Neu in den Kinos: „22 Bahnen“
Eine Studentin mit besonderer Begabung kümmert sich um ihre kleine Schwester und will doch raus aus der deutschen Provinz. Klingt nach „Spiegel“-Bestseller und ist es auch: Die Verfilmung von Caroline Wahls Erfolgsroman hätte die Chance geboten, die Unzulänglichkeiten der Vorlage zu beseitigen. Leider ist es beim Versuch geblieben.
„Mathe schafft Ordnung. Mathe ist ein Ort, an dem ich zuhause bin.“ Selbst wenn Tilda (Luna Wedler) nicht an ihrer Masterarbeit schreibt, spielen Zahlen in ihrem Leben eine wichtige Rolle. Wenn sie im Freibad schwimmt, wird jeder zurückgelegte Meter gezählt. „22 Bahnen, die nur mir gehören.“ Zahlen schaffen Struktur. Im Job an der Supermarktkassa, mit dem sie sich das Studium finanziert, versucht sie anhand der Waren auf dem Fließband die Kundschaft zu erraten. „Kinderschokolade, Cola-Kracher, Mitte Dreißig, Mutter, bisschen Assi.“ Meistens liegt sie richtig, aber natürlich ist auch Tildas Leben für Überaschungen gut.
Tildas Gedanken sind keine tiefsinnigen Betrachtungen, sondern sachliche Beobachtungen. Sie ordnen eine Welt, für deren Ordnung sie selbst zu sorgen hat. „Wir sind eine überwiegend intakte Familie“, hört man sie über ihre kleine Schwester Ida (Zoë Baier) denken. „Zu 66,67 Prozent.“ Tilda hat aufgerundet. Das restliche Drittel ist die akhoholkranke Mutter Andrea (Laura Tonke). Dass sie aufhören will zu trinken, glaubt Tilda längst nicht mehr: „Das hast du schon 17 Mal gesagt.“
Wut und Trauer
Tildas nüchterne Kommentare, die diesen Film als innerer Monolog begleiten, stammen aus der Buchvorlage von Caroline Wahl, die vor zwei Jahren mit ihrem Debütroman einen deutschsprachigen Bestseller landete. Perfekt getimt ist der Kinostart natürlich mit dem Termin von Wahls eben erschienenem Roman „Die Assistentin“, in dem sie autobiografisch inspiriert über ihren „Kackjob“ in einem Buchverlag schreibt. Mit „Windstärke 17“ bekam „22 Bahnen“ wenig überraschend bereits eine Fortsetzung, in der Ida als junge Frau ihre Kindheit „mit einem großen Klumpen aus Wut, Trauer und Schuld“ auf Rügen aufarbeitet.
Dass die Regisseurin Mia Maariel Meyer und die Drehbuchautorin Elena Hell mit ihrer Adaption nahe an der Vorlage bleiben, ist nachvollziehbar, aber bedauerlich. Denn „22 Bahnen“ hätte ein sozialkritischer Film werden können, vielleicht wie Meyers packendes Sozialdrama „Die Saat“, mit dem sie sich wohl als Regisseurin für „22 Bahnen“ ins Spiel brachte. Statt von einer Abwärtsspirale im Leben eines gekündigten Familienvaters und seiner gedemütigten Tochter erzählt „22 Bahnen“ allerdings eine Aufstiegsgeschichte. Denn für Tilda ist es höchste Zeit, dem familiären und finanziellen Elend zu entfliehen. Weshalb man „22 Bahnen“ trotz seiner „schwierigen“ Themen – Alkoholsucht, Care-Arbeit, Traumatisierung – mit demselben wohligen Gefühl verlässt, mit dem man auch Wahls Roman beendet hat. Nicht weil die Hoffnung angeblich zuletzt stirbt, sondern weil hier sozialer Missstand ausschließlich als Mittel zum Zweck verwendet und mit derselben oberflächlichlichen Aufmerksamkeit behandelt wird wie Tildas mathematische Begabung. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, denn Werktreue steht hoch im Kurs und schließlich geht es im Industriekino um Risikominimierung. Schade ist es doch.
Zarte Liebe
Bis auf einige zweckmäßige Verschiebungen bekommt man also ziemlich genau jene Bilder zu sehen, die man sich bei der Lektüre vorgestellt hat. Anhand wiederkehrender Schauplätze – Freibad, Supermarkt, Wohnung – ist Tildas Welt rasch illustriert: Die beste Freundin ist nach dem Abitur nach Berlin gezogen und ruft nie an, taucht zu Ferienbeginn aber plötzlich auf und will Spaß. Tilda ist wegen ihrer Schwester in der Provinz hängengeblieben und kocht Billignudeln, während die Mutter meistens verkatert auf der Couch schläft. Tilda nimmt die kleine Schwester, die unerklärlicherweise nur bei Regen ins Wasser möchte, mit ins Schwimmbad und bestärkt sie in ihrer Leidenschaft fürs Malen. Einmal stellt sich heraus, dass die betrunkene Mutter sich eine der Zeichnungen in den Mund gesteckt hat. Idas schrecklichster Moment.
Weil ein solches Szenario jedoch nur ein trister Zustand ist und noch keine Geschichte, kommt die Veränderung von außen: Tildas Matheprofessor stellt seiner begabten Studentin eine Promotionsstelle in Berlin in Aussicht, falls sie sich rechtzeitig bewirbt. Und der geheimnisvolle Viktor (Jannis Niewöhner), mit dessen jüngerem Bruder Tilda früher zu tun hatte, kehrt als reicher Mann in sein Heimatdorf zurück, um mit einem Ereignis abzuschließen, das auch auf Tilda traumatisch lastet. Eine zarte Liebesgeschichte zeichnet sich ab. Glücklicherweise strahlen Viktors Augen auf der Leinwand nicht so eisblau wie im Roman.
Kein Unglück
Das Erfolgrezept von „22 Bahnen“ wird auch im Kino funktionieren. Denn Tilda lässt sich von den prekären Verhältnissen und der familiären Bürde nicht unterkriegen, und selbst wenn zwischendurch für die Mutter mal der Notarzt gerufen werden muss, hat sie alles im Griff und wirkt die schwesterliche Erziehungsarbeit nahezu romantisch. Staatliche Fürsorge hat hier keinen Platz und würde dem Empowerment nur im Weg stehen: Um nach Berlin gehen zu können, schickt Tilda ihre Schwester auf den psychologischen Trimm-dich-Pfad. Zwischendurch wirkt dieser Film sogar wie eine Anleitung zum Glücklichwerden: Halte durch, lass das Unglück hinter dir und die alten Wunden heilen. Und wenn dir doch mal alles zuviel wird, geh auf die Wiese und brülle.
ab 4.9., Cinema Dornbirn, Cineplexx Hohenems, GUK Feldkirch