„Das letzte Band“ von Samuel Beckett fasziniert und verstört. (Fotos: Caro Stark)
Peter Füssl · 04. Sep 2025 · CD-Tipp

Folk Bitch Trio: Now Would Be A Good time

Die Australierinnen Gracie Sinclair, Jeanie Pilkington und Heide Peverelle kennen sich schon seit ihren Highschool-Tagen, machen seit fünf Jahren miteinander Musik und präsentieren nun in ihren frühen Zwanzigern beim prominenten US-Independent Label Jagjaguwar ein Debütalbum, das klassischen Folk-Liebhaber:innen ebenso gefallen dürfte wie Fans des zeitgenössischen Singer-Songwritings oder des Alternative Country. Als Einflüsse nennt das Trio aus Melbourne etwa Joni Mitchell, Aldous Harding, Marlon Williams, Wilco, Big Thief, Courtney Barnett, Gillian Welch oder Crosby, Stills, Nash & Young. An Letztere wird man angesichts der wunderschönen Gesangsharmonien, die trotz aller Perfektion auch etwas Raues und Ungeschliffenes, authentisch Wirkendes transportieren, schon nach den ersten paar Takten erinnert.

Untermalt werden die zehn Songs von akustischen Gitarren und E-Gitarren, reduzierten Drums und sparsam eingesetzten Streicherklängen – analog aufgenommen und produziert von Tom Healy in einem Studio in Neuseeland. Die Melodien gehen leicht ins Ohr, die Harmonien schmeicheln der Seele, die grundlegende Atmosphäre verstrahlt Wärme und Geborgenheit. Aber Vorsicht, wir haben es mit selbsternannten Bitches zu tun! Wie es der Bandname schon erahnen lässt, gibt es eine zweite Ebene. In den Texten lauert (Selbst-)Ironisches, Absurdes, Verwirrendes, Kryptisches und schlicht nicht Entschlüsselbares, auch wenn es sich vordergründig um Alltägliches, Liebes- und Trennungsgeschichten, oder die mitunter schwer fassbaren Verhältnisse handelt, in denen sich Twens im Zeitalter von Datenüberflutung in Internet und Social Media zurechtfinden müssen. Der Opener „God’s A Different Sword“ bedient sich einer biblischen Metapher und ergeht sich in einer Flut von Selbstzweifeln. In „Hotel TV“ hat die Protagonistin „einen schmutzigen Traum“ von einem anderen Mann, während sie neben ihrem unehrlichen Partner, zu dem die Liebe verblasst ist, im Bett liegt. Das mit Symbolen und Metaphern gespickte „The Actor“ handelt vom sich Hals-über-Kopf-Verlieben und wieder Entlieben, wenn einem der Partner nur noch wie ein billiger Schauspieler erscheint („Afternoon fuck and then a fight / When everybody’s listening“). In „Moth Song“ geht es darum, buchstäblich verrückt und paranoid zu werden angesichts unerwiderter Liebe. Auch in „Cathode Ray“ geht es um Verletzlichkeit, Selbstzweifel und Zukunftsängste („I need a real view / From a real cheap seat / Better late than dead on time“). Nicht weniger düster erscheinen der kryptische Text von „Foreign Bird“ („Staring down a foreign bird / Saying now would be a good time / To have a shotgun) und die Lyrics zu den verstörenden Liebesangelegenheiten in „That’s All She Wrote“ und in „Sarah“ („But where can I go, where can I go from here? / ‘Cause you’ve got my love underneath your heels“). Nur das finale „Mary’s Playing The Harp“ versprüht etwas Optimismus. Die einzige Fremdkomposition, das 1975 vom wenig bekannten Detroiter Singer-Songwriter und Gitarristen Ted Lucas veröffentlichte „I’ll Find A Way (To Carry It All)“ fügt sich in einer unter die Haut gehenden A cappella-Version nahtlos in das Konvolut der Folk Bitch Trio-Originals ein. Vor allem auch was die reizvolle Diskrepanz zwischen musikalischer und gesanglicher Schönheit auf der einen und den düsteren, verstörenden Lyrics auf der anderen Seite betrifft. Durchaus erhellend sind auch die Musikvideos des Folk Bitch Trios, die – im Vergleich mit den High-Tech-Möglichkeiten von heute – durch ihre handgemacht wirkenden 70-er Jahre-Settings und veralteten Aufnahmeverfahren wie schon vor Jahrzehnten aus der Zeit gefallen wirken. Retro, schön und verblüffend!

(Jagjaguwar)