Bruno Kreisky (Nils Arztmann) schiebt sein Rad durch den Wiener Arbeiterbezirk. (Foto: Dor Film/Petro Domenigg)
Silvia Thurner · 04. Okt 2026 · Musik

Ein Fest mit Walrus und in völliger Dunkelheit

Das Ensemble Plus bewies zum Jubiläum Mut und Originalität.

Das Ensemble Plus feierte sein 30-jähriges Bestehen mit einem höchst bemerkenswerten Konzert. Viele Neue-Musik-Begeisterte folgten der Einladung ins ORF Publikumsstudio, wo die Musiker:innen rund um den Bratschisten Guy Speyers musikalisch auftrumpften. Seit 2020 leitet er das Ensemble, das in seinem Zusammenwirken in den vergangenen Jahren enorm zusammengewachsen ist. Gerald Futschers „walrus“ bildete einen inspirierenden Teil des Jubiläumskonzertes. Dann folgte die Aufführung des Werkes „Solstices“ von Georg Friedrich Haas, das in vollkommener Dunkelheit erklang. Im Gespräch mit Stefan Höfel erzählte Guy Speyers von seiner Leidenschaft für die zeitgenössische Musik, blickte auf die Geschichte des Ensembles zurück und stellte gleich zwei neue CDs vor. Die Klangerlebnisse waren einzigartig und intensiv.

Das Ensemble Plus ist eines der bedeutendsten Kollektive von Musiker:innen in Vorarlberg, das sich seit Jahren engagiert und mit Leidenschaft der zeitgenössischen Musik widmet. Der Mut und die Wissbegierde der Ensemblemitglieder haben sie enorm zusammengeschweißt, und so bringen sie auch riskante und herausfordernde Kompositionen zur Aufführung und erzielen mitreißende Klangerlebnisse.
Gerald Futscher erregte mit seinem Werk „die walrus“ nach der Uraufführung im Jahr 2003 einige Gemüter, weil er zu seinen musikalischen Inhalten auch zwei Aktionen setzte, die von manchen als purer Aktionismus abgetan wurden. Neben dem Ensemble platzierte der Komponist ein Aquarium, in das ein Künstler während der Aufführung, ausgestattet mit Brille und Schnorchel, den Kopf unter Wasser hielt, schließlich auftauchte und sagte: „Ich bin die Walrus“. Zudem wurde eine Geige zersägt und die dabei entstehenden Geräusche in das musikalische Geschehen integriert.
Die „walrus“ ist ursprünglich für 2 Violinen, 2 Bratschen und 2 Celli entstanden. Im Rahmen des Jubiläumskonzertes erklang das Sextett unter der Leitung des Komponisten Gerald Futscher in einer variierten Besetzung mit Anita Martinek (Violine), Guy Speyers und Marta Cappetta (Viola), Jessica Kuhn (Violoncello) sowie Marcus Huemer und Nikolaus Feinig-Hartmann (Kontrabass).

Auf- und Abtauchen und ein Tabubruch

Die Musiker:innen leiteten das Werk mit einem wirkmächtigen Ausgangsklang ein. Dieser setzte sich in einem ächzenden, knarrenden und knirschenden Klangkontinuum fort. Geschickt wurde im dichten Stimmgewebe das Metrum außer Kraft gesetzt. Verbunden mit dem Titel „die walrus“, die auf das Piratenschiff von Captain Flint aus Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ anspielte, führte das Ensemble Plus die Zuhörenden mit durchaus realitätsnahen Klängen in ein driftendes Klangkontinuum. Der schaukelnde Duktus implizierte Empfindungen an ein ruhiges Gleiten und hohen Wellengang. Immer wieder lenkten aus dem Klangfluss auftauchende melodische Floskeln die Aufmerksamkeit auf sich. Klangliche Raffinesse zeichnete die Instrumentation aus. Sie wurde mittels Handventilatoren erweitert, die abschnittweise anstatt der Kontrabassbögen die Instrumente zum Klingen brachten. Die Ensemblemusiker:innen setzten dabei viel Energie frei.
Während der Aufführung wurde eine Schrottgeige zersägt und die während des Aktes entstehenden Klänge in das musikalische Geschehen einbezogen. Damit spielte Gerald Futscher wohl auf Captain Flints Piratenschiff und auch einen Tabubruch an. Welche Musikerin oder welcher Musiker zerstört freiwillig sein Instrument und sägt damit den eigenen Ast ab, auf dem er sitzt?
Humorvoll wurde überdies die Idee realisiert, neben die musikalische Aufführung ein lebendiges skulpturales Monument zu stellen. Ausgestattet mit Brille und Schnorchel setzte Reinold Capelli seinen Kopf unter Wasser, hob ihn kurz vor Schluss und sagte: „Ich bin die Walrus“. Natürlich ließ diese Aktion auch philosophische Deutungsmöglichkeiten zu, zum Beispiel über die Semantik in der Musik und das Verhältnis zur bildenden Kunst.

