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04.04.2019 |  Fritz Jurmann

„Rigoletto“-Richtfest am See: Ein Kopf und viele Ideen

Die Hinterbühne der im Aufbau befindlichen Seebühne für die heurige Opernproduktion „Rigoletto“ war am Mittwochnachmittag der einzig mögliche Schauplatz für ein „Richtfest“, wie es ein Bauherr üblicherweise ausrichtet und wie es auch bei den Bregenzer Festspielen alle zwei Jahre zur Tradition geworden ist, wenn neue Bühnenaufbauten am See entstehen. Zahlreiche Berichterstatter aus der Region, Kamerateams, Fotografen, Leute von der schreibenden Zunft und Mitglieder des Vereins der Freunde der Bregenzer Festspiele nützten die Gelegenheit, inmitten von Hydraulik und Kabelsträngen bei angenehm milden Temperaturen den berühmten „Blick hinter die Kulissen“ zu erhaschen.

Während vor zwei Jahren zu diesem Anlass bei „Carmen“ dazu noch eigens die attraktive britische Bühnendesignerin Es Devlin eingeflogen worden war und einigen Starglanz ins triste Technikgewirr brachte, standen diesmal die monumentale Bühne selbst und das Leading Team der Produktion im Mittelpunkt. Dieses hatte sich wie die Orgelpfeifen auf einer Treppe postiert, die hinauf führte zum alles dominierenden Clownskopf. Alle waren sie ausgestattet mit knallblauen Sicherheitshelmen – immerhin gilt der gesamte Bereich ja noch als Baustelle.

Sänger müssen schwindelfrei sein

Das soll sich ändern, wenn ab der zweiten Juniwoche dort die Probenarbeiten beginnen, zunächst mit den Sängern, die mit hohen Tönen auch die hohen Lagen der Bühne bespielen und darum schwindelfrei sein, Wind und Regen trotzen und zudem schwimmen können müssen. Die Premiere ist für 17. Juli angesetzt, darauf folgen weitere 26 Aufführungen bis 18. August. Rund zwei Drittel der insgesamt 192.000 Karten sind bis jetzt abgesetzt, wenn es auch für alle Vorstellungen noch Tickets gibt. Das Interesse für Verdis „Rigoletto“ ist also entsprechend groß.
Umso mehr, weil diese Oper, auch zum Erstaunen vieler altgedienter Festspielbesucher, heuer zum ersten Mal in der 73-jährigen Festivalgeschichte auf dem See zu erleben sein wird. Warum das so ist, konnte der top vorbereitete Pressesprecher Axel Renner auch von Intendantin Elisabeth Sobotka nicht erfahren, die immerhin das Risiko dieser Entscheidung von enormer künstlerischer und kommerzieller Tragweite auf zwei Jahre hinaus für ihr Festival auf sich genommen hat. Der garantierte Hitcharakter der Arie „La donna è mobile“ allein (in der deutschen Übersetzung: „Ach, wie so trügerisch sind Frauenherzen“) wird freilich nicht genügen, um dieses „knappe, knackige Stück mit einer unglaublichen Dramaturgie“, wie es Sobotka nannte, für ein Massenpublikum zwei Stunden lang tragfähig zu machen. Es ist für sie auch der extreme Stoff, der alle menschlichen Regungen von düster und grausam bis lustig beinhaltet. „In dieser Komprimierung all dieser Elemente liegt die große Kraft dieser Oper, die sich damit perfekt für die Seebühne eignet“, so Sobotka.

Erfahrener Opern- und Filmregisseur

Um ein Werk wie „Rigoletto“, das ohne große Massenszenen und Chöre auskommen muss, für den See zu adaptieren, bedarf es eines erfahrenen Opern- und Filmregisseurs wie des heuer hier debütierenden Münchners Philipp Stölzl, der zusammen mit Heike Vollmer auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet und bereits für Madonna Videos produziert hat. Er hat damals auch spontan zugesagt, als vor drei Jahren das Angebot aus Bregenz kam.
Stölzl heute: „Angesichts meines nun Wirklichkeit gewordenen Bühnenbildes bin ich im Moment fast etwas berührt und kann es kaum erwarten, dass wir das nun gemeinsam zum Leben erwecken, was wir in einem kollektiven Planungsprozess mit den Festspielen mit unglaublich viel Mühe und Liebe entwickelt haben“, meinte Stölzl. Für ihn ist „Rigoletto“ ein wahnsinniger Reißer mit tollen Figuren und tollen Hits, aber auch eher ein Kammerspiel, das in einer sorgfältig erarbeiteten Lösung erzählt werden muss.   

