Neu in den Kinos: „Atmosphere“
In seiner neuen Dokumentation widmet sich Erwin Wagenhofer der globalen Bodenvernichtung – wählt dabei jedoch einen lösungsorientierten Ansatz. Im Mittelpunkt stehen Pioniere, die durch regenerative Ansätze zerstörte Natur wieder in ertragreiche Lebensräume verwandeln. Als themengetriebene Doku ist „Atmosphere“ aufschlussreicher denn als Kinofilm, zumal sich Wagenhofer ganz auf die Überzeugungskraft seiner Protagonisten verlässt.
Am Beginn und Ende dieses Films blickt man ins All. Das ist keine schlechte Idee für eine Dokumentation, die vom Zustand der Erde erzählt. Dieser ist schwer bedenklich, wenn man zur Einschätzung die bekannten Kriterien heranzieht: Abholzung, Monokulturen, vergiftete und überhitzte Böden, Wasserknappheit, Artensterben, Klimakatastrophe. Dabei könne man die Welt gar nicht retten, meint der französische Astronom Alain Maury in einem seiner zwei kurzen Auftritte in „Atmosphere“, in denen er allerdings kaum zu sehen ist, weil er in einem Observatorium in der chilenischen Wüste den Sternenhimmel beobachtet. Die einzigartige und einem ständigen Wandel unterworfene Erde würde nämlich ohnehin zerstört werden, und zwar von der Sonne. Das dauert zwar noch ein bisschen, ist aber unumgänglich. Maury hat natürlich recht und liegt trotzdem falsch. Denn auch wenn es der Welt egal ist, wenn sich der Mensch die eigene Lebensgrundlage zerstört, würde das seinen katastrophalen Untergang bedeuten.
Freudvolle Arbeit
Erwin Wagenhofer hat sich nach seinen globalisierungskritischen Dokumentationen „We feed the World“ und „Lets Make Money“ ein weiteres Mal einem Weltenproblem gewidmet – allerdings mit lösungsorientiertem Ansatz. Denn „Atmosphere“ handelt zwar am Rande von der globalen Bodenvernichtung, konzentriert sich anhand ausgewählter Beispiele aber lieber auf erfolgreiche Gegenmodelle und -maßnahmen: ein Film in der Tradition des Feel-Good-Journalismus mit Blick auf den kleinen Erfolg. Wie bedeutend dieser für den Einzelnen sein kann, beweisen die wenigen Protagonist:innen, denen Wagenhofer bei ihrer freudvollen Arbeit zusieht und die hauptsächlich aus dem Off ihr ambitioniertes Tun und Denken erklären.
Einen der wichtigsten Plätze nimmt der Schweizer Agronom Ernst Götsch ein, der sich als Begründer der sogenannten syntropischen Landwirtschaft einen Namen gemacht hat. Wagenhofer besucht Götsch in Brasilien, wo dieser seit 1982 lebt und vertrocknetes Weideland in einen artenreichen Regenwald zurückverwandelt hat. Der ertragreichen Kakaoplantage geht es so gut wie ihrem Besitzer, der mittlerweile auch als Vortragsreisender weltweit unterwegs ist. Für Götsch ist die „industrielle Landwirtschaft eine Fortsetzung der Kriegswirtschaft.“ Eben weil Wagenhofer nicht nachfragt, kommentiert oder einordnet, bleiben Aussagen wie diese im Gedächtnis hängen.
Nötiges Wissen
Nicht anders gestalten sich die Besuche bei der ehemaligen Künstlerin Maria Giménez, die nun ein „benachteiligtes Gebiet“ in Brandenburg zu einer Kulturlandschaft mit Gemüse- und Getreidefeldern gemacht hat. „Was wir hier machen, ist im Prinzip eine Gegenbehauptung aufstellen zu dem, was ist“, sagt die in Latzhose das eigene Werk bewundernde Landwirtin. „Sobald du aus der Reihe tanzt, machst du dich angreifbar.“ Hier würde sich die eine oder andere Gegenfrage stellen, genauso wenn Giménez „depressive Erkrankungen auch bei jungen Leuten“ erkennt, „weil sie nichts mit den Händen machen.“ Vergleichsweise zurückhaltend argumentieren in dieser Hinsicht der Vorarlberger Lehmbauexperte Martin Rauch aus Schlins und die deutsche Architektin Anna Heringer, die gemeinsam moderne Stampflehmbauten entwickeln. Für sie ist Lehm ein „emanzipatorisches Material“, mit dem jede:r bauen kann, der das nötige Wissen mitbringt.
Als themengetriebene Dokumentation ist „Atmosphere“ aufschlussreicher denn als Kinofilm, zumal sich Wagenhofer auf die Überzeugungskraft seiner Protagonist:innen verlässt. Noch aufschlussreicher als die Überlegungen, ob und wie der Planet Erde noch zu retten sei, muten die Motive der Porträtierten an. In seiner Doku „But Beautiful“, in der er Menschen mit alternativen Lebenskonzepten vorstellte, machte sich Wagenhofer vor einigen Jahren auf die Suche nach dem Schönen und dem Glück – Letzteres haben Götsch und Giménez mit großer Selbstsicherheit definitiv gefunden. Zehn bis fünfzehn Gramm Kakao, für ihn das „Serotonin als Glücksempfinden“, isst Götsch trotzdem jeden Tag.
ab 9.10., TaSKino im GUK Feldkirch