Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall startete sein Abonnement mit einem aussagekräftigen Konzert. Gefeiert wurden unter anderem der Komponist Herbert Willi und die Klarinettistin Sharon Kam.
Michael Löbl · 24. Jul 2024 · Musik

Magische Momente im Festspielhaus

Der Cellist Kian Soltani und sein Stradivari-Cello verzauberten das Publikum beim ersten Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker im Rahmen der Bregenzer Festspiele am Montagabend.

Vor zwei Jahren gab es bereits ein ganz ähnliches Festspielkonzert, ebenfalls mit Kian Soltani als Solisten und ebenfalls mit einer Dirigentin am Pult der Wiener Symphoniker. War es damals die Französin Marie Jacquot und das Cellokonzert Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch, stand nun Robert Schumanns Konzert für Violoncello und Orchester op. 129 auf dem Programm, die musikalische Leitung lag in den Händen von Giedrė Šlekytė.

Kian Soltani, in Vorarlberg aufgewachsener Cellist mit persischen Wurzeln, wurde zu Beginn seiner Karriere durch zwei Musiker:innen intensiv gefördert. Der Dirigent Daniel Barenboim und die Geigerin Anne-Sophie Mutter gaben wichtige Impulse und machten den jungen Musiker international bekannt. Inzwischen gehört Kian Soltani zweifellos zu den Top Five der Cellosolisten weltweit. Seiner Vorarlberger Heimat hält er musikalisch die Treue. Zwei Mal war er in letzter Zeit mit dem Symphonieorchester Vorarlberg zu hören, ebenfalls zwei Mal mit den Wiener Symphonikern. Mit diesem Orchester kommt er im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte am 24. Januar gleich wieder ins Festspielhaus, dann mit dem Cellokonzert des Vorarlberger Komponisten Marcus Nigsch, welches nur wenige Tage zuvor in Wien seine Uraufführung erleben wird. Dazwischen gibt es im Oktober auch noch einen Kammermusik-Termin mit ihm bei der Schubertiade Hohenems.
Im Vergleich zu Geiger:innen oder Pianist:innen sind Cellosolist:innen eigentlich arm dran. Ihr Solorepertoire mit Orchester kann man an den Fingern zweier Hände abzählen. Weil die Veranstalter publikumswirksame Programme einfordern, gibt es Experimente nur in Ausnahmefällen. Natürlich spielen Solist:innen sehr gerne auch Kammermusik und Recitals, aber mit maximal zehn gängigen Cellokonzerten müssen sie wohl oder übel ihr ganzes Leben verbringen.

In der Musik versunken

Das Konzert von Robert Schumann gehört da selbstverständlich dazu. Die hohe Opuszahl verrät, dass es sich um ein Spätwerk des Komponisten handelt. Herrlichen Themen und langen musikalischen Entwicklungen stehen sperrige Passagen gegenüber, besonders im letzten Satz, wo dem Cellisten finger- und bogentechnisch einiges abverlangt wird. Für Kian Soltani ist das selbstverständlich kein Problem. Im Gegenteil – je unangenehmer die Akkordbrechungen bis hinauf in Richtung Ende des Griffbrettes werden, desto mehr scheint das seine Musikalität zu beflügeln. Unzählige Nuancen und kleinste Akzente beleben Schumanns vertrackte Passagen und verblüffen das Publikum. Im Gegensatz dazu schreibt Schumann endlose musikalische Melodiebögen, wie zu Beginn des ersten aber auch des langsamen Satzes, hier kann das Cello in allen Lagen singen und seinen riesigen Tonumfang zum Leuchten bringen. Kian Soltani verfügt über eine riesige Palette an Klangfarben, er scheint mit seinem Instrument verwachsen und über weite Strecken in der Musik versunken zu sein. Instrument und Spieler verschmelzen zu einer Einheit, und das sowohl optisch als auch musikalisch. Plötzlich nimmt Kian Soltani dann aber wieder Kontakt auf – zum Orchester, zur Dirigentin, zum Konzertmeister. So entsteht eine absolut meisterhafte Wiedergabe dieses schwierigen Werkes. Dann folgt ein weiterer Höhepunkt: Die Zugabe in Form eines persischen Volksliedes, unterstützt durch die Cello- und Bassgruppe der Wiener Symphoniker, bisher ungehörte orientalische Celloklänge wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Magisch.