Alle brennen für eine Sache

Stölzl fühlt sich dabei absolut privilegiert und ernstgenommen: „Hier arbeiten alle, quer durch alle Hierarchien, an einer Sache und brennen dafür mit einer Leidenschaft, die bei jedem Menschen hier spürbar ist. Ich fühle mich da fast wie in Oberammergau, die nach einem Gelübde auch immer wieder etwas Tolles erschaffen.“ Und hat damit die Lacher im Publikum auf seiner Seite. Und da schimmern bei ihm in den weiteren Gesprächen bereits genügend Ideen und spektakuläre Vorhaben bei der geplanten Umsetzung durch, die auch heuer den längst zur Qualitätsmaxime gewordenen Spagat zwischen großem, intelligent aufgezogenem Opernereignis für die Freaks und einem schillernden Spektakel mit Breitenwirkung für die eher opernfernen Massen erwarten lassen.
Dazu gehört einmal das Bühnenbild, das zum zweiten Mal in den letzten Jahren nach Giordanos „André Chénier“ von 2011/12 von einem übermächtigen menschlichen Kopf dominiert wird. Schon jetzt, im Rohzustand, ist erkennbar, dass es sich um einen Clown handelt, mit einem vieldeutig sphinxhaften Lächeln ausgestattet, der die gedanklich etwas weit gespannte Analogie zur Funktion der Titelfigur als Hofnarr herstellen soll.

Handlung spielt im Zirkusmilieu

Entsprechend ist geplant, auch die Handlung am See im Zirkusmilieu anzusiedeln, soviel war bis jetzt zu erfahren. Auch, dass die beiden eher statischen und durch viel Elektronik und Videozuspielungen lebendig gehaltenen letzten beiden Bühnenbilder für „Turandot“ und „Carmen“ am See nun von Bühnenelementen wie diesem Kopf und Händen abgelöst werden sollen, die wieder, dank komplizierter Technik, aus sich heraus beweglich und zu verschiedenen Aktionen fähig sein sollen.
Die gesamte Bühnenkonstruktion wiegt etwa 175 Tonnen, sie ruht auf insgesamt 119 Holz- oder Stahlpfählen, sogenannten „Piloten“, im Seeboden. Allein der Kopf misst in der Höhe 14 Meter. 46 Technikfirmen, der Großteil aus Vorarlberg, waren seit langem an der Konstruktion und Umsetzung dieser gigantischen, rund acht Millionen Euro teuren Bühnenskulptur beteiligt, die für zwei Jahre zum äußeren Symbol der Bregenzer Festspiele werden wird.

Details und Tickets unter www.bregenzerfestspiele.com

Mit modischem Kopfschutz auf der Seebühnen-Baustelle: Intendantin Elisabeth Sobotka und Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl

Mit modischem Kopfschutz auf der Seebühnen-Baustelle: Intendantin Elisabeth Sobotka und Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl

Der monumentale Clownskopf auf der Seebühne nimmt Gestalt an und wird dank Hydraulik später auch zum Leben erweckt

Der monumentale Clownskopf auf der Seebühne nimmt Gestalt an und wird dank Hydraulik später auch zum Leben erweckt

Wie die Orgelpfeifen: Pressesprecher Axel Renner (ganz links) mit Leading Team und Technik-Mitarbeitern der Festspiele

Wie die Orgelpfeifen: Pressesprecher Axel Renner (ganz links) mit Leading Team und Technik-Mitarbeitern der Festspiele

Der „Blick hinter die Kulissen“ vor der Premiere löste großes Medieninteresse aus (alle Fotos: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)

Der „Blick hinter die Kulissen“ vor der Premiere löste großes Medieninteresse aus (alle Fotos: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)

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  • Mit modischem Kopfschutz auf der Seebühnen-Baustelle: Intendantin Elisabeth Sobotka und Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl Mit modischem Kopfschutz auf der Seebühnen-Baustelle: Intendantin Elisabeth Sobotka und Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl
  • Der monumentale Clownskopf auf der Seebühne nimmt Gestalt an und wird dank Hydraulik später auch zum Leben erweckt Der monumentale Clownskopf auf der Seebühne nimmt Gestalt an und wird dank Hydraulik später auch zum Leben erweckt
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  • Der „Blick hinter die Kulissen“ vor der Premiere löste großes Medieninteresse aus (alle Fotos: Bregenzer Festspiele/Karl Forster) Der „Blick hinter die Kulissen“ vor der Premiere löste großes Medieninteresse aus (alle Fotos: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)