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28.07.2022 |  Silvia Thurner

Wie kann man wissen, ob man ein Mensch ist? – Johannes Kalitzkes Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ war ein durchdringendes Klang- und Bühnenerlebnis

Als Koproduktion mit den Schwetzinger SWR Festspielen war nach der Uraufführung im vergangenen Mai nun bei den Bregenzer Festspielen die österreichische Erstaufführung der Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ des deutschen Komponisten Johannes Kalitzke zu erleben. Erzählt wird eine Geschichte mit katastrophalen Folgen. Zwei vertauschte Kinder, die Bigotterie und der Ordnungszwang der Gesellschaft lösen traumatische Verlusterfahrungen aus. Kalitzkes eindrückliche Musik, die herausragenden Sänger:innen, allen voran Iurii Iushkevich, und die fantasievolle Inszenierung von Christoph Werner mit Filmprojektionen von Conny Klar führten unmittelbar in den Handlungsverlauf hinein. Ein essentieller Kernpunkt der Produktion waren die als Alter Ego der Kinder mitspielenden Puppen, die eine zusätzliche Erlebnisebene einbrachten.

Johannes Kalitzke hat im Hinblick auf groß angelegte Bühnenwerke viel Erfahrung. „Kapitän Nemos Bibliothek“ ist bereits die siebente Oper des renommierten, in Wien lebenden Komponisten. Überdies bringt er durch seine intensive Tätigkeit als Dirigent zeitgenössischer Musik eine maßgebliche Qualifikation mit. Er weiß genau, mit welchen kompositorischen Stilmitteln komplexe musiktheatralische Erlebnisebenen durchleuchtet sein sollten, um eine größtmögliche Wirkung zu erzielen. Die vielseitige Instrumentierung mit Akkordeon, E-Gitarre, Celesta, Viola, Violoncello, Kontrabass sowie Basssaxophon, Posaune und viel Perkussion bot ein weites klangfarbliches Spektrum. Darüber hinaus erhielt die Musik mit den subtil eingesetzten Electronics eine zusätzliche Dimension.

Gut nachvollziehbarer Aufbau

Gut strukturiert wurde die Geschichte nach dem gleichnamigen Roman von Per Olov Enquist (Libretto von Julia Hochstenbach) in vier dramatischen Teilen nacherzählt. Die Nautilus und die dort befindliche Bibliothek des Kapitän Nemo boten in fünf Sequenzen Raum und Zeit für die Reflexionen der Protagonisten. Kalitzkes Musik verkörperte mittels feinsinnig verwobener Klangflächen diese Fantasiewelt transparent nachvollziehbar. Unterstützt wurde das kuppelförmige Bühnenbild durch die projizierten Videos von Conny Klar, die die jeweiligen Sinnzusammenhänge fantasievoll und mit schönen Bildern zur Geltung brachten.

Herausragende Hauptdarsteller und lebensechte Puppen

Das Ungewöhnliche an Kalitzkes Oper waren zwei lebensecht gefertigte Puppen (Puppenbau: Louise Nowitzki). Sie agierten als Alter Ego der beiden Protagonisten „Ich“ und „Johannes“ und erlaubten Rückblenden der jungen Erwachsenen in die traumatischen Ereignisse in ihrer Kindheit. Außergewöhnlich und beeindruckend agierten die vier Puppenspieler:innen Ines Heinrich-Frank, Franziska Rattay, Lars Frank und Nico Parisius.
Im Mittelpunkt der intensiven Darbietung stand der russische Countersopran Iurii Iushkevich. Seinen Part als „Ich“ füllte er mit einem Höchstmaß an musikalischer Ausdruckskraft und einer bewundernswert geführten Sopranstimme aus. Von seiner Performance lebte schließlich ein Gutteil der Aufführung, denn der erst 24-Jährige wirkte vom ersten bis zum letzten Ton authentisch. Nicht weniger beeindruckend verkörperte die deutsche Sopranistin Johanna Zimmer ihre Rolle als „Johannes“. Das direkte Zusammenwirken des Countersoprans und der Sopranistin ergaben überdies in dieser Weise noch nie gehörte klangliche Anreize.
Mit großer sängerischer und schauspielerischer Aussage gestaltete die Altistin Noa Frenkel ihre Doppelrolle als Josefina und Alfild. Eindrücklich stellte sie die Mütter der Kinder mit ihrer Körpersprache und Stimmführung dar: einesteils die psychisch kranke Alfild und andernteils die sprachlos scheiternde, kaltherzige Josefina. Auch Reuben Willcox (als Sven Hedmann und Pastor) und Rinnat Moriah (als Eva-Lisa) füllten ihre Rollen überzeugend aus.
Einzig das Schicksal der schwangeren Eva-Lisa, die auf der Bühne eine Fehlgeburt erleidet, kam meiner Wahrnehmung nach etwas plakativ über die Rampe und die mit einem Auge und blinkenden Lichtern markierten Sprachsequenzen des Kapitän Nemo wirkten etwas einfallslos.

