Belastende Pressekonferenzen und TV-Duelle (Foto: TFCITD)
Silvia Thurner · 13. Okt 2026 · Musik

Musikalische Zeitreisen zwischen Mozart und Herbert Willi

Ein starker Einstand in die neue Saison

Mit drei Kompositionen von Herbert Willi setzte die Abonnementreihe Dornbirn Klassik zum Saisonauftakt einen Akzent für das zeitgenössische Musikschaffen. Das Klangkollektiv Wien unter der Leitung von Rémy Ballot interpretierte die Werke des im Montafon lebenden Künstlers. Anfang des Jahres hat Herbert Willi seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. In den Soloparts des Werkes „… geraume Zeit …“ begeisterten der Flötist Karl-Heinz Schütz und der Oboist Hansjörg Schellenberger. Das für Herbert Willi ebenso bedeutende Werk „Kairos im Kronos“ lenkte durch die sensible Ausgestaltung die Aufmerksamkeit auf sich. Die neueste Komposition „Liebesfest“ stammt aus einem zehnteiligen Zyklus und entsprach mit ihren einander umschlingenden Tonlinien ganz dem Werktitel. Den Rahmen bildeten Kompositionen von W. A. Mozart, die das Klangkollektiv Wien in eher gemächlich-zurückhaltendem Duktus musizierte.

Herbert Willis Kompositionen leben von einer großen inneren Spannkraft, die die musikalische Zeit und die Stille stets mitbedenkt. Daraus erheben sich monumentale Klangtürme, deren spezifische Instrumentation ihnen schillernde musikalische Kraft verleiht. Zudem werden rhythmische Bewegungsmuster abgebildet, die in sich höchst komplex verflochten sind und deren einzelne Pattern markant ineinandergreifen. All diese Spezifika stellen an die Ausführenden große Anforderungen. Umso erfreulicher war die Ankündigung dieser Kompositionen im Rahmen des Abonnements im Kulturhaus Dornbirn.
Das Klangkollektiv Wien unter der Leitung des Orchestergründers Rémy Ballot musizierte im Dornbirner Kulturhaus mit einem in sich abgerundeten Gesamtklang. Allerdings blieben die höheren Stimmlagen klanglich eher im Hintergrund, sodass die tieferen Stimmenregister den Orchesterklang prägten. Der Orchesterklang wirkte insgesamt erdig und satt, teilweise fehlte jedoch ein obertonreicher Glanz. Rémy Ballot dirigierte mit klarer Geste und überließ den Musiker:innen auch Eigenverantwortung.
Das groß besetzte Orchesterwerk „… geraume Zeit …“ stammt aus dem Zyklus „Montafon“ und ist als monumentales musikalisches Sinnbild für das Silvrettagebiet und das dortige Gletschergebiet zu verstehen. Im Mittelpunkt der Aufführung standen der Flötist Karl-Heinz Schütz und der Oboist Hansjörg Schellenberger, die die Soloparts emphatisch gestalteten. Beide kennen den Komponisten und seine Kompositionsart bereits seit vielen Jahren. Diese Verbundenheit war in der Interpretation zu spüren. Es ist die große Kunst von Karl-Heinz Schütz, einen Ton von innen heraus zu beleben. Genau diese Qualität kam auch in seinem Solopart voll zur Geltung. Hansjörg Schellenberger musizierte mit ebenso vielschichtiger Tongebung und Gestaltungskraft. Das Orchester war den Solisten ein aufmerksamer Partner und agierte energiegeladen. Doch insbesondere die komplexen rhythmischen Passagen verlangten den Orchestermitgliedern viel ab.
„Kairos im Kronos“ erklang in der Fassung für Violine, Viola, Violoncello und Orchester. In allen vier Abschnitten des Werkes kristallisierten die Musiker:innen die Wesenszüge der einzelnen Teile rund um das Ausgangszitat, ein Fragment von W. A. Mozart, transparent heraus. Prägnant stellte das Klangkollektiv Wien den pulsierend lebendigen musikalischen Charakter mit Jazzharmonik im dritten Abschnitt dar. Einen großen Gegensatz dazu bildete der vierte Teil, in dem die Zeit als Kontinuum beschrieben wurde. Die in sich ruhenden Intervalle spielte das Streichorchester schlüssig aus und führte die musikalischen Linien in den offenen Schluss.
„Liebesfest“ stammt aus dem zehnteiligen Zyklus „Celebrate“. Dem Titel entsprechend sind die melodischen Linien in einer groß angelegten Pendelbewegung gut proportioniert miteinander verwoben. Das Klangkollektiv Wien und Rémy Ballot gestalteten die musikalischen Charaktereigenschaften mit einem gemeinsamen Atem aus.
Den Rahmen für Herbert Willis Kompositionen bildeten Mozarts Ouvertüre „Die Zauberflöte“ (KV 620) sowie die berühmte Haffner-Sinfonie (KV 385). In diesen Werkdeutungen kam der musikalische Zugang des Dirigenten zur Aufführungspraxis zur Geltung. Das Orchester spielte die Themen transparent aus und gab ihnen die notwendige Zeit. Eher zurückhaltende Tempi ließen die Themenführungen hervortreten. Sie nahmen Mozarts Musik jedoch mitunter etwas von ihrem typischen Überraschungspotenzial.