Aktuell in den Filmclubs (26.7. – 1.8.2024)
Im Heerbrugger Kinotheater Madlen brilliert diese Woche Jeanne Balibar in „Laissez-moi“ als Frau, die zwischen eigenen Sehnsüchten und Fürsorge für ihren Sohn mit Behinderung zunehmend zerrissen wird. Das Open Air in Altstätten zeigt dagegen unter anderem mit „One Life“ ein bewegendes Biopic über den Briten Nicholas Winton, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs über 600, vorwiegend jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei rettete.
Laissez-moi: Den größten Teil der Woche kümmert sich Claudine (Jeanne Balibar) um ihren fast erwachsenen behinderten Sohn (Pierre-Antoine Dubey), doch jeden Dienstag nimmt sie sich quasi eine Auszeit. In einem Hotel an einem Stausee sucht sie dann Männer für unverbindlichen und einmaligen Sex. Doch dieses sorgfältig gesplittete Leben kommt aus dem Gleichgewicht, als sich Claudine in den deutschen Wissenschaftler Michael (Thomas Sarbacher) verliebt.
Unaufgeregt und leise, aber in sorgfältiger Bildsprache zeichnet Maxime Rappaz dieses berührende Porträt. Die enge, fast schon minimalistische Handlungsführung sorgt dabei für Dichte und ein eindrückliches Bild für die Einsamkeit und die unterdrückten Sehnsüchte der Protagonistin findet der Walliser Regisseur in der mächtigen Staumauer, die mehrfach dominant ins Bild gerückt wird.
Etwas zu aufdringlich ist auf Dauer zwar die Klaviermusik von Antoine Bodson und auch die Begeisterung des Sohnes für Lady Diana, deren Tod gegen Ende für eine zeitliche Verankerung des ansonsten der Zeit enthobenen Films sorgt, wird überstrapaziert. Über solche kleinen Schwächen lassen aber Rappaz' Gespür für den Erzählrhythmus und vor allem die großartige Jeanne Balibar, die in jeder Szene präsent ist, locker hinwegsehen. Unaufdringlich, aber intensiv spielt die 55-jährige Französin diese alleinerziehende Mutter und vermittelt deren Liebe zu ihrem Sohn ebenso eindringlich wie ihre Einsamkeit und die unter der Oberfläche brodelnde Sehnsucht, die durch die unverbindlichen One-Night-Stands nur verdrängt wird. Spüren lässt sie dabei, wie ihr durch die Liebe zu Michael zunehmend bewusst wird, auf was sie verzichtet hat, indem sie ihr ganzes Leben in den Dienst ihres Sohnes gestellt hat.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 29.7., 20.15 Uhr
One Life: James Hawes lässt den gealterten Briten Nicholas Winton (Anthony Hopkins) sich daran erinnern, wie er mit einer Gruppe von Helfer:innen kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 669 vorwiegend jüdische Kinder vor den Nazis aus der Tschechoslowakei rettete.
Indem der Film zwischen der 1987 spielenden Haupthandlung und den Rückblenden pendelt, vermittelt er bewegend das Elend der aus dem besetzten Sudetenland und aus Österreich geflohenen, vorwiegend jüdischen Familien und macht die Erschütterung des jungen Börsenmaklers Winton (als junger Mann: Johnny Flynn) und sein daraus resultierender Entschluss zu helfen nachvollziehbar.
Die aufbrechenden Erinnerungen wecken beim gealterten Protagonisten in der Gegenwartshandlung aber auch zunehmend den Wunsch seine Aufzeichnungen, bei denen Seiten leer geblieben sind, weil er aus seiner Sicht seine Aufgabe nie vollenden konnte, einer Institution zu vermachen und mit seiner Geschichte endlich abzuschließen
Das Schüren von Emotionen kann man diesem Biopic kaum wirklich übelnehmen, hat es doch das Herz am richtigen Fleck. Hinnehmen muss man zwar eine sehr konventionelle Erzählweise, die die Fallhöhe zu einem so radikalen und herausfordernden Film wie Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ sichtbar macht, aber immerhin gelingt es dem britischen Fernsehregisseur auch dank eines starken Ensembles diese Geschichte, die auf jeden Fall der Erinnerung wert ist, schlüssig und bewegend zu erzählen.
Sportplatz GESA, Alstätten (Open Air): Mo 29.7., ca. 21.30 Uhr
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