Enzo Favata: Ritornare
ECM begleitet seine exzellenten Musiker:innen oft über lange Karrierestrecken hinweg und macht die diversen Stationen ihrer künstlerischen Entwicklung erlebbar und nachvollziehbar. So hat sich das Münchner Label in bald 60 Jahren ein beachtliches „Stammpersonal“ zugelegt, was es umso besonderer macht, wenn wieder einmal völlig neue Namen auftauchen. Ganz besonders, wenn es sich nicht um Newcomer handelt, sondern um das seit 1999 bestehende Atlantico-Quintet, dessen Musiker alle schon längst zur ersten Liga des italienischen Jazz zählen und sich auch international eines beachtlichen Renommees erfreuen.
Enzo Favata, der im Laufe der Zeit immer wieder in unterschiedlichen Projekten mit dem Gitarristen Marcello Peghin, dem Bandoneonisten Daniele di Bonaventura, dem Kontrabassisten Salvatore Maltana oder dem Drummer U. T. Gandhi zusammengespielt hat. (Letzterer verfügt übrigens als einziger über ECM-Erfahrung, weil er 2008 schon auf dem Trio-Album „Melos“ mit der Cellistin Anja Lechner und dem Pianisten Vassilis Tsabropoulos zu hören war.) Die Herren verstehen unglaublich viel von gefangennehmenden Melodien, packenden Rhythmen, von mitreißender Lebensenergie, die stets gepaart mit sehnsuchtsvoller Melancholie ist, von harmonischen Ruheinseln und dramatischen Entwicklungen. Man riecht förmlich den Atlantik, dessen kulturelle Verflechtungen sich in den musikalischen Ingredienzien widerspiegeln: von den unterschiedlichen mediterranen Traditionen im Allgemeinen und den süditalienischen im Speziellen bis hin zu argentinischen Einflüssen und den Inspirationen südamerikanischer Autoren wie Jorge Luis Borges oder Gabriel García Márquez, deren magischer Realismus atmosphärisch in der Musik spürbar wird. Denn in diesen Regionen war das Atlantico-Quintet vor 25 Jahren mit seinem erfolgreichen Debütalbum auf zahlreichen Tourneen unterwegs.
Nach einer sehr langen Ruhepause ist diese höchst emotionale, farbenreiche Welt, in der sich traditionelle Weltmusik, Jazzimprovisationen und kammermusikalische Herangehensweisen ideal verbinden, mit „Ritornare“ auf beeindruckende Weise wieder auf die musikalische Bildfläche zurückgekehrt. Maltana und Gandhi sorgen auf subtile, soundfarbenreiche Weise für die packenden Rhythmen. Enzo Favatas Linien auf dem Sopransaxophon und der Klarinette schmeicheln sich ins Ohr und entwickeln eine hypnotische Wirkung, der man sich nicht entziehen mag. Wenn man sich mit seiner Biographie beschäftigt, stößt man auf Kooperationen mit so unterschiedlichen Künstler:innen wie Dino Saluzzi, dem Art Ensemble of Chicago, Mulatu Astatke, Enrico Rava, Django Bates, Omar Sosa, Anja Lechner oder Lester Bowie – das macht deutlich, mit welch einem vielseitigen Kaliber wir es hier zu tun haben, wenngleich er beim „Ritornare“-Projekt auf Avantgardistisches und elektronische Experimente verzichtet. Daniele di Bonaventura trägt mit seiner großen Palette an Klangfarben viel Atmosphärisches bei und brilliert auch solistisch. Dasselbe lässt sich von Marcello Peghin behaupten, der auf seiner seltenen, 10-saitigen Gitarre eine ganz spezielle Spielweise entwickelt hat und damit nicht nur im Jazz- und World-Music-Sektor schon einiges Aufsehen erregte, sondern auch unter den Klassikern – etwa mit seinen Transkriptionen von J. S. Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“ oder den „Goldberg-Variationen“. Favata, Bonaventura und Peghin zeichnen auch für die acht Eigenkompositionen verantwortlich, die stilistisch wie aus einem Guss wirken und den Akteuren auf den Leib geschrieben sind. Ein wundervolles Album für alle Fans exquisiter Jazz-Worldmusic-Fusionen!
(ECM/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.