Neu in den Kinos: „Teaches of Peaches" Musikdoku des gebürtigen Vorarlbergers Philipp Fussenegger (Foto: Avanti Media Fiction)
Peter Füssl · 12. Mai 2024 · Tanz

Nederlands Dans Theater 2: originell, athletisch und witzig

Begeisterungsstürme für die renommierte junge Compagnie beim „Bregenzer Frühling“

Keine andere Compagnie war schon so oft zu Gast beim „Bregenzer Frühling“ wie das Nederlands Dans Theater 2, das aus Tänzer:innen im Alter zwischen 17 und 22 Jahren besteht. Zwar wurde es 1978 als eine Art Talenteschmiede des Nederlands Dans Theater gegründet, hat sich seither aber mit einer ganzen Reihe eigenwilliger und exzellenter Produktionen einen hervorragenden Ruf ertanzt, der weit über den Status eines jugendlichen Experimentierclubs hinausgeht. Die drei im Bregenzer Festspielhaus gezeigten Stücke – darunter der sein 25-Jahre-Jubiläum feiernde Klassiker „Minus 16“ von Ohad Naharin – stellten das einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis.

„Bedtime Story“ von Nadav Zelner

Aber schön der Reihe nach, denn das fabelhafte Stück des legendären Choreographen stand ganz am Ende des Programms, als genialer Rausschmeißer, den es seit 1999 abgibt. Den Auftakt des Abends bestritt mit Nadav Zelner der erst 32-jährige und somit jüngste Choreograph des Abends – und er feuerte mit „Bedtime Story“ gleich einmal eine Breitseite in Sachen zeitgenössischer Tanz ab. Wer sich angesichts des Titels eine betuliche Gute-Nacht-Geschichte erwartet hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt, denn hier erwiesen sich die Schläfer:innen als ausgesprochen hyperaktiv. Ein Großteil der 22 Minuten Spieldauer war durch eine unglaubliche Rasanz und eine höchst individuelle, oftmals auf humorvolle Weise absurd wirkende Bewegungssprache geprägt, deren Vokabular weit über den normalen Kanon dieses ohnehin ausgesprochen experimentierfreudigen Genres hinausgeht. Die alles andere als nachtschweren Akteur:innen stellten sich in traumartigen Sequenzen – es geht um den kurzen Moment zwischen Schlaf und Wachsein – den nächtlichen Ängsten ihrer Kindheit und packten sie sozusagen an den Hörnern – etwa eine riesigen Schlange, die sich tatsächlich heranschlängelte, aber mühelos entschärft wurde. Der unglaublich mitreißende, aus nahöstlicher Musik zusammengemischte Soundtrack – unter anderem mit der syrischen Sängerin Rouaida Atia, dem Libanesen André Hajj oder dem saudiarabischen Sänger Mohammed Abdu – schien die 15 Tänzer:innen zu beflügeln, die die detailreichen, ultraschnellen, akrobatischen, ruckartigen, spannungsgeladenen und mit Sicherheit kräfteraubenden Bewegungsabläufe solo, zu zweit und in Gruppen mit spielerischer Leichtigkeit bewältigten und dazu auch noch locker grimassierten. Einen faszinierenderen Auftakt als „Bedtime Story“ hätte man sich für diesen Abend nicht vorstellen können – das 2021 uraufgeführte Stück hat alles, was ein All-Time-Klassiker braucht!

„Ten Duets on a Theme of Rescue“ von Crystal Pite

Die kanadische Tänzerin und Choreographin Crystal Pite (geb. 1970) lernte beim Ballet British Columbia, wurde in den 1990-er Jahren unter William Forsythes beim Ballet Frankfurt bekannt und gründete 2001 in Vancouver ihre eigene Tanzkompagnie Kidd Pivot. Die „Ten Duets on a Theme of Rescue“ hatte sie bereits 2008 für das Cedar Lake Contemporary Ballet In New York choreographiert und seit demselben Jahr steuerte sie auch Choreographien zum Nederlands Dans Theater bei. Dort gingen die „Ten Duetes“ aber trotzdem erst 2023 erstmals über die Bühne.  Drei Tänzerinnen und zwei Tänzer handeln in intimen Duetten zum Ambient-artigen Electronic-Soundtrack von Cliff Martinez ein breites Spektrum an Emotionen ab. Am Schluss eines jeden der kurzen, teils energiegeladenen, teils nachdenklichen Pas de deux bleibt ein Akteur auf der Bühne zurück und ein neuer kommt dazu, bis nach einer Viertelstunde die zehn eher etwas düster oder melancholisch wirkenden Blitzlichter zum Thema „Errettung“, die auch zu einer Art Beziehungsbildern werden, abgehandelt sind. Eine durchaus spannende Produktion, die gleichzeitig auch als ein die Szenerie in positiver Weise etwas beruhigender Puffer zwischen „Bedtime Story“ und „Minus 16“ fungierte, zwei echten Krachern.  