Ensemble Modern spielte mit großer Aussagekraft

Die Musiker:innen des Ensemble Modern unter der Leitung von Johannes Kalitzke formten die kleingliedrig aufgebaute Musik bewundernswert plastisch aus. Aus vielfältig verarbeiteten Tonfloskeln entwickelten sie facettenreiche Zustandsbeschreibungen und führten den Klangfluss gut proportioniert zu mächtig sich aufbäumenden Klangaggregaten. So kamen alle emotionalen Erzählebenen hervorragend zur Geltung.
Die Darbietung der österreichischen Erstaufführung von Johannes Kalitzkes „Kapitän Nemos Bibliothek“ war vielschichtig angelegt und entfaltete als Ganzes eine intensive und kurzweilige Sogwirkung.

Weitere Vorstellung:
Freitag, 29.7.2022, 20 Uhr, Werkstattbühne des Bregenzer Festspielhauses; Einführung um 19.15 Uhr

Die siebente Oper des Komponisten Johannes Kalitzke stellte vor dem Hintergrund der tragischen Geschichte zweier Kinder, die kurz nach ihrer Geburt vertauscht worden sind, essentielle Fragen. Als Alter Ego der beiden jungen Erwachsenen (Iurii Iushkevich und Johanna Zimmer) waren zwei lebensechte Puppen in Aktion. (Fotos: Anja Köhler)

Die siebente Oper des Komponisten Johannes Kalitzke stellte vor dem Hintergrund der tragischen Geschichte zweier Kinder, die kurz nach ihrer Geburt vertauscht worden sind, essentielle Fragen. Als Alter Ego der beiden jungen Erwachsenen (Iurii Iushkevich und Johanna Zimmer) waren zwei lebensechte Puppen in Aktion. (Fotos: Anja Köhler)

Das Ensemble Modern und die Sänger:innen unter der Leitung des Komponisten brachten die traumatischen Begebenheiten innerhalb einer bigotten Gesellschaftsordnung musikalisch hervorragend zum Ausdruck.

Das Ensemble Modern und die Sänger:innen unter der Leitung des Komponisten brachten die traumatischen Begebenheiten innerhalb einer bigotten Gesellschaftsordnung musikalisch hervorragend zum Ausdruck.

Die Glaskuppel als Raum für Wirklichkeit und Fantasie bot im Zusammenspiel mit den Filmprojektionen von Conny Klar ideale Möglichkeiten, um die Sinnzusammenhänge zu verdeutlichen.

Die Glaskuppel als Raum für Wirklichkeit und Fantasie bot im Zusammenspiel mit den Filmprojektionen von Conny Klar ideale Möglichkeiten, um die Sinnzusammenhänge zu verdeutlichen.

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  • Die siebente Oper des Komponisten Johannes Kalitzke stellte vor dem Hintergrund der tragischen Geschichte zweier Kinder, die kurz nach ihrer Geburt vertauscht worden sind, essentielle Fragen. Als Alter Ego der beiden jungen Erwachsenen (Iurii Iushkevich und Johanna Zimmer) waren zwei lebensechte Puppen in Aktion. (Fotos: Anja Köhler) Die siebente Oper des Komponisten Johannes Kalitzke stellte vor dem Hintergrund der tragischen Geschichte zweier Kinder, die kurz nach ihrer Geburt vertauscht worden sind, essentielle Fragen. Als Alter Ego der beiden jungen Erwachsenen (Iurii Iushkevich und Johanna Zimmer) waren zwei lebensechte Puppen in Aktion. (Fotos: Anja Köhler)
  • Das Ensemble Modern und die Sänger:innen unter der Leitung des Komponisten brachten die traumatischen Begebenheiten innerhalb einer bigotten Gesellschaftsordnung musikalisch hervorragend zum Ausdruck. Das Ensemble Modern und die Sänger:innen unter der Leitung des Komponisten brachten die traumatischen Begebenheiten innerhalb einer bigotten Gesellschaftsordnung musikalisch hervorragend zum Ausdruck.
  • Die Glaskuppel als Raum für Wirklichkeit und Fantasie bot im Zusammenspiel mit den Filmprojektionen von Conny Klar ideale Möglichkeiten, um die Sinnzusammenhänge zu verdeutlichen. Die Glaskuppel als Raum für Wirklichkeit und Fantasie bot im Zusammenspiel mit den Filmprojektionen von Conny Klar ideale Möglichkeiten, um die Sinnzusammenhänge zu verdeutlichen.