Neu in den Kinos: „Die Farben der Zeit“
Eine junge Frau macht sich im Paris der Belle Époque auf die Suche nach ihrer Mutter, während ihre Nachfahren in der Gegenwart ihre Familiengeschichte erforschen. Cédric Klapisch verwebt in seinem neuen Film kunstvoll Vergangenheit und Gegenwart und erzählt en passant eine kleine Kunstgeschichte über Malerei und Fotografie.
Ohne Vergangenheit gibt es keine Gegenwart, aber braucht es die Gegenwart, damit eine Vergangenheit überhaupt existiert? Im Kino, das nicht zufällig gerne als Zeitmaschine bezeichnet wird, kann man wunderbar in die Vergangenheit reisen. Den meisten Menschen macht das mehr Spaß, als in einem Museum herumzustehen, denn sie können sich gemütlich sitzend eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählen lassen. Dabei ist die Macht der Bildermaschinerie des Historienfilms nicht zu unterschätzen: Wie wir uns englische Adelige, römische Gladiatoren oder J. Robert Oppenheimer vorstellen, bestimmen wohl oder übel auch ihre Darstellungen im Kino.
Cédric Klapisch, bekannt für leichte französische Filmkost à la „L’ auberge espagnole“, beantwortet diese Frage mit „Die Farben der Zeit“ („La venue de l'avenir“) auf relativ simple Weise. Denn Klapisch hat sich dazu entschieden, seine Geschichte(n) einfach abwechselnd in der Gegenwart und der Vergangenheit anzusiedeln und sie mehr oder weniger kunstvoll über die Zeiten hinweg miteinander zu verknüpfen: Als Historiendrama fungiert die Erzählung einer jungen Frau namens Adèle (Suzanne Lindon), die im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts ihre Mutter sucht, die sie als Kind in der Normandie zurückließ, während sich in der Gegenwart vier ihrer Nachkommen – ein Lehrer, eine Businessfrau, ein Imker und ein Fotograf – mit Fundstücken aus Adèles vom Abriss bedrohten Haus auf eine Spurensuche machen, die wenig überraschend einige Überraschungen bereithält.
Behauptete Schönheit
Klapischs kunstgriffiger Clou besteht hauptsächlich darin, einzelne Szenen an denselben Schauplätzen – bekannte Plätzen, Seineufer, Montmartre – spielen zu lassen und derart zu zeigen, wie diese sich in knapp mehr als hundert Jahren radikal verändert haben. Und wie sich die Zeit wie ein Schleier über die Orte gelegt hat, die nun von anderen Menschen betrachtet und mit neuem Leben erfüllt werden. Die sich überlagernden Geschichten sind immerhin geradlinig erzählt: Während die mittellose Adèle, die wie eine Protagonistin aus einem Roman Gustave Flauberts mit dem Schiff in Paris ankommt, sich mit einem jungen Maler und einem arbeitslosen Fotografen anfreundet, entdeckt in der Gegenwart ausgerechnet der desillusionierte Modefotograf Seb (Abraham Wapler) die Liebe zur echten Kunst. Denn „Die Farben der Zeit“ will nicht nur ein Film über die Vergänglichkeit sein und über zwei von der Technik beflügelte Epochen – groß bewundert wird von Adèle und ihren Begleitern die Elektrifzierung der L’Avenue de l’Opera –, sondern auch einer über die Unvergänglichkeit der darstellenden Kunst. Das klingt nicht nur ein wenig oberflächlich, sondern wird motivisch von Klapisch und seinem Co-Autor Santiago Amigorena auch so behandelt: Die in die Gegenwart reichende Belle Époque bleibt in diesem Film stets eine nostalgisch verklärte Vergangenheit voller behaupteter Schönheit.
Das Gemälde, das bald in Adèles Haus entdeckt wird, stammt zweifelsohne aus der Hand eines womöglich bedeutenden Impressionisten, den größeren, weil ideellen Wert bedeuten für die Nachfahren aber natürlich die verstaubten Fotografien, die ihnen ihre ganz persönliche Geschichte erzählen.