Wie ein Naturlaut

Wenn man auf diesem Niveau überhaupt noch Kritik üben darf: Zumindest in der Akustik des Bregenzer Festspielhauses dürfte es gerne ein Strich mehr sein auf der Lautstärkeskala, und das im Piano aber auch im Forte. Man hört zwar jeden Ton glasklar und genießt die unglaubliche Dynamik in Soltanis Spiel, aber oft ertappt man sich beim Wunsch nach ein wenig mehr Lautstärke. Am Instrument kann es eigentlich nicht liegen, Kian Soltani spielt ein Cello von Antonio Stradivari und wird ohne Zweifel von einem hervorragenden Geigenbauer betreut.  
Nach dem klein besetzten Schumannschen Cellokonzert war die Festspielhausbühne nach der Pause für Gustav Mahlers Erste gut gefüllt. Es ist vermutlich die am öftesten aufgeführte Symphonie dieses Komponisten, sie braucht weder Chor noch Gesangssolisten und ist nicht so schwer verdaulich wie ihre rein instrumentalen Geschwister, die Symphonien Sechs, Sieben und Neun. Dabei steckt in ihr ein ganzer Kosmos an Stimmungen, Melodien, orchestralen Steigerungen und emotionalen Wechselbädern. Alleine der vierte Satz ist fast schon eine einsätzige Symphonie für sich.
Ein gigantischer musikalischer Bogen erstreckt sich vom Beginn „wie ein Naturlaut“ bis zum mehrmals aufgestauten Höhepunkt des D-Dur Finales, wo alle Dämme brechen und das Orchester endlich von der Leine gelassen wird. 

Die Symphoniker in Topform

Giedrė Šlekytė stammt – wie ihre sehr bekannte und drei Jahre ältere Kollegin Mirga Gražinytė-Tyla – aus Vilnius in Litauen und hat auch einen ganz ähnlichen Lebensweg. Beide Musikerinnen absolvierten die Čiurlionis-Kunstschule in ihrer Heimatstadt und studierten anschließend in Graz, Leipzig und Zürich. Nach Stationen in Klagenfurt, Berlin, Frankfurt und Kopenhagen ist Giedrė Šlekytė derzeit erste Gastdirigentin beim Bruckner Orchester Linz. In der kommenden Saison wird sie unter anderem an der Wiener Staatsoper, dem Musiktheater an der Wien und am Opernhaus Covent Garden in London dirigieren.
Ihr Dirigierstil ist frisch, musikantisch und immer ausdrucksvoll. Die Wiener Symphoniker wirkten nicht unbedingt enthusiasmiert, spendeten ihrer Gastdirigentin aber höflichen Applaus. Unter ihrer Leitung erlebte das Publikum eine festspielwürdige Aufführung von Mahlers großer und heikel zu spielender Symphonie. Für den ganz großen Wurf fehlte der Interpretation vielleicht ein wenig die Euphorie, die Zügellosigkeit, die in diesem Werk steckt, der ultimative Klangrausch in den Steigerungen des ersten und vierten Satzes – Dinge, die man wahrscheinlich nicht erzwingen kann und die im Laufe des Abends einfach passieren müssen. Zu hören gab es viele großartige solistische Leistungen vom Solo-Kontrabass bis zu den Solo-Bläser:innen. Auch Dumitru Pocitari, seit April einer der beiden neuen Konzertmeister der Wiener Symphoniker, machte seine Sache souverän und hinterließ einen sehr positiven Eindruck. In den letzten vier Jahren war er Konzertmeister beim Israel Philharmonic Orchestra.
Die beiden weiteren Konzerte der Wiener Symphoniker stehen unter der Leitung von Enrique Mazzola, Conductor in Residence der Festspiele und Petr Popelka, dem neuen Chefdirigenten des Orchesters, der sich dem Bregenzer Publikum unter anderem mit einer Österreichischen Erstaufführung von Thomas Larcher vorstellen wird.

www.bregenzerfestspiele.com
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