Neu in den Kinos: „Ein kleines Stück vom Kuchen“
Die iranische Geschichte einer pensionierten Witwe auf der Suche nach der späten Liebe: Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha erzählen mit bescheidenen Mitteln vom Widerstand einer starken Frau gegen das autokratische Regime.
„Je unterwürfiger du ihnen gegenüber bist, desto mehr werden sie dich unterdrücken.“ Die 70-jährige Mahin (Lily Farhadpour), die eben einer jungen Frau in einem Park in Teheran gegen die Sittenpolizei zu Hilfe gekommen ist, spricht einen gefährlichen Ratschlag gelassen aus. Denn zwischen Unterwürfigkeit und offener Auflehnung ist ein großer Unterschied. Tatsächlich wurde die junge Frau mit ihrem angeblich zu freizügig getragenen Hidschab nur deshalb nicht verhaftet, weil den Polizisten der Streit mit Mahin zu mühsam wurde. Die wiederum nur deshalb im Park unterwegs war, um eventuell Kontakt mit einem Mann zu knüpfen.
„Ein kleines Stück vom Kuchen“ („Keyke mahboobe man“) ist ein auf den ersten Blick typischer iranischer Arthousefilm, wie man ihn zunächst auf Filmfestivals und später im Programmkino findet, fast immer mit europäischem Geld finanziert und begleitet von Meldungen über Restriktionen seitens der iranischen Behörden. In diesem Fall betrafen die Vorkommnisse Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha („Ballade von der weißen Kuh“), deren Pässe vor der Abreise nach Frankreich zur Postproduktion des Films beschlagnahmt wurden – auch der Uraufführung bei der Berlinale musste das verheiratete Reguieduo fernbleiben. Eine Festivalkopie des Films fand sich, wie so oft in ähnlichen Fällen, schließlich doch. Doch weniger die Szene mit der Sittenpolizei dürfte der Filmzensur in Teheran sauer aufgestoßen sein, als die zahlreichen Übertretungen, die sich in weiterer Folge Mahin als Frau im fortgeschrittenen Alter leistet.
Emanzipationsgeschichten
„Ein kleines Stück vom Kuchen“ erzählt eine ebenso kleine wie für westliche Sehgewohnheiten konstruiert wirkende Geschichte, die Mahin im Laufe weniger Tage erlebt. Die pensionierte Witwe führt ein unaufgeregtes Leben, das man vorschnell als bemitleidenswert betrachten könnte: Ihre Schlafstörungen bringen sie erst mittags aus dem Bett, die Gespräche mit ihren teilweise noch älteren Freundinnen drehen sich hauptsächlich um Tod und Krankheiten, die Telefonate mit der nach Europa ausgewanderten Tochter machen deutlich, wer das knappere Zeitbudget hat. Und das Café, in dem sie früher noch getanzt hat, bietet längst nur noch eine digitale Getränkekarte. Weshalb sich Mahin plötzlich entscheidet, das Abstellgleis zu verlassen und wieder Fahrt aufzunehmen: Glücklicherweise sitzt in jenem Restaurant, in dem Mahin ihre Essensgutscheine einlösen kann, der alleinstehende Taxifahrer Faramarz (Esmail Mehrabi).
Dass die beiden einander von der ersten Sekunde an perfekt verstehen, sie Interessen und Vorlieben teilen, dass eine Flasche Wein geöffnet und nach alten Schlagern getanzt wird, ist in dieser absoluten Harmonie zwar recht unglaubwürdig, aber ohnehin nur Mittel zum Zweck. Denn Moghaddam und Sanaeeha wollen vielmehr eine zweifache Emanzipationsgeschichte erzählen: eine über den privaten Widerstand gegen die religiösen Verbote, die im Laufe des beschwingten Abends für Mahin und Faramaz zunehmend an Bedeutung verlieren („Wenn sie jetzt kämen, würden wir zwangsverheiratet werden!“); vor allem aber jene über Mahin und ihr Aufbegehren gegen die ihr von den Mullahs vorgeschriebene Rolle: Die im Alter rundlich gewordene Frau möchte nicht länger unsichtbar bleiben. Als sie sich von Faramaz im Taxi nach Hause fahren lässt, nimmt sie wie selbstverständlich vorne als Beifahrerin Platz. Und ihr Angebot an den neuen Freund, über Nacht zu bleiben, hat sicher nichts mit dem plötzlich einsetzenden Gewitter zu tun.
Das im Titel erwähnte kleine Stück vom Kuchen wird am Ende eine entsprechende Bedeutung erlangen – und den symbolischen Beweis erbringen, dass ein solcher kleiner Teil mehr wert sein kann als das große Ganze.
ab 26.7., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)