auferlegt werden. Mit scharfem und zugleich bemerkenswert empathischem Blick registriert Celine Song, wie sich das Leben verlangsamt oder beschleunigt, ohne dass wir es bemerken. Wie aus zwölf Jahren ein Tag werden kann – oder umgekehrt.

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