Jede Aufführung ein Unikum

Mit „Solstices“ von Georg Friedrich Haas wuchs das Ensemble Plus in seiner Kernbesetzung enorm zusammen. Die Beschäftigung mit der reinen Stimmung und mikrotonalen Tonabständen sowie die Praxis der Improvisation hoben die Qualität des Ensembles. Diese Entwicklung nahm im Jahr 2022 mit dem „Walktanztheater“ von Brigitte Walk ihren Anfang.
Seither hat das Ensemble Plus das Werk von Haas bereits einmal im ORF Publikumsstudio in voller Länge und wie in der Partitur vorgeschrieben „in völliger Dunkelheit“ interpretiert. Nun stand es wieder auf dem Programm. G. F. Haas notierte das Werk als eine Art Spielanleitung. Innerhalb des Regelwerks können sich die Ensemblemitglieder frei bewegen. Drei sogenannte „kataklysmische Unterbrechungen“ bilden klanggewaltige Markierungspunkte, auf die die Ensemblemusiker:innen hinsteuern.
Ein Musikstück in völliger Dunkelheit aufzuführen, stellt selbstverständlich für das Ensemble in seiner Kernbesetzung mit Michaela Girardi, Anita Martinek (Violine), Guy Speyers (Viola), Jessica Kuhn (Violoncello), Nikolaus Feinig-Hartmann (Kontrabass), Anja Baldauf (Flöte), Hauke Kohlmorgen (Bassklarinette), Martin Gallez (Klavier), Stefan Greussing (Schlagwerk) sowie Benjamin Kuhn (Gitarre) immer wieder eine enorme Herausforderung dar. Vertrauen ineinander ist eine wichtige Voraussetzung. Zudem sind ein sensibles Aufeinanderhören, um Nuancierungen aufzunehmen und weiterzutragen, und offene Ohren für kommunikative musikalische Prozesse bedeutend. Im Rahmen ihres Jubiläumskonzertes schienen die Ensemblemitglieder aufs Ganze zu gehen. Sie bewegten sich risikofreudig in den Zwischenbereichen von Obertonspektren, mikrotonalem und energetischem Klangfluss. So entstand ein 70-minütiges musikalisches Kontinuum, dem das Ensemble Zeit zur Entfaltung gab, aber stets eine präsente Gruppendynamik entwickelte. Jede und jeder im Auditorium folgte eigenen Assoziationen, doch zudem verströmte das Erleben in der Gemeinschaft eine starke Wirkung. Die Klangbewegungen entwickelten eine enorme Schubkraft, insbesondere als sich die Musiker:innen in den Passagen vor den drei bombastischen „Entladungen“ miteinander und gegenseitig aufschaukelten.

Zwei neue Alben

Rechtzeitig zum Jubiläum stellte das Ensemble auch die CD-Einspielung von Haas’ „Solstices“ vor. Zusätzlich ist das Werk auch in einer Dolby-Atmos-Mischung verfügbar. Erschienen ist auch ein neues Album mit Liedern von Gerald Futscher nach Texten von Christian Futscher und Michel Houellebecq.

Hörtipp: Das Jubiläumskonzert zum Nachhören
Freitag, 13. November, Zeitton, Ö1