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04.04.2019 |  Peter Füssl

BartolemeyBittmann: Dynamo

Wer sich angesichts der Besetzung Cello und Violine/Mandola stimmungsvolle Geruhsamkeit und akademische Ernsthaftigkeit erwartet, wird vom umwerfenden Elan dieses explosiven Saitengespanns glatt weggeblasen – pardon: weggestrichen. Nicht dass es etwa an Ernsthaftigkeit fehlen würde, aber die vor sechs Jahren von Matthias Bartolomey und Klemens Bittmann – beides hoch angesehene Mitglieder der österreichischen Streicheravantgarde – gestartete Suche nach bislang Ungehörtem für diese außergewöhnliche Duokonstellation förderte viel Überraschendes zutage. Zuerst zu hören auf den 2015 beim österreichischen Label Preiser Records erschienenen Alben „Meridian“ und „Neubau“ und nun perfektioniert, aber immer noch voller Ecken und Kanten auf dem Debüt beim renommierten Münchner Label ACT.

So wird bei „Neptun“ selbst die Herzfrequenz hartgesottener Rock-Fans in die Höhe schnellen, ebenso beim teilweise schon orkanartigen, jedenfalls unberechenbaren „Föhn“, dem zuletzt nur noch mittels Vokalartistik beizukommen ist. Dem rhythmisch lässig akzentuierten „Krystallos“ ist ein Michael Köhlmeier-Zitat beigefügt: „Gut, dass hier keine Sonne scheint. Denn niemand soll seh’n, dass der Riese weint“ („Das Lied von den Riesen“). Das besinnliche, aber durchaus spannungsreiche „Haim“ ist der „Neinstimme von Altaussee“ Maria Haim gewidmet, die bei der Volksabstimmung am 10.4.1938 als einzige in ihrem Ort gegen den „Anschluss“ an Nazi-Deutschland stimmte – solch eine Hommage ist im heutigen Österreich, wo sich vor den letzten Nationalratswahlen mehr als zwei Drittel der WählerInnen einen „starken Mann“ gewünscht haben, besonders wichtig. Mit dem elegischen „Viadukt“ gedenkt das gleichermaßen kreative wie virtuose Duo des letztes Jahr verstorbenen, innovativen französischen Jazzgeigers Didier Lockwood, dessen Schüler Klemens Bittmann einst war. Nikolaus Harnoncourt hingegen spielt eine wichtige Rolle im Leben Matthias Bartolomeys, der seit 2010 Solo-Cellist im Concentus Musicus Wien ist. Das Harnoncourt-Zitat „Wirkliche Schönheit entsteht erst am Rande zur Katastrophe“ dient als perfekte Beschreibung für das mit mehr als acht Minuten Spieldauer längste Stück „Westen“, das zwar auffallend viele, aber niemals schmerzhafte Reibungspunkte bietet und mit seinem Abwechslungsreichtum und seiner prallen Energiegeladenheit in den Bann zieht. Letzteres gilt übrigens für jede der elf von BartolomeyBittmann – zwischen die beiden passt wirklich kein Abstand hinein – gemeinsam verfassten Kompositionen. Erstklassiger Streicherwahnsinn!

(ACT)

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