„Minus 16“ von Ohad Naharin

Wäre „Minus 16“ ein Musikstück, würde man es wohl einen Evergreen nennen, denn die vor 25 Jahren vom Nederlands Dans Theater 2 uraufgeführte und mittlerweile von zahlreichen Compagnien in aller Welt übernommene Choreographie hat nichts an tänzerischer Brillanz, selbstironischem Witz und exzellentem Unterhaltungswert eingebüßt. Es ist eine gute halbe Stunde purer Lebensfreude, die der israelische Tänzer und Choreograph Ohad Naharin den Tanz-Fans in aller Welt geschenkt hat. Hier treibt er seine als langjähriger Leiter der Basheva Dance Company in Tel Aviv erarbeitete Gaga-Technik, die die individuellen Fähigkeiten der Tänzer:innen perfekt ins Lampenlicht rückt, zur Perfektion. Den Start machte ein Solist, der bei voller Saalbeleuchtung ein witziges, mit akrobatischen, teils halsbrecherischen Kunststücken aller Art gespicktes Programm ablieferte, während das Publikum aus der Pause zurückkam und – über das Gebotene staunend – wieder seine Plätze einnahm. Im selben Tonfall ging es dann weiter, als witzige  Nummernrevue zu Musik von Dean Martin, Laurindo Almeida & The Bossa Nova All-Stars, Luis Oliveira And His Bandodalua Boys, der israelischen Rockband The Tractor’s Revenge, der deutschen DJane Marusha und einer weiteren Handvoll unterhaltungsträchtiger Musiklieferanten. 15 Tänzer:innen tanzten einen skurrilen Mambo, als ob sie von Stromschlägen gepeinigt wären. Darauf folgte „Hava Nagila“ im Schnellzugtempo und dann ein Sesseltanz der Extraklasse. Die Stühle waren im Halbkreis aufgestellt und die Akteur:innen vollführten zum „Chair Dance (Echad mi Yodeah)“ von The Tractor’s Revenge & Ohad Naharin die wildesten Verrenkungen, die beim letzten Tänzer immer in einem schonungslosen Bauchfleck endeten. Dann bekamen einzelne Tänzer:innen ihre Solo-Auftritt, während sie vom Band gesprochen besondere Einblicke in ihre Lebensgeschichten gaben. Jeder Bestandteil dieser Choreographie hat seinen ganz besonderen Reiz, manche sind auch eine Art „Best of“ aus dem Stück „Deca Dance“, das Ohad Naharin für die Basheva Dance Company geschrieben hatte. Zum Schluss wurde noch versucht, die Bewegungsfreude aufs Publikum zu übertragen. Die Tänzer:innen strömten in den Zuschauerraum aus und holten sich ihre Tanzpartnerinnen, um mit ihnen einen wilden Cha-Cha-Cha aufs Parkett zu legen. Das hatte schon 2010, als „Minus 16“ erstmals beim „Bregenzer Frühling“ zu sehen war, perfekt funktioniert und löste auch heuer zum 25 Jahre-Jubiläum wieder wie erwartet Begeisterungsstürme aus. Vom Nederlands Dans Theater können Tanz-Fans nie genug bekommen!

Weitere Programmpunkte beim „Bregenzer Frühling“ 2024:
Sa, 18.5.24 Igor Levit/Richard Siegal/Ballet of Difference am Schauspiel Köln: “The People United” (UA)
ab Do, 16.5.24 aktionstheater ensemble: “All About Me – Kein Leben nach mir” (UA)
www.bregenzerfruehling.com