Vaterland (Foto: Agata Grzybowska)
Walter Gasperi · 10. Aug 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (11.8. – 17.8. 2023)

Das Filmforum Bregenz zeigt diese Woche mit „Menschliche Dinge“ einen Gerichtsthriller, der mit multiperspektivischer Erzählweise packend Einblick in die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung in einem Fall von einvernehmlichem Sex oder Vergewaltigung vermittelt. Beim Open Air auf dem Rankweiler Marktplatz mischt sich dagegen in „Wie im echten Leben“ Juliette Binoche als Schriftstellerin unter Putzfrauen, um über deren Arbeits- und Lebensbedingungen zu recherchieren.

Menschliche Dinge – Les choses humaines: Großes Medieninteresse erzeugte der Fall des 21-jährigen Studenten Brock Turner, der im Januar 2015 bei einer Party an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford eine bewusstlose junge Frau vergewaltigte. Turner wurde angezeigt und verurteilt. Für Aufsehen sorgte nicht nur das geringe Strafausmaß von sechs Monaten Haft und drei Jahren Bewährung, sondern auch, dass Turner nach nur drei Monaten wegen guter Führung entlassen wurde.
Angelehnt an diesen Fall erzählt Yvan Attal vom jungen Franzosen Alexandre, der bei einer Party Sex mit der etwa gleich alten Milla hat. Völlig überrascht reagiert er, als er am nächsten Morgen verhaftet wird, denn während er von einvernehmlichem Sex spricht, hat die junge Frau ihn wegen Vergewaltigung angezeigt.
Erzählt Attal zunächst im Kapitel „Lui – Er“ konsequent aus der Perspektive Alexandres und seiner Familie, so folgt mit dem Kapitel „Elle – Sie“ die Perspektive Millas. Einblick in die fragliche Nacht bietet aber erst der letzte und längste Abschnitt, der sich dem Prozess widmet. Diese Szenen sind nicht nur durch enges Bildformat und grobkörnigen 16-mm-Film vom restlichen, in Cinemascope gedrehten Film abgehoben, sondern unterscheiden sich auch dadurch, dass hier unbestrittene Fakten im Zentrum stehen, während die Breitwandszenen jeweils von persönlicher Wahrnehmung bestimmt sind. 
Nüchtern inszeniert Attal, der die schnörkellosen Filme von Sidney Lumet als Vorbild nennt, diesen Prozess. Aber durch konzentrierte Inszenierung und die intensiven schauspielerischen Leistungen entwickeln diese Gerichtsszenen nicht nur große Dichte, sondern erzeugen durch die Dominanz von langen Großaufnahmen auch eine beklemmende Enge. 
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 16.8., 20 Uhr

Wie im echten Leben: Eine Pariser Schriftstellerin (Juliette Binoche) gibt sich in der Normandie, wo sie niemand kennt, als Arbeitssuchende aus, um verdeckt für ihr neues Buch über die Arbeitsbedingungen von Putzfrauen zu recherchieren. Selbst hat sie zwar auch Bedenken hinsichtlich dieser Unehrlichkeit, rechtfertigt sich aber damit, dass sie mit der realistischen Schilderung der Arbeitsbedingungen Missstände aufdecken und die „Unsichtbaren sichtbar“ machen kann.
Immer wieder ist zwar von prekären Verhältnissen die Rede, aber wirklich erfahrbar werden diese nur am Beginn. Zu sehr schielt Emmanuel Carrère darauf, trotz des harten Themas konsumierbare Kinokost zu bieten. Auch die Fokussierung auf Binoches Figur ist ein Problem. Hervorragend harmonieren die mit Laien besetzten Putzfrauen, die teilweise sich selbst spielen, zwar mit dem französischen Star, müssen aber doch vor allem Binoche zuspielen. Sie ist das Zentrum des Films, ihr ungutes Gefühl angesichts ihres eigenen Verhaltens und ihre Angst entdeckt zu werden, sind dem Film wichtiger als das Schicksal der Putzfrauen.
Verwässert wird der soziale Impetus aber auch durch die zunehmende Fokussierung auf einer Freundschaft, die sich zwischen der Schriftstellerin und der Putzfrau Christèle entwickelt, sowie breit ausgespielten Szenen vom Bowling oder der Abschiedsfeier für eine Reinigungskraft.
Zu unentschlossen ist dieses Sozialdrama insgesamt, will einerseits Frauenfreundschaft feiern, andererseits prekäre Arbeitsbedingungen anprangern und drittens die Ethik der Recherche der Schriftstellerin zur Diskussion stellen, entwickelt aber nichts entscheidend weiter. – Da hätten diese Arbeitskräfte und deren prekäre Lage doch einen wesentlich bissigeren und wütenderen Film verdient.
Filme unter Sternen (Open-Air), Marktplatz Rankweil: Do 17.8., 21 Uhr

